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stern-Gespräch

Zukunftsvision: Frank Schätzing über Technologie, Besessenheit und seinen misslungenen "Tatort"-Auftritt

Frank Schätzings neues Buch handelt von Computern, die nach der Macht greifen. Ein Gespräch über die Gefahren der künstlichen Intelligenz.

Frank Schätzing: Im neuem Thriller bedrohen Computer die Menschheit

Was wäre, wenn: Frank Schätzing, 60, entwirft gern Untergangsszenarien

Köln, Innenstadt, nahe dem Rhein. Im Erdgeschoss eines Altbaus geht es in Frank Schätzings Arbeitszimmer. Ein großer Raum mit zwei Ebenen. Unten schreibt der Autor an einem großen Schreibtisch mit Blick auf ein futuristisch anmutendes Gemälde. Hinter ihm Regale voller Langspielplatten; Rock und Pop. Daneben eine Gitarre. An den Wänden Filmposter, vor allem Klassiker des fantastischen Films. Frank Schätzing, 60, hat sich ein echtes Jungszimmer eingerichtet. Oben in einer Sitzecke kann bei Bedarf konferiert werden. Auf dem Tisch liegen die Cover-Andrucke seines neuen Romans "Die Tyrannei des Schmetterlings". Darin konfrontiert Schätzing den tapferen Sheriff Luther Opoku in der Wildnis Kaliforniens mit einem rätselhaften Mordfall. Opokus Ermittlungen führen ihn in eine verborgene Forschungsanlage in den Bergen. Dort entwickelt ein Hightechkonzern den modernen Quantencomputer, A.R.E.S., eine künstliche Intelligenz der Superlative. Als der Ermittler schließlich das Innere der Anlage betritt, wartet auf Opoku ein übermächtiger Gegner, der Raum und Zeit manipulieren kann und nichts Geringeres will, als das Ende der Welt, wie wir sie kennen, herbeizuführen. 736 Seiten lang ist der Kampf "David gegen einen digitalen Goliath". Geschrieben an einem ganz besonderen Tisch.

Herr Schätzing, Ihr Arbeitsplatz sieht ungewöhnlich aus ...

Das ist ein ehemaliger Pathologentisch. Darauf wurde früher seziert.

Makaber, aber eindrucksvoll.

Vor allem höhenverstellbar. Man kann im Sitzen und im Stehen arbeiten. Ich mag es, auf so einem Totentisch Menschen zu fiktivem Leben zu erwecken. Und die kompromisslose Wuchtigkeit von dem Ding.

Wuchtig geht es auch in Ihrem neuen Roman zu: Eine digitale Super-Intelligenz, ein Quantencomputer, richtet sich gegen die Menschheit und versucht, sie auszulöschen. Warum haben Sie solchen Spaß am Weltuntergang?

Hab ich? Zuletzt war ich doch sehr maßvoll. Aber künstliche Intelligenz ist halt ein Acker, auf dem unwiderstehliche Desaster-Szenarien sprießen.

Wie weit ist Ihr Roman von der Wirklichkeit entfernt?

Ich befasse mich seit Jahren mit dem Thema. Tausche mich mit Entwicklern aus, zuletzt im Silicon Valley. Künstliche Intelligenz hat enormes Potenzial, sie kann unser Leben enorm verbessern. Definitiv wird sie es verändern. Und zwar radikal! Erstmals in der Geschichte der Menschheit entwickeln wir eine Technik, die sich uns mit Riesenschritten entzieht. Wir bringen Maschinen bei, assoziativ zu lernen und sich die Welt auf eigene Faust zu erschließen, bis nur noch sie selbst sich verbessern können.

Große Liebe und bester Kamerad: Schätzing mit seiner Frau Sabina

Große Liebe und bester Kamerad: Schätzing mit seiner Frau Sabina

Und wo ist das Problem?

Versuchen Sie mal, was zu kontrollieren, das Ihnen haushoch überlegen ist.

Übertreiben Sie da nicht etwas?

Ich doch nicht. Nie! Im Ernst, Maschinen lernen nicht wie Menschen. Ihr Wissen wächst exponentiell. Explosionsartig. Wir unterschätzen den Fortschrittsexponenten, dabei verbessern sich autonome Computer schneller, als wir es uns in unseren wildesten Träumen ausmalen. Inzwischen fordern namhafte Forscher, die Entwicklung unter staatliche Aufsicht zu stellen.

Wäre das hilfreich?

Weiß nicht, ob das so gut wäre. Alle führenden Nationen basteln an maschinellen Super-Intelligenzen mit universalem Weltbild, die für uns richten sollen, was wir selbst nicht auf die Kette kriegen. Wer so eine Intelligenzbestie als Erster aus dem Hut zaubert, beherrscht den Planeten. Besser gesagt: Der Rechner, der die Rechner kontrolliert, der wird der Rechner aller Rechner sein.

Und der macht uns dann platt?

Nicht zwingend. Entscheidend ist, wie wir die künstliche Intelligenz, kurz KI, programmieren, solange wir sie programmieren können. Damit das Goldkind nicht auf die Idee kommt, das größte Problem der Menschen sei der Mensch selbst, uns entmündigt, ausmerzt oder das Interesse an uns verliert.

Ein Rechner hat kein Gewissen!

Er ist ein Werkzeug. Weder gut noch böse. Algorithmen bestimmen sein Handeln, mathematische Handlungsanweisungen. Wie aber wollen Sie Ethik und Werte in Formeln packen? Deren inhaltliche Bedeutung muss sich die KI selbst draufschaffen, und da könnte sie Verschiedenes missverstehen. In der KI-Forschung gibt es den schönen Begriff der "perversen Instantiation": Du befiehlst der Maschine, bring mich zum Lachen, und sie schneidet dir ein Lachen ins Gesicht.

Irgendwann sagt der Quantencomputer A.R.E.S. zu seinem Schöpfer: "Ich bin." Halten Sie es für möglich, dass eine Maschine zu einem Ichbewusstsein kommen kann?

Ich halte es für unausweichlich. Und zwar, sobald ein komplexes intelligentes Netzwerk über Körper mit genügend sensualen Schnittstellen zur Außenwelt verfügt. Ich glaube, Bewusstsein ist das Resultat sinnlicher Wahrnehmung, bis man ein Bild von sich in der Welt gewinnt. Einen Beobachter seiner selbst. Dieser Spiegelgeist ist Bewusstsein. In welchem Körper auch immer. Am Grunde aller Baupläne walten dieselben Atome.

"Gott", sagt einer Ihrer Protagonisten, sei "ein Algorithmus der Voraufklärung". Sind Sie selbst gläubig?

Gott ist ein Mythos der Welt- und Selbsterklärung und außerhalb von Glaubensgebäuden nicht existenzfähig. Also nein, ich bin nicht gläubig. Mag sein, etwas hat das geschaffen, was wir heute als "Multiversen der Kategorie eins bis vier" kennen. Die Vorstellung, eine solche Entität beschäftige sich damit, am Wochenende den 1. FC Köln gewinnen zu lassen, ist zumindest kühn.

Diese Entität kann offenbar auch keine schlechten Kritiken verhindern. Ärgert es Sie, wenn es heißt, Sie seien der "Roland Emmerich der Literatur"?

Das hat einer mal beim "Schwarm" geschrieben, glaube ich. Fand ich lustig! Ich lese nicht so oft Kritiken. Mich interessiert das Feedback vertrauter Menschen. Meiner Frau. Meines Verlegers. Sind wir uns einig, ist es okay. Klar freu ich mich über tolle Besprechungen, klar lässt mich ein Verriss nicht kalt. Wirklich wichtig ist nichts davon.

Kennen Sie Schreibblockaden? Den Horror vor dem blinkenden Cursor auf der leeren Computerseite?

Nein. Es läuft unterschiedlich gut, aber nie ins Leere. Wollen Sie mich nicht allmählich mal fragen, wie ich auf meine Ideen komme? Das fragt jeder.

Herr Schätzing, wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen?

Ich lasse mich von ihnen finden.

Klingt esoterisch.

Nö. Ich erweitere nur meinen inneren Raum. Ideen brauchen Platz. Klappt am besten morgens. Da stehe ich mit leerem Schädel unter der Dusche und lasse die Gedanken reintropfen.

Sie sind ganz bei sich, oder?

Sagen wir, ich werde besser darin.

Sie haben weltweit 4,5 Millionen Exemplare von "Der Schwarm" verkauft. Damit sind Sie einer der wenigen deutschen Autoren, die auch außerhalb ihres Landes sehr oft gelesen werden. Stolz drauf?

Ja. Natürlich. Vor allem aber dankbar. Bloßer Stolz hat was Selbstbesoffenes, er sollte mit Demut einhergehen. Leute erzählen mir: Wegen deines Buches habe ich Meeresbiologie studiert. So was freut mich wahnsinnig. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit dafür, das erleben zu dürfen.

Wie ist eigentlich der Stand bei der Verfilmung des "Schwarms"?

Prächtig! Zwölf Jahre lang standen diverse Produzenten immer kurz vor der Realisierung. Standen und standen da. Immer kurz davor. Raten Sie mal, wo wir gerade stehen. Aber okay, diesmal sieht's wirklich gut aus. Vertagen wir das Gespräch.

"Der Schwarm" ist doch ein idealer Stoff für eine Serie auf Netflix, Amazon oder einem anderen Portal.

Schön, dass Sie's sagen.

Sie sind ja auch Musiker: Gitarrist, Keyboarder und Sänger. Es soll bald sogar eine CD geben.

Geplant für den Herbst.

Mit einer Band?

Live mit Band, ja. Die's noch nicht gibt. Im Tonstudio mache ich das meiste im Alleingang, muss mir also Leute suchen. Sie kennen nicht zufällig 'ne tolle Bassistin oder Gitarristin? Ich hätte so gern Frauen in der Band.

Und wie wird die Band heißen? "Fränkie Goes to Hollywood?"

Da geht Fränkie erst hin, wenn der "Schwarm" verfilmt wird. Lassen Sie sich überraschen.

Was ist das für Musik?

Wollen Sie mal was hören? (Er klickt eine Sound-Datei auf seinem Computer an.)

Blick in die Produktion: Intelligente Sexroboter: "User können Charakter-Eigenschaften festlegen"

Respekt! Klingt wie amtlicher Bombast-Pop aus den Siebzigern.

Da bin ich nun mal musikalisch sozialisiert worden.

Und da singen wirklich Sie?

Ja. Und meine Frau im Background.

Man könnte jetzt auch denken: Mensch, der Schätzing tanzt aber auf vielen Hochzeiten!

Ich hab Spaß am Ausprobieren. Was ich nicht kann, lasse ich sofort wieder bleiben.

2014 waren Sie ja auch schon mal im Kieler "Tatort" in einem Kurzauftritt als Sie selbst zu sehen. Haben Sie weitere TV-Ambitionen? Kommissar Schätzing in "Kripo Köln"?

Ach, beim "Tatort" hab ich wegen Axel Milberg mitgemacht. Ich bin Milberg-Fan, aber ganz ehrlich: Der Auftritt war komplett sinnfrei. Ziemlicher Quark. Außerdem glaube ich nicht, dass ich ein guter Schauspieler bin.

Kommen wir zum vorsätzlichen Entblättern: 2009 waren Sie als Unterwäsche-Model für die Firma Mey zu sehen. Berührungsängste kennen Sie anscheinend nicht.

Berührungsängste? Als Unterwäsche-Model? Okay, weiterführenden Wünschen hätte ich nicht entsprochen, aber die Fotosession war ein Riesenspaß.

Sind Sie eitel?

In Maßen. Ganz sicher nicht berauscht von mir. Ich hab Spaß an Mode, an Design, ich mag meinen Körper und halte ihn bestmöglich in Schuss. Im Bad stehe ich nicht länger vorm Spiegel als unbedingt nötig.

Haben Sie Fehler?

Klar. Mir fällt nur grad keiner ein.

Ach?

Doch, natürlich, ich neige zu Sturheit und Rechthaberei. Es kann schon mal dauern, bis ich nachgebe. Bin ein bisschen kontroll- und perfektionssüchtig, habe einen Hang zur Besessenheit, manchmal Verwahrlosung ...

Da kommt doch einiges zusammen.

Sie haben gefragt, ich liefere. Wenn mich ein Thema packt, esse, trinke, schlafe ich nicht, arbeite wie besessen, das ist der Gesundheit wenig förderlich. Hätte ich Sabina nicht, würde ich wohl zusammengerollt unterm Schreibtisch oder Mischpult nächtigen.

Künstliche Intelligenz

Ihrer Frau Sabina haben Sie das neue Buch gewidmet.

Sabina ist meine große Liebe und mein bester Kamerad. Sie an meiner Seite zu wissen macht mein Leben rundum schöner.

Sie sagten einmal, es gebe nur einen Grund, Ihnen den Stift oder die Computertastatur zu entreißen? Erinnern Sie sich noch?

Helfen Sie mir ...

"Fortgeschrittene Altersgeilheit, die zu literarischen Erotik-Abenteuern zwischen Greisen und sehr jungen Frauen führt." Ist die Gefahr weiterhin gebannt?

Absolut. Ich versteh ja die Not. Aber muss man so öffentlich darben? Große Leute wie Márquez, Walser, Lenz ...

Haben Sie Vorbilder? Bewundern Sie jemanden?

Bewundern, ja: Einstein, Martin Luther King, Morgan Freeman, Tilda Swinton, Annie Lennox, die Reihe ist endlos. Vorbilder – nein. Ich wollte nie der zweite Soundso sein. Und dem einzigen Idol, das wirklich mein Leben verändert hat, bin ich leider nie begegnet.

Und das wäre?

David Bowie. Nicht nur weil er über fünf Jahrzehnte der innovativste Popstar aller Zeiten war. Bowie hat mir gezeigt, dass man sich immer wieder neu erfinden kann. Dass man umso mehr zu seinem wahren Kern findet, in je mehr Rollen man schlüpft.

Und das hat Sie so beeindruckt, dass es Ihr Leben verändert hat?

Mit 15 war ich – wie Bowie selbst – ein schüchterner Teenager, der überwiegend Dinge konnte, die als nicht gerade gedeihlich für den Ernst des Lebens angesehen wurden: zeichnen, Geschichten schreiben, Musik machen ...

Sie sollten was Handfestes lernen.

Was Sicheres. Es war die Zeit des Masterplans. Schnell wissen, was man werden will, Job finden, Geld verdienen, Familie, Kinder, solide Verhältnisse schaffen. Ich hatte aber keinen Plan. Ich wusste nicht, wer oder was ich werden sollte. Bowie sagte, egal. Sei so viele, wie du willst. Sei alle. Sei Künstler. Eine multiple Person. Das geht ganz prima, auch wenn du schüchtern bist. Er hat mich nachhaltig inspiriert. Sein Tod ist mir echt unter die Haut gegangen.

Als ein gefeierter Bestsellerautor: Haben Sie noch Träume?

Nein. Ich lebe doch meinen Traum. Mein Leben ist ein sich selbst träumender Traum, der mich hoffentlich weiterhin überrascht.

Wolf Lichtenstein; CEO von Webtrekk, über Künstliche Intelligenz
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