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Das Buch zum Prozess: Kachelmanns falsche Wahl der Waffen

Ein kämpferisches Interview ist der Auftakt zur Buchveröffentlichung über den Kachelmann-Prozess aus Sicht von Kachelmann. Der freigesprochene "Wettergott" erhebt Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Eine Analyse von Sophie Albers

Die Titelwahl macht es deutlich: Eigentlich sollte das Buch "Mannheim" heißen. Am Landgericht der baden-württembergischen Stadt wurde neun Monate lang der Prozess gegen den der Vergewaltigung beschuldigten Jörg Kachelmann verhandelt, der am 31. Mai 2011 mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen endete. Zuvor saß der einst so beliebte TV-Meteorologe 132 Tage in Untersuchungshaft. Das noch aus der Zelle angekündigte "Mannheim" klang nach der Aufarbeitung persönlicher Erlebnisse in Deutschlands aufsehenerregendstem Prozess der vergangenen Jahre. Doch das war Kachelmann offensichtlich nicht genug, wie er nun mit einem neuen Buchtitel und in einem "Spiegel"-Interview zur Veröffentlichung seines Werks am 22. Oktober klarstellt.

Rund eineinhalb Jahre später heißt das Werk "Recht und Gerechtigkeit - Ein Märchen aus der Provinz". Die persönlichen Erlebnisse haben nun also universelle Gültigkeit und Moral. Darauf beharren Kachelmann und seine dritte Gattin, die 26-jährige Psychologiestudentin Miriam, im Interview. Es sieht so aus, als würde der 54-Jährige, um sich selbst von dem "Monster" zu befreien, dass "schlecht ausgebildete" Behördenvertreter aus ihm gemacht hätten, selbst ein Monster zeichnen, das sein Buch wie eine Rachefibel klingen lässt: die Männer zerstörende kriminelle Verleumderin.

"Ein beinahe perfektes Verbrechen"

Im Bereich Missbrauch und Vergewaltigung seien Falschbeschuldigungen ein Massenphänomen, so Kachelmann. Er spricht vom "Opfer-Abo", das Frauen hätten, "die immer Opfer sind, selbst wenn sie Täterinnen wurden", die Vergewaltigungsvorwürfe nutzten, um Männer zu "vernichten". "Für Frauen sind Verleumdungen heute eine beliebte und effektive Waffe geworden." Und seine Frau fügt hinzu: "Mit Missbrauchsvorwürfen kann ich mich sehr einfach an Chefs und Lebenspartnern rächen. Und ich kann problemlos das Sorgerecht für meine Kinder erstreiten. Selbst wenn sich die Vorwürfe nie erhärten lassen."

Die Justiz sei "gewohnheitsmäßig männerverurteilend". Verbände, die Vergewaltigungsopfer unterstützen, nennt Kachelmann Lobbyisten und geht so weit, sie mit Schreckensregimen zu vergleichen: "Ich will ja nicht in Abrede stellen, dass diese Organisationen auch Gutes tun. Aber das klingt immer so ein bisschen nach 'Es war nicht alles schlecht.' Das habe ich in den 60er Jahren von Westdeutschen gehört, in den 90er Jahren von Ostdeutschen." Um die Macht dieser "Lobby" zu brechen, um den laut Kachelmann massenhaft Verleumdeten zu helfen, will das Ehepaar zudem ein informelles Netzwerk aufbauen. Denn dass ihr Mann freigesprochen wurde, liege nur daran, dass die Hauptzeugin "nicht die hellste Kerze auf der Torte" sei, so Miriam Kachelmann. Die Verleumdung könne "ein beinahe perfektes Verbrechen" sein.

Missbrauch des Missbrauchs?

Falschanzeigen als Massenphänomen? Vergewaltigungsvorwürfe als reihenweise eingesetzte Waffe? Missbrauch des Missbrauchs? In einer Gesellschaft, die gerade erst damit beginnt, Vergewaltigungsopfer wirklich ernst zu nehmen, kann Kachelmanns Forderung nach der Allgemeingültigkeit des eigenen Schicksals großen Schaden anrichten.

Denn "die gesellschaftliche Wahrheit ist eine andere. Falschbeschuldigungen sind kein 'Massenphänomen', der Großteil der verübten Sexualstraftaten wird nicht angezeigt", sagt Sibylle Ruschmeier, Mitarbeiterin in der Hamburger Fachberatungsstelle Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen. "Gemäß einer repräsentativen Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2004 sind es fünf Prozent. Von diesen fünf Prozent führen lediglich 13 Prozent zu einer Verurteilung". Die Realität einer 'gewohnheitsmäßig männerverurteilenden Justiz' habe ich in 15 Berufsjahren nicht kennengelernt. Sehr wohl aber immer wieder die Wirksamkeit von Vergewaltigungsmythen zum Nachteil der betroffenen Frauen und Mädchen". Allerdings ist Frau Ruschmeier in den Augen Kachelmanns ja eine "Lobbyistin".