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Frédéric Beigbeder Ein Dandy auf Egosuche


Schnösel auf Erkundungstour: Frédéric Beigbeder verarbeitet 48 Stunden Untersuchungshaft zu einem Roman über seine Kindheit. An Gefallsucht mangelt es dabei der "Zicke" des französischen Literaturbetriebs nicht.

Kurz vor seiner Inhaftierung genießt der Dandy noch Momente der Glückseligkeit. Er schwelgt bei einem üppigen Abendessen, fährt anschließend auf seiner Vespa durch Paris und summt sich mit dem Pixies-Song "Where is my Mind" durch die Nacht.

Der Ausflug endet abrupt: Frédéric Beigbeder, Autor und Protagonist von "Ein französischer Roman", wird im Januar 2008 von einer Polizeistreife in Untersuchungshaft gesteckt. Öffentliches Kokain-Schnupfen darf sich auch das "Enfant terrible" des französischen Literaturbetriebs nicht erlauben. Für Beigbeder folgen in der Gefängniszelle 48 Stunden der Läuterung.

Der Gewahrsam des damals 42-Jährigen beginnt kurz nachdem er erfahren hat, dass sein Bruder in die Ehrenlegion berufen wird. Beigbeder sitzt nun in einem "zwei Quadratmeter großen Käfig" und will sein Leben einer Generalinventur unterziehen. Wieso flüchtet er sich auch mit 42 Jahren noch in jugendliche Exzesse? Was treibt Beigbeder in die klebrigen Arme von Eitelkeit und Völlerei? Die Erinnerung an seine Kindheit soll ihm einen Ausbruch ermöglichen.

Auf der Suche nach der verlorenen Jugend

Die Krise seiner krampfhaften Jugendlichkeit kann Beigbeder in dem Roman zunächst aber kaum auflösen. Ihm fehle es am nötigen Erinnerungsvermögen. "Ich schäme mich dafür, dass meine Biografie wie mit unsichtbarer Tinte geschrieben ist", berichtet der Autor. "Ich bete um das Wunder, dass meine Vergangenheit sich in diesem Buch allmählich entwickelt wie ein Polaroidbild."

Dem Erzähler fallen jedoch die Erinnerungsbrocken dann aber nur so in den Schoß - von Amnesie keine Spur. Fortlaufend erzählt der Dandy von Erlebnissen aus seiner wohlbehüteten Kindheit in der Pariser Oberschicht. Hat ihm etwa die Notsituation der U-Haft wieder die Sinne geschärft? Kraft entfaltet der Roman gerade durch die charmante Frage: Wie sehr ähnelt der Romanautor Beigbeder tatsächlich seinem Romanhelden?

Sie sind wohl deckungsgleich. Wo Beigbeder draufsteht, steckt auch Beigbeder drin. Der Narziss lässt keine Möglichkeit aus, seinen Bildungsstand zu bezeugen und sich - so hofft er vermutlich - jedem Literaturfan anzubiedern. Im Beigbederschen "Tante-Emma-Laden" ist für jeden ein Querverweis zu erheischen - von William Shakespeare über Roland Barthes bis zu Jay McInerney.

Gedächtnisverlust als Überlebensstrategie

Die Rechnung des früheren Werbetexters, der mit dem hinreißenden "Neununddreißigneunzig" im Jahr 2000 seinen Durchbruch feierte, ging zumindest in seiner Heimat Frankreich auf. Beigbeder erhielt 2009 den renommierten Prix Renaudot und ist mittlerweile eine Klasse für sich.

Vielleicht haben sich die Juroren gerade von der zweiten Hälfte des prätentiösen "Ein französischer Roman" bezirzen lassen. Denn dort löst der heute 45-Jährige sein Bekenntnis zur Selbsterforschung ein. Man erfährt, dass die "Zicke" vor allem unter der schmerzhaften Scheidung der Eltern zu leiden hatte. "Ich habe übermenschliche Fähigkeiten im Vergessen entwickelt, als wäre das eine Begabung: Gedächtnisverlust als frühes Talent und Überlebensstrategie", schreibt Beigbeder gegen Ende seines Romans und lüftet die Maske, die er so gerne mit pfauenhaftem Vergnügen trägt.

Martin Moravec/DPA DPA

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