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Wissenschaft hinter Gittern Verurteilter Mörder findet im Gefängnis mathematischen Beweis – nur mit Papier und Stift

Im Gefängnis: Verurteilter Mörder findet mathematischen Beweis
Christopher Havens löste im Gefängnis ein mathematisches Problem (Symbolbild)
© perfectlab / Getty Images
Im Gefängnis wurde Christopher Havens zum Mathematiker. Der verurteilte Mörder hat hinter Gittern einen Beweis zu einem alten mathematischen Problem ausgearbeitet – und mit seiner Begeisterung auch andere Häftlinge angesteckt.

Wissenschaft, das sei ein Mann, ein Bleistift und ein Stück Papier, lässt der Autor Daniel Kehlmann in seinem berühmten Roman "Die Vermessung der Welt" den Mathematiker Carl Friedrich Gauß sagen. So ungefähr muss man sich auch die Arbeit von Christopher Havens vorstellen. Der 40-jährige US-Amerikaner sitzt seit neun Jahren in der Nähe von Seattle im Gefängnis, nachdem er wegen eines Mordes verurteilt wurde. In der Haft hat er ein bedeutendes mathematisches Problem gelöst, das Wissenschaftler schon seit Jahrhunderten beschäftigt.

In diesem Jahr veröffentlichte er zusammen mit dem italienischen Mathematik-Professor Umberto Cerruti seinen Beweis im Fachjournal "Research in Number Theory". Dabei geht es um sogenannte Kettenbrüche, mit denen reelle Zahlen wie zum Beispiel die Kreiszahl Pi dargestellt werden können. Schon der antike griechische Mathematiker Euklid hatte sich darüber den Kopf zerbrochen.

Er arbeitet vom Gefängnis aus mit Mathe-Prof aus Italien zusammen

Dass Christopher Havens eines Tages zum Erkenntnisgewinn in der Mathematik beitragen würde, hatte sich in seiner Biografie nicht unbedingt abgezeichnet. Nachdem er die Schule abgebrochen hatte, war Havens in eine Drogensucht geraten und fand keinen Job. Nach einem Mord wurde er zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Dort packte ihn dann die Liebe zur Mathematik.

Mit einem handgeschriebenen Brief wandte sich Havens an einen mathematischen Verlag und schilderte sein Problem: Zahlen seien zu seiner "Mission" geworden, er habe aber niemanden, mit dem er sich darüber austauschen und der ihm Tipps geben könnte. "Ich bringe mir alles selbst bei und hänge oft lange an einem Problem fest", schrieb Havens. Mit seinem Brief hatte er Glück: Ein Mitarbeiter des Verlags leitete den Brief an seine Partnerin Marta Cerruti weiter, die informierte ihren Vater, den Mathematikprofessor Umberto Cerruti. Marta Cerruti hat die Geschichte Havens in einem Beitrag für das Portal "The Conversation" aufgeschrieben.

Veröffentlichung in mathematischer Fachzeitschrift

Ihr Vater habe zunächst nur ihr zuliebe auf die Anfrage des Häftlings geantwortet, berichtet Marta Cerruti. Der Professor aus Turin schickte Haven eine Aufgabe, um seine Fähigkeiten zu testen. Nach einiger Zeit kam die Antwort per Post aus den USA: Ein 120 Zentimeter langes Stück Papier mit einer langen Formel. Cerruti brauchte einen Computer, um die Formel zu überprüfen – doch der verurteilte Mörder Havens hatte das Problem korrekt gelöst.

Gemeinsam entwickelten sie auch Havens Gedanken zum Kettenbruch-Problem weiter, das unter anderem relevant ist, um Kommunikation zu verschlüsseln. Cerruti half Havens, einen Beweis wissenschaftlich korrekt auszuformulieren und schließlich in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Seine Erkenntnisse könnten "neue Forschungsfelder in der Zahlentheorie" eröffnen, schreibt Marta Cerruti.

Auch andere Häftlinge teilen die Begeisterung

Mit seiner Begeisterung für Mathematik hat Christopher Havens sogar einige seiner Mithäftlinge angesteckt. Für diese fungierte er als Mathelehrer – das war anfangs die Bedingung der Gefängnisleitung dafür gewesen, dass er Fachliteratur in seine Zelle geliefert bekam. Mittlerweile hat sich in dem Gefängnis ein Kreis von regelrechten Mathe-Freaks herausgebildet. So wird dort am 14. März der Pi-Tag gefeiert – in Anlehnung an die Kreiszahl 3,14. 

Havens hat noch 16 Jahre abzusitzen und will sich in dieser Zeit weiter mathematischen Themen widmen. Die Wissenschaft sieht er jetzt auch als einen Weg, seine "Schuld gegenüber der Gesellschaft" zu bezahlen, zitiert sein Mentor Umberto Cerruti aus Gesprächen mit dem Mathematiker hinter Gittern. Wenn Havens aus dem Gefängnis kommt, möchte er dann auch offiziell Mathematik studieren.

Quellen: "The Conversation" / "Yahoo" / "Research in Number Theory"

epp

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