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Beziehungsprobleme: Mach Schluss! Ein Plädoyer für den klaren Cut

Die einen trennen sich so vorbildlich, dass sie eigentlich zusammenbleiben. Andere schleichen sich feige davon. Und ein weiterer großer Teil verweilt in Beziehungen, die längst verloren sind. Schluss damit.

Von Lena Steeg

Beziehungsprobleme

Wenn es keinen Sinn mehr hat, die Beziehung aufrechtzuerhalten, ist es nicht leicht, diese Erkenntnis anzunehmen (Symbolbild)

Damit wir uns nicht missverstehen: Ein Paar zu sein ist super. Ein Paar zu sein, das gerade eine schwierige Phase hat, ist für die Beteiligten vielleicht nicht ganz SO super, aber natürlich sollten sie deshalb nicht gleich alles hinschmeißen. Es gilt die alte Weisheit: Der Trick beim Zusammenbleiben ist, sich einfach nicht zu trennen. Also die ständig aufs Neue im Raum stehende Frage "Gehen oder bleiben?" jedes Mal stur mit "Bleiben“ zu beantworten. Die Power der funktionierenden Langzeitbeziehung schöpft sich (abgesehen von einem Grundgefühl der Liebe) vor allem aus den Fähigkeiten Zuversicht, Langmut, Hartnäckigkeit, Trotz.

Nun gibt es aber noch dieses zu Tode zitierte Gebet, das schätzungsweise um 1941 höchstwahrscheinlich von Reinhold Niebuhr, einem US-amerikanischen Theologen, geschrieben wurde (die genaue Urheberschaft ist bis heute nicht vollständig geklärt), in dem der Verfasser und fortan alle ihn Zitierenden Gott um die Gelassenheit bitten, "Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann“, sowie "den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden".

Gehen oder bleiben?

Mit der Weisheit aber ist es in Liebesangelegenheiten ja so eine Sache. Woher soll man wissen, ob die Beziehungslage, in der man aktuell steckt, die Courage erfordert, sie zu beenden, oder den Gleichmut, sie auszuhalten? Relativ simpel in drei Punkten:

1. Wenn die Probleme mit einem klar identifizierbaren Ereignis verbunden sind, das man grundsätzlich zu überwinden oder zu verzeihen bereit ist: bleiben.

2. Wenn das Ende der Probleme zeitlich absehbar ist und/oder es konkrete Möglichkeiten gibt, sie in den Griff zu bekommen: bleiben.

3. Bitte einmal kurz rausgetreten aus der Gegenwart. Die Beziehung bis zum heutigen Tage als Ganzes betrachtet: Waren da die schlechten oder die guten Zeiten in der Überzahl?

Ehrlicherweise hängt alles, auch die Beantwortung der Fragen 1 und 2, von der Antwort auf Frage 3 ab. Wer sich eingestehen muss, dass die unerfreulichen Phasen klar dominant sind, möge sich von dem nun folgenden Text bitte persönlich angesprochen, wenn es sein muss, auch angegriffen fühlen: Es hat keinen Sinn, die Beziehung aufrechtzuerhalten.

In guten wie in schlechten Zeiten

Natürlich, leicht wird es nicht, diese Erkenntnis anzunehmen. Der Mensch ist naturgemäß stark von sich selbst ergriffen und empfindet das in ihm herumwühlende System aus Geist und Gefühl als so faszinierend und ausgeklügelt, dass alles, was damit zusammenhängt, grundsätzlich kompliziert sein muss. Was aber Quatsch ist. Die wichtigen Dinge im Leben sind in der Regel simpel. Im konkreten Beispiel geht die Rechnung sogar eins zu eins: Wenn die Zeit in einer Beziehung mehrheitlich schlecht ist, ist die Beziehung schlecht.

Der Satz, der seit Generationen das Mantra einer jeden auf lebenslange Laufzeit ausgelegten Beziehung ist, lautet schließlich: in guten wie in schlechten Zeiten. Und eben nicht: in okayen wie in schlechten Zeiten. Und auch nicht: in schlechten wie in superschlechten Zeiten. Auf diese Erkenntnis nun kann man unterschiedlich reagieren. Momentan lassen sich vier übergeordnete Varianten unterscheiden. Drei von ihnen sind falsch – und Verrat an der Romantik.

Die vier Beziehungstypen

Gruppe 1: Die Ausharrer

Natürlich ist an dem kulturpessimistischen Universalvorwurf etwas dran, wir jungen Menschen seien nicht mehr bereit, für die Dinge, die uns eben noch am Herzen lagen, zu kämpfen. Wegwerfgesellschaft, Tinder-Mentalität, Auseinandersetzungsphobie – stimmt schon. Worüber aber komischerweise kaum jemand spricht: Zum beklagenswerten Trend des übereilten Austauschens bloß kurz mal stotternder Verbindungen hat sich eine weitere emotionale Übersprungshandlung gesellt: das sture Zusammenbleiben, ohne jeden guten Grund.

Es gab eine Zeit, Anfang der Nullerjahre, in der jeder junge Mensch im westlichen Europa den Roman "39,90“ von Frédéric Beigbeder las. Die, die ihn nicht lasen, sahen den gleichnamigen Film. Damals, und das erklärte das Buch, galt es gemeinhin als schick, damit zu prahlen, viel, lange und hart zu arbeiten. Überstunden waren ein schillernderes Statussymbol als jede Rolex, die zu kaufen man sowieso keine Zeit hatte, weil man ja den ganzen Tag in Kanzleien, Praxen, Redaktionen oder Werbeagenturen rumhing, eine gute Idee nach der anderen herausknüppelte und sich gegenseitig dazu beglückwünschte, blass, abgekämpft und kokainabhängig zu sein.

Leidensfähigkeit ist keine Leistung

Ähnliches lässt sich heute in vorgeblich modernen Beziehungen beobachten. Was wird da ausgehalten, durchgestanden, gekämpft und gelitten! Paare bezeugen in unironischer Kriegsmetaphorik, wie tapfer sie gerade durch das Leid ihres gemeinsamen Lebens waten, und wenn man sie sanft daran erinnert, dass das doch ursprünglich so nicht gedacht war, dieses Liebes-Ding, bekommen sie schlechte Laune und fühlen sich unverstanden.

Dabei wäre das Missverständnis ganz leicht zu beheben, indem man immer wieder laut vor sich hin spricht: Leidensfähigkeit ist keine Leistung – schon gar nicht in der Liebe. Am Ende des Lebens kommt höchstwahrscheinlich niemand um die Ecke und sagt: "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ja wirklich immer ganz tapfer die Zähne zusammengebissen, das ist uns von da oben sehr positiv aufgefallen."

Die Grundidee der modernen, roman- tischen Beziehung, die nicht mehr auf gesellschaftlichen und materiellen Zwängen beruht, ist folgende: Es soll zu zweit besser sein als alleine. Wer diesen Grundsatz als oberflächlich oder naiv abtut, hat Liebe nicht kapiert.

GRUPPE 2: Die Schlüsschenmacher 

Manchmal trennen sich längst verlorene Paare erfreulicherweise aber doch. Zumindest kurz mal, für einen Abend, an dem dann auch sehr ausdauernd geweint und mit Freunden gewhatsappt wird. Schon tags drauf allerdings ist von der angeblichen Trennung kaum mehr etwas zu erkennen. Denn was während einer Beziehung wichtig ist, wird im Moment ihres Endes zum heikelsten Manöver: das Versprechen. Und versprochen wird in Schlussmachgesprächen allerhand. Freunde bleiben? Das ja eh! Außerdem: weiterhin gemeinsam auf Familiengeburtstage gehen, den Freundeskreis nicht belasten mit der Trennung (irgendwie ja auch so ein böses Wort, nicht?), und wenn der Sommer- urlaub aber doch schon gebucht ist ...

Überforderung und Feigheit

Wer Zeuge moderner Trennungen wird, muss sich über die Aktualität dieses Umstands im Laufe der kommenden Wochen deshalb immer wieder rückversichern ("Aber es ist aus zwischen euch, ja?"), weil es kaum nennenswerte Hinweise darauf gibt, dass das Paar wirklich kein Paar mehr sein will. Das liegt zum einen an der verständlichen Überforderung, sich von einer Person zu lösen, die bis gestern noch maßgeblichen Anteil am eigenen Leben hatte. Zum anderen aber auch an der Feigheit, die Sache durchzuziehen – in der Realität, mit allen Konsequenzen. Und das ist ja auch sympathisch. Was wäre man für ein straighter Gefühlsverwalter, wenn man sich nach Ende der offiziellen Vertragslaufzeit, ohne mit der Wimper zu zucken, einen neuen Anbieter zu besseren Konditionen suchen würde? Man kann diesen bis gerade noch wichtigsten Menschen ja nicht einfach austauschen, oder?

Keine falsche Höflichkeit

Ehrlich gesagt: Bisschen austauschen muss man einander schon, wenn man kein Paar mehr ist. Schlimmer als jeder harte Break-up, und das versteht man leider immer erst im Nachhinein, ist falsche Höflichkeit. Höflichkeit in dem Sinne, dass man seine wahren Gefühle versteckt und aus Mitleid oder Angst etwas zu schaffen vorgibt, was nicht zu schaffen ist. Beispiele: "Du bleibst trotzdem der wichtigste Mensch für mich." "Ich werde immer für dich da sein." "Natürlich ist da noch Liebe." All diese Sätze sind gut gemeint und werden im Moment ihres Ausspruchs gewiss auch so empfunden, trotzdem sind sie nichts weiter als der Rio-de-Janeiro-Filter in der Insta-Story: Scheintrost.

Man hätte gerne, dass die Realität unicornregenbogenso wäre. Aber man hätte ja auch sonst sehr viel sehr gerne, und klappt das immer? Natürlich hat jeder von uns im Schlussmachen schon mal die subversive und irrsinnig rebellische Idee geäußert: "Wir machen das ein- fach auf unsere Weise, wir waren besonders, also ist es unsere Trennung auch." Und nie, nie, nie hat das am Ende geklappt.

Kein Break-up ist ok

Die Arroganz der Liebenden, die sicher sind, in ihrem Fall liefe alles ganz anders, entgegen aller Erfahrung und Statistik, ist das Schönste an einer Beziehung und sollte unbedingt verteidigt werden gegen alle Anschlagsversuche der Realität. Am Ende der Beziehung allerdings muss es vorbei sein mit dieser Arroganz, sie richtet sich sonst gegen mindestens einen von beiden. Den, der als Letzter bemerkt, dass es wohl WIRKLICH aus ist. Und der sich dann noch ein zweites Mal verlassen fühlen muss. In der Liebe können wir uns Einzigartigkeit einreden, im Schlussmachen aber gibt es keine Originalität. Nicht ein Break-up der Welt ist am nächsten Tag einfach okay, da kann sich Gwyneth Paltrow noch 20-mal von irgendwelchen Freunden consciously uncouplen.

Man muss nicht mit Tellern werfen, sich hassen oder sonst wie ausrasten, wenn man sich trennt. Aber eine stille, harmonische Abwicklung im Sinne der in Hollywood-Scheidungsverfahren immer so elegant klingenden "unüberbrückbaren Differenzen“ ist nicht erwachsen, sondern feige. Mindestens der ehedem gemeinsamen Liebe gegenüber.

GRUPPE 3: Die Dematerialisierer 

Und dann gibt es da noch diesen Schlag Menschen, von dem man immer dachte, er existiere nur in Scripted-Reality-Shows oder den uninspirierten Generations-Abrechnungstexten von großstadt- überforderten Jungjournalisten. So bescheuert, dumpf und lächerlich klingt das: Gerade ist man noch ein Paar (oder zumindest auf dem Weg dahin), und im nächsten Moment ist der andere weg. Man fragt sich: "Wie: weg?" Wohin denn und weshalb? Und überhaupt: Das könnte einem selbst ja gar nicht passieren, schließlich umgibt man sich mehrheitlich mit geistreichen und anständigen Menschen, von denen niemand einfach ... – tja, und dann aber doch.

Was mittlerweile als Ghosting (Kontaktabbruch ohne Erklärung), Benching (klassisches Warmhalten) und Haunting (besonders per de, weil das Ex-Date digital weiterhin präsent bleibt, sich weiterhin Insta-Stories anschaut, Bilder liked und kommentiert, ohne jedoch echten Kontakt aufzunehmen) bekannt ist, lässt sich schlichter zusammenfassen mit der Faustformel: Man ist an ein Arschloch geraten. Arschlöcher gibt es auf männlicher wie weiblicher Seite, und leider lassen sie sich im Vorfeld nicht an fehlendem Intellekt, Humor oder Charme erkennen, im Gegenteil.

Gefühlt austauschbar

Das Erschütternde, wenn man zum ersten Mal an einen Menschen gerät, der sich einfach davonstiehlt, ist das Gefühl der Austauschbarkeit. Da geben sich Eltern und Freunde ein Leben lang Mühe, einem zu erklären, wie einzigartig und liebenswert man ist – und plötzlich rüttelt jemand unter Zuhilfenahme eines emotionalen Bulldozers an diesem Existenz-Grundpfeiler.

Liebe, das ist ja, runtergebrochen auf den Alltag, nichts anderes als fortwährende Auseinandersetzung. Man hört einfach nicht damit auf, sich für den anderen zu interessieren. "Schatz, wie war dein Tag?" ist, egal wie piefig und klischeeig das klingen mag, einer der liebevollsten Sätze überhaupt, weil er genau das bedeutet: Zuwendung. Anteilnahme.

Wer nicht nur nicht fragt, wie der Tag war, sondern gleich ganz verschwindet, verweigert Auseinandersetzung und hat also nicht nur längst Schluss gemacht – vermutlich war man nie mit ihm zusammen. Der einzige Trost: Diese Leute können einen für einen kurzen, manch- mal auch längeren Moment erschüttern, klar. Aber sie ersparen einem auch etwas, was ihnen selbst nicht vergönnt ist: Man muss nicht sein ganzes restliches Leben mit ihnen zusammen- bleiben.

GRUPPE 4: Die Unerschütterlichen 

Und dann gibt es da noch euch. Mit Beziehungen läuft es mal glänzend und mal gar nicht (für Zwischentöne habt ihr im Alter noch Zeit, jetzt erst mal darf sich die Liebe in Extremen bewegen), ihr haltet tapfer durch. Ihr küsst euch, wenn es sein muss. Ihr trennt euch, wenn es sein muss. Ihr hadert damit, wie absurd das ist, dass alle einander ständig wehtun, obwohl der Großteil doch die besten Absichten hat.

Es gab in der Print-NEON so viele Fühlen-Texte, ernste Ratgeber und wütende Polemiken, wir haben die Liebe, ihr Gelingen und ihr Scheitern immer wieder beleuchtet und zu verstehen versucht. Und natürlich enthielten all diese Überlegungen viele schlaue Gedanken. Und natürlich bleiben wir am Ende trotzdem dumm. In einem Interview für einen dieser Texte ("Mach dich abhängig“, 03/16) aber hat der Münchner Psychoanalytiker und Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer vor zwei Jahren etwas gesagt, was vermutlich die beste Essenz aus all unseren Geschichten ist. Wir hatten von ihm, der Beziehungen und ihr Missglücken seit Jahrzehnten theoretisch und praktisch erforscht, wissen wollen, wie man damit klarkommt, dass wir die Liebe nicht wirklich in der Hand haben, dass sie auf ewig der letzte nicht durch Leistung und Disziplin zu optimierende Teil unseres Lebens sein wird.

"Liebe macht liebenswert"

Schmidbauer sagte: "Viele Menschen sehen Liebe insgeheim als eine Art Leistung, die vom anderen gefälligst erbracht werden soll. Sie denken: Ich mache so viel, ich habe mich so gut im Griff , ich arbeite andauernd an mir, also steht mir das auch zu, ich habe es verdient, geliebt zu werden. In Wahrheit wird aber andersherum ein Schuh draus: Lieben macht liebenswert."

Das Klügste, was wir also tun können: der Liebe, wenn sie uns erfasst, nichts entgegenzusetzen, mit allem, was wir haben und fühlen, in Vorleistung zu gehen, immer wieder. Und sie aber – wenn es denn so weit kommen sollte – mit genau der gleichen Aufrichtigkeit und Zuversicht auch wieder gehen zu lassen. Denn immerhin das ist ja klar: Da, wo es keine Liebe (mehr) gibt, gibt es auch nichts zu verpassen. Außer der Chance auf eine neue.

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