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Elke Heidenreichs "Weiterlesen!": Autos, Autoren, abgewrackt

Elke Heidenreich, Deutschlands bekannteste Literaturkritikerin, kommentiert einmal im Monat für stern.de das Geschehen in der Literatur. Diesmal nimmt sie den sterbenden Kapitalismus und den Fortschrittswahn aufs Korn - und rät den Verlagen zur Abwrackprämie.

Wenn die Banken implodieren, die Arbeitsplätze wegfallen, die Autos abgewrackt werden, dann hat GOTT wieder Konjunktur. Näher, mein GOTT zu dir, hilf uns bei der Sinnsuche, notfalls per SMS aufs Handy, 3,90 Euro pro Monat, siehe www.smsvongott.de. Wenn das Geld keinen Wert mehr hat, wo wir doch gerade daran so sehr geglaubt haben, was denn dann? Dann lernen wir wieder beten, tragen das Kreuz um den Hals, und Richard David Precht schreibt jetzt über die Liebe. Mönche singen auf CDs fromme Lieder, Ben Becker liest uns die Bibel vor, und gestern Nacht sah ich auf bibel tv Männer und Frauen sehr weinen vor lauter Glück darüber, dass Jesus sie zu sich holt, heim in den Himmel.

Noch ein Wort zur Abwrackprämie: Hier werden massenhaft Werte vernichtet, Autos, die durchaus noch zu gebrauchen wären, nur um Neues zu kaufen. Wir lernen: Wachstum funktioniert nur, wenn Verschleiß stattfindet, ein größeres Armutszeugnis kann der sterbende Kapitalismus sich gar nicht ausstellen.

Über den Fortschrittsirrsinn schreibt die kanadische Autorin Anne Michaels in ihrem neuen Roman "Wintergewölbe". Da wird ein Damm gebaut, den niemand wirklich braucht. Dafür wird eine Jahrtausende alte Kulturlandschaft zerstört, ein ganzes Volk umgesiedelt und letztlich dem Untergang geweiht. Und die Natur rächt sich, der Damm hat schlimmere Folgen als Nutzen. Fortschnitt und Vernunft gehen nur selten Hand in Hand.

Jetzt kommt das E-Book

Die Autos immer neuer, die Frauen immer jünger, die Bücher immer schneller - jetzt lesen wir das E-Book! Ich kenne bis jetzt nur einen Menschen, der eins hat und benutzt, das ist der Verleger (Name entfallen) des Verlages (Name entfallen), der immer die absolut grauenhaftesten Cover für seine Bücher hat - da hat es der Verleger mit dem E-Book jetzt gut, weil er das Elend nun nicht mehr sehen muss.

T.C. Boyle schreibt über "Die Frauen" des Architekten Frank Lloyd Wright. Die amerikanische Ausgabe hat ein wunderbares Cover, auf dem wir diese Furien auch mal sehen. Warum sehen deutsche Ausgaben so zum Sterben öde aus? Da bringt der Hanser Verlag, der es doch eigentlich kann, einen Handschuh und drei Knöpfe. Bloß nichts Sinnliches beim Lesen. Na, da kommt das E-Book doch gerade recht, nur noch grau und weiß und immer geradeaus mit Knopfdruck.

Martin Suter und die kleinen Möchtegerns

Martin Suter schreibt bei Diogenes "Das Bonus-Geheimnis", neue Geschichten aus der Business Class. Auf dem Cover eine Havanna rauchende Schöne, na also. Um die geht es im Buch dann aber nicht, sondern um Leute wie Ackermann, Mehdorn und die kleinen Möchtegerns in ihrem Fahrwasser, denen die Felle wegschwimmen, aber großgekotzt wird bis zuletzt. Ebenfalls bei Diogenes: Jessica Durlacher. Ihr kleiner böser Roman heißt "Schriftsteller!", mit just jenem Ausrufezeichen, das man bei mir und meinem Aufschrei "Lesen!" immer nicht leiden kann, dabei hab ich recht damit: lest gefälligst! Auch wenn die Kolumnentante aus der "Zeit" (Name entfallen) euch abrät, irgendwann wär's doch auch mal genug mit dem Lesen.

Bei Jessica Durlacher geht es um einen real existierenden deutschen Schriftsteller, der sich enorm unbeliebt gemacht hat durch Ausplaudern intimster Details aus seinem Liebesleben mit wiedererkennbarer Freundin. Freundin klagt, Buch verboten, Pressefreiheit in Gefahr, und nun haben wir einen richtigen Märtyrer (Name entfallen). In "Schriftsteller!" heißt der Typ Axel Andel, hat das gleiche Schicksal und legt nun eine Schriftstellerin gekonnt rein: Erst jubelt er ihr einen Stoff unter und dann macht er selbst daraus ein Buch und torpediert so das ihre. "Unglaublich", flüstert die Schriftstellerin, "dieser Axel Andel, dieser hinterhältige, niederträchtige Schuft, hat das gleiche Buch geschrieben wie ich!" Und sie beschließt, ihn ja nicht zu verklagen, damit es sich nicht auch noch verkauft. Schön viel Bosheit auf schön wenig Seiten.

Finden Sie nicht auch, dass Daniel Kehlmann und Jan Costin Wagner sich ähneln wie eineiige Zwillinge, vom irreführenden Haarschnitt (Kehlmann kurz, Wagner lang) mal abgesehen? Diese frisch durchblutete, üppige Unterlippe bei beiden! Dieser kecke Blick! Um die müssen wir uns keine Sorgen machen, die erkennen jeden Trend rechtzeitig und sind immer schon da, wie die Olsen-Zwillinge. Immer ganz vorn am Ball, da, wo es wichtig ist. Was eigentlich ist noch wichtig? (Sinn dafür entfallen)

Das Fernsehen auf Trab bringen

Krise! Sparen! Vor allem an der Kultur! Richtig so, sagt Alessandro Baricco, der Autor von "Seide" und ähnlichen Herzensbüchern. Schluss mit den Subventionen, sagt er, es sei absurd, in Zeiten von Wirtschaftskrisen Geld für Opern und Museen auszugeben. Die Leute gingen da eh nicht hin, schreibt er in "La Repubblica", die guckten doch sowieso nur Fernsehen, also müsse man, wenn schon, das Fernsehen als Kulturvermittler auf Trab bringen. Sag ich doch! Aber wenn man das hier sagt, wird man von einem großen, öffentlich rechtlichen Sender (Name entfallen) sofort rausgeschmissen, Kultur wollen die nun mal nicht. Ob das in Italien jetzt besser wird? Bei Berlusconi? (Gute Laune spontan entfallen)

Noch was Lustiges von einem deutschen Verlag (Name entfallen): Da war schon mit zwei Autoren ein Vertrag fest unter Dach und Fach, ein Kulturthema, jaja, und dann das bedauernde Schreiben - ach, man könne das Buch in diesen schweren Zeiten nun doch nicht machen, ausgerechnet Kultur, nein, lieber nicht. Wir raten dem Verlag zur Abwrackprämie und den Autoren dazu: schreibt ein Kochbuch, ein Gartenbuch, ein Buch über GOTT oder über eure Ausscheidungen, ändert einfach den Titel im Vertrag, dann machen sie es schon.

Wildwuchs überall. Ein altmodisches Buch über Liebe, Werte, Stille, Depressionen, Musik, Können, Lebensangst wie der zweite Teil von Ketil Bjornstadts "Vinding"-Trilogie, "Der Fluß" (Insel) ist da eine zu bestaunende Rarität. So altmodisch! So leise, so respektvoll! Will das noch jemand lesen? Nein, wohl nicht. Außer, ich befehle es mal wieder. Also gut: Lesen! Aber nicht in der Bahn oder im Flugzeug, wie früher mal. Das geht nicht mehr. Zu laut, zu voll, zu eng, zu musikberieselt, und wenn man gerade versinkt, sagt der Pilot, wie hoch wir sind, dass links unten Braunschweig ist und dass es in Hamburg regnet, und der Zugbegleiter erzählt von Rindsroulade bürgerlich und vom Bistrowagen.

Lesen geht nur noch zuhause. Wenn überhaupt. An all den Krisen und Neuerungen und E-Books liegt's nicht. Es liegt an der zu lauten Welt. Fortschritt ist nun mal nicht leise, nicht mal das.