DANIEL KEHLMANN Wo, bitte, geht's zur Ewigkeit?


Daniel Kehlmann hat sich auf den Weg gemacht: Der österreichische Schriftsteller und Hobbymagier verzaubert mit Tief- und Doppelsinn.

Der Typ ist völlig out: Seine Bücher verströmen den irritierenden Reiz alter Meister wie Nabokov oder Proust. Und verglichen mit den Helden der abschwellenden Popfraktion erinnert er eher an einen Semiotikdozenten mit dem Hang zu Schiller und Sachertorte. »Was ich versuche«, sagt der 26-jährige Österreicher Daniel Kehlmann im Ton bierernster Früherleuchtung, »ist, Anschluss zu finden an den verspielteren Zweig der klassischen Moderne.«

Klingt ganz so, als würde der Junge allenfalls bei promovierten Freizeitgrüblern auf Gehör stoßen. Tatsächlich aber ziehen die Romane des Hobbyzauberers, der zur Verblüffung seiner Zuhörer bei Lesungen schon mal Geldstücke in Luft auflöst, all jene in ihren Bann, die Spaß an findigen, zaubertrickhaften Storys finden. »Denn ein Roman«, sagt Kehlmann, »muss so geschrieben sein, dass man ihn noch in hundert Jahren lesen kann.«

Mit dieser unbescheidenen Zielsetzung stürmte der als Sohn des Film-und Fernsehregisseurs Michael Kehlmann geborene Wiener die heiligen Hallen des Frankfurter Suhrkamp Verlags. Als jüngster Autor des Hauses hat er Platz genommen zwischen Literatengrößen wie Handke und Walser.

Nach der fabelhaften Geschichtensammlung »Unter der Sonne« und seinem Roman »Mahlers Zeit«, der das Scheitern eines genialischen Wissenschaftlers beschrieb, legt Kehlmann nun die kleine, feine Novelle »Der fernste Ort« vor. Entrollt wird darin die Geschichte des gelangweilten Versicherungsangestellten Julian, der einen vorgetäuschten Badeunfall zum Anlass nimmt, um aus seinem faden Leben zu türmen.

»Ich spiele dabei bewusst mit den Erwartungen des Lesers«, sagt der Autor. Kunstvoll jongliert er mit Ebenen, Bildern und Episoden. Und bis zuletzt lässt er uns über das wahre Schicksal seines Helden im Unklaren. War tatsächlich alles nur vorgetäuscht? Oder wandelt Julian vielmehr längst im Reich der Toten? »Ich habe versucht, zwei Geschichten zu verbinden, um sie in der Frage münden zu lassen: Kann man ein anderer werden?« Am Ende steht ein großes Jein - und über einer geheimnisvollen Geschichte fällt der Vorhang.

»Man sollte beim Schreiben möglichst die Ewigkeit im Blick haben«, sagt Kehlmann. Und fügt hinzu: »Das mag vermessen klingen, aber wenn man es nicht wenigstens als Ideal anpeilt, ist die Sache doch reine Zeitverschwendung.«

Peter Henning

»Der fernste Ort«, Suhrkamp, 148 Seiten, 34 Mark


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