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"Das Verhör in der Nacht" Der Bulle und die Professorin: Packendes Psychoduell um einen Bombenanschlag an Heiligabend

"Das Verhör in der Nacht"
Szene aus "Das Verhör in der Nacht": Philosophie-Professorin Judith (Sophie von Kessel) wird an Heiligabend von dem Staatsschutz-Beamten Thomas (Charly Hübner) befragt.
© Sandra Hoever/ZDF/Arte / DPA
Hat die arrivierte Professorin einen Bombenanschlag geplant? In dem Kammerspiel "Das Verhör in der Nacht" liefern sich Charly Hübner und Sophie von Kessel packende Wortgefechte - der Zuschauer muss selbst entscheiden, wem er glaubt.

Eine elegant gekleidete Dame packt an Heiligabend ihre Geschenktüten zusammen und verlässt ihr Hotelzimmer, um in das bestellte Taxi zu steigen. Doch der Wagen kommt nicht. Stattdessen erwartet sie vor dem Haus ein Polizeibeamter, der ihr nur ein paar Fragen stellen möchte. 

So beginnt "Das Verhör in der Nacht", die Verfilmung von Daniel Kehlmanns Bühnenstück "Heilig Abend", und die restlichen knapp 85 Minuten sitzen sich die beiden im Hotelzimmer gegenüber und belauern sich.

Hier die distinguierte Philosophieprofessorin Judith (Sophie von Kessel), die aus den luftigen Höhen ihrer Intellektualität auf die Welt und auch ihren Kontrahenten herabschaut. Dort der kleinbürgerliche Beamte Thomas (Charly Hübner), den nicht nur sein etwas zu kurz geratener Anzug als jemanden auszeichnet, der buchstäblich im Leben zu kurz gekommen ist. Und der die Verachtung von gesellschaftlich höher stehenden Menschen wie Judith instinktiv spürt.

Charly Hübner als Staatsschützer

Der Mann arbeitet für den Staatsschutz und glaubt, die hochkultivierte Dame habe einen Terroranschlag an Weihnachten geplant. Um den zu verhindern, will er von ihr in kürzester Zeit ein Geständnis und den Hinweis auf den Ort der Bombe. Beides braucht er dringend, denn Beweise liegen ihm keine vor. Der Ermittler stützt sich lediglich auf Indizien: Ein radikales Pamphlet, das er auf ihrem Laptop gefunden hat.

So liefern sich die beiden ein packendes Psychoduell. Thomas setzt Judith psychisch und auch physisch unter Druck. Dank der schier unbegrenzten Möglichkeiten, die der Gesetzgeber der Terrorabwehr einräumt, weiß er buchstäblich alles über das Leben der Professorin.

Die lässt all das mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen und schafft es immer wieder, den Beamten als Biedermann darzustellen, der nicht in der Lage ist, hinter die Fassaden der äußerlichen Welt zu blicken und nur deshalb mit dem System zufrieden ist.

Sophie von Kessel mit Pokerface

Die Philosophieprofessorin stellt letztlich die Frage, die schon die RAF gestellt hat: Ist die Anwendung von Gewalt gegen einen als ungerecht empfundenen Staat legitim? Dabei lässt sie offen, ob es ihr damit ernst ist - oder sie nur Gedankenspiele im geschützten akademischen Raum anstellt.

Sophie von Kessel lässt mit ihrer minimalistischen Mimik und ihrem süffisanten Blick den Zuschauer und ihr Gegenüber im Unklaren, ob an den ungeheuerlichen Vorwürfen etwas dran ist. Hübner schafft es umgekehrt das Brodeln des fleißigen Beamten zu verkörpern, der sogar an Heiligabend für ein System arbeiten muss, das letztlich nicht ihm zugute kommt: Reichtum und Anerkennung ernten andere. Und der während des Verhörs schwankt zwischen Faszination für die ihm überlegene Frau und Abscheu gegenüber ihren Gedankenexperimenten.

Hier kommt die Gefahr von links

Der Film wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Das liegt nicht nur an der Thematik: In einem Jahr, das von der Corona-Pandemie und dem Ende der Ära Trump dominiert war, ist die terroristische Bedrohung in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund getreten. Es verwundert auch, wieso plötzlich die Gefahr von links kommen soll, wo die freie Gesellschaft zuletzt doch vor allem vonseiten des Islamismus und des Rechtsextremismus bedroht wurde. 

Zudem sind Kammerspiele wie dieses in der heutigen Zeit selten geworden. Umso verdienstvoller, dass Regisseur Matti Geschonneck der Versuchung widerstanden hat, die Handlung durch den Einsatz von Musik oder schnellen Schnitten unnötig zu dramatisieren. Er vertraut ganz der Kraft seiner Schauspieler und der Textvorlage, die Autor Daniel Kehlmann selbst fürs Fernsehen adaptierte. 

Die Zurückhaltung hat sich gelohnt: Herausgekommen ist ein außergewöhnliches Stück deutsches Fernsehen, wie es nur noch selten zu finden ist.

"Das Verhör in der Nacht" ist am Freitag, 27. November, um 20.15 Uhr auf Arte zu sehen. Das ZDF zeigt den Film am Montag, 30. November zur gleichen Uhrzeit. 


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