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Frankfurter Buchmesse: Fegefeuer der Eitelkeiten

Auf der Frankfurter Buchmesse tummeln sich jedes Jahr Unmengen von Autoren, die vornehmlich an der Pflege ihres Egos interessiert sind. Von Eric Hegmann

Meine erste Buchmesse! Ich war nervös.
"Dann bist du ja jetzt ein richtiger Schriftsteller!", sagte meine Mutter und ich hörte einen Funken Stolz, obwohl sie die Erzählungen in meinem Buch "Jungs sind so!" gar nicht gemocht hatte. "Warum schreibst du nicht mal was Schönes?"

Dennoch: Schriftsteller. Das klang gut, aber irgendwie auch befremdliche. Ich selbst nutze Autor. Den Unterschied erklärte mir vergangene Woche ein junger Mann, der sich dem literarischen Nachwuchs in Hamburg verpflichtet fühlt und meine Texte als schlicht "grässlich gewöhnlich" und "überhaupt nicht komisch" abtat: "Schriftsteller sind Menschen, die Romane verfassen, Autoren schreiben höchstens Sachbücher"
Also war ich ein Autor!

Mit Laptop im ICE

War dies denn nun wenigstens besser als ein Journalist?, fragte ich mich bei der Registrierung für die Buchmesse im Internet, denn: "Eine Akkreditierung ist zwar für verschiedene Branchen möglich. Sie dürfen sich als Journalist und Autor anmelden", stand da. "Allerdings können Sie nur eine Bezeichnung wählen, die Sie dann auf der Messe ausweist." Sollte dies nicht meine Agentin wissen? "Eric, ich sitze gerade in einem wichtigen Termin und ich weiß wirklich nicht, wie du dich akkreditieren sollst. Warum kaufst du dir nicht einfach ein Ticket?" Kein Wort darüber, ob sie mein neues Manuskript schon jemandem angeboten hatte. Im ICE von Hamburg nach Frankfurt tat ich, was von mir als Autor erwartet wurde: Kaum saß ich, da hatte ich auch schon mein Laptop ausgepackt.

"Weltweite Leitveranstaltung" der Buchbranche

Nun steht das E in ICE nicht für Elektrik. Strom gab es nämlich keinen, zumindest nicht den aus der Steckdose. Leider erreichen Akkus ihre angepriesenen vier Stunden Laufzeit in der Regel nur in einem Testlabors, aber niemals in ihrer natürlichen Umgebung. So studierte ich bereits hinter Hannover die vorab ausgedruckten Mitteilungen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels: Knapp ein Prozent mehr Aussteller als im Vorjahr. Damit habe die Messe ihre Position als "weltweite Leitveranstaltung" der Buchbranche ausgebaut, sagte Messe-Direktor Volker Neumann. Die derzeitige Flaute im Buchgeschäft wertete der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann, nicht als Ausdruck einer "Lese-Krise". Außerdem wurde im ersten Halbjahr 2004 wurde ein Plus von 0,7 Prozent erzielt.

Die Umsatzanteile: Belletristik 29,4 und Ratgeber 17,2 Prozent. Insgesamt präsentierten 6691 Verlagen aus 111 Ländern. 350.000 Neuerscheinungen. Zwei davon waren von mir. 1000 Schriftsteller wurden erwartet. Das waren die, denen ein Shuttle-Service zur Verfügung gestellt wurde. Die Dunkelziffer war um ein Vielfaches höher. Das waren Autoren wie ich, die nur mal sehen wollten, wie ihre Verlage ihre Bücher wohl präsentieren würden. Nachdem ich von Ildikó von Kürthy lesen durfte, dass sogar sie wie jeder andere Autor (alle außer Siegfried Lenz) in einer Buchhandlung ihre Bücher in der Verkaufsauslage sichtbar verteilte, schämte ich mich auch nicht mehr solcher Gedanken.

Tage der Bag-People

Schon nach wenigen Metern auf der Messe wurde mir bewusst, dass ich nicht an einem der drei Tage für Fachbesucher sondern an den beiden Tagen für die Bag-People angereist war. So nannte einmal die Pressechefin eines großen Publikumsverlages die vielen Menschen, die mit Taschen, die so groß wie sie selbst waren, durch die Hallen streiften, um jeden Prospekt, jeden Aufkleber und jeden Kugelschreiber einzusammeln, die irgendein PR-Spezialist listig ausgelegt hatte.

Ich wollte vor allem meinen Rucksack erst einmal loswerden, der nicht zuletzt durch den Telefonbuch-dicken "Neue Vahr Süd" von Sven Regener ziemlich schwer an mir hing. Für zwei Euro wurde ich sie los und mir fiel ein, dass ich dafür etwa vier Taschenbücher verkaufen müsste.

Die Bag-People waren überall. Die dominante Farbe in diesem Jahr war gelb: Langenscheidt musste tausende Taschen verteilt haben. Was schleppten sie in ihren Tüten nur mit?, fragte ich mich. Zu den begehrtesten Sammlerobjekten gehörten die CD-Roms der Film- und Videoverleiher, die zum ersten Mal eine Sonderausstellungsfläche belegten.

Ansonsten fanden sich in den Bags leider auch immer wieder Bücher, die angeblich gänzlich von alleine aus den Regalen dort hinein gefallen waren. Obwohl als große Messe-Neuerung am Sonntag die Verlage auch Bücher verkaufen durften! Offizielle Angaben über die Anzahl so verlustig gegangener Werke gibt es keine. An den Ständen sprechen sie davon, dass die Besucher "klauen würden wie die Raben". Jedoch kann das auch die Standardantwort für Autoren sein, die auf dem Messestand ihres Verlages ihr Buch nicht finden können.

Sven Regener mit Falten

"Dahinten bei den Krimis stehen welche", sagte ein Verlagsvertreter von Eichborn und tatsächlich entdeckte ich in einer vom Gang - und damit auch vom Publikum aus nicht einsehbaren Ecke das gelbe Cover meines Buches. Ehrfurchtsvoll blickte ich auf die Plakate, die von überall am Stand die Jugend von Herrn Lehmann bewarben und das Gesicht von Sven Regener, das mich übermenschlich groß anlächelte. "Falten hat er ja auch schon welche", dachte ich mir befriedigt und schämte mich kurz meines Neides.

Noch größer war nur das Foto von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, das ich beim Berlin-Verlag hängen sah. Auf dem Weg zu Goldmann passierte ich den Stand des Vorwärts Verlages, wo ein Autorenpaar einem Journalisten Fragen beantwortete. Auf dem Podium waren mehr Menschen als davor und die Kollegen, vermutlich Schriftsteller, hatten mein vollstes Mitgefühl.

Flutwelle von gelben Tüten

Beim Verlagskonzern RandomHouse sammelten sich hingegen über 100 BagPeople, um das Ende einer zusätzlich auf Videoleinwand projizierten Talkshow mit einer populären Sachbuch-Autorin mitzuverfolgen. "Die Ärmste wird ja gleich überrannt!", meinte ich mitfühlend, als ich sah, wie eine Flutwelle von gelben Tüten aufs Podium schwappte. Dann erkannte ich, dass die meisten von ihnen ein Buch zum Signieren dabei hatten. Selbst wenn das nur 50 Bücher waren, hatte die Kollegin gerade mehr verkauft als ich in…

"Gibt es denn schon Zahlen über die Vorbestellungen?", fragte ich meine Lektorin. Sie nickte. "Die sehen auch recht gut aus", sagte sie. Dabei blickte sie eine Sekunde zu lang, als dass es ein Zufall hätte sein können, an mir vorbei und ich fragte nicht nach weiteren Details, sondern unterhielt mich mit einer Dame aus der Pressestelle, die sich auf den anstehenden Besuch der Klitschko-Brüder vorbereitete. Die hatten nämlich auch ein Buch geschrieben. Oder von ihrem Ghostwriter haben schreiben lassen. Ich fragte mich, welche Bezeichnung der Literaturbetrieb wohl für solche Verfasser erfunden hatte.

Statt 25.000 Bücher freut man sich heute über 10.000

"Die nennt man erfolgreich!", klärte mich Stunden später ein Verlagsleiter auf einer Party auf. "Kann man das beziffern?", wollte ich wissen. "Nun, vor einigen Jahren verkaufte ein ordentlich beworbener (und ausgelieferter) Autor noch 20 bis 25.000 Exemplare, heute sind alle froh, wenn es 10.000 sind!", zitierte er einen Kollegen aus einem anderen Verlag. Ich bestellte mir auf einen Getränkegutschein lieber schnell ein Bier.

Nach einer herausfordernden Konversation mit einem Schriftsteller über die arabische Literatur und des Bundeskanzlers Appell für den Weltfrieden, mischte ich mich unter die Menge: Chefs verschiedener Verlagshäuser standen beieinander und lästerten über ihre Schriftsteller und Autoren. Die wiederum gluckten in kleinen Gruppen beieinander und optimierten Marketing und Vertrieb. Und deren Agenten amüsierten sich über eine Prognose, dass frühestens in 40 Jahren der nächste österreichische Literaturnobelpreisträger zu erwarten wäre.

Interesse an der Jugend von Herrn Lehmann?

Mit einem schalen Geschmack, der nicht nur von zuviel Bier und Zigaretten rührte, bestieg ich die S-Bahn zu meinem Hotel. Ein Zimmer, das mich erstaunlich bescheidene 55 Euro kostete, was etwa 50 verkauften Hardcovern entsprach. Beim Aussteigen aus der Bahn fiel mir der "Vielleicht interessieren Sie sich ja für die Jugend von Herrn Lehmann"-Aufkleber auf den Wagon-Fenstern auf.

Das tat ich tatsächlich: Ich freute mich sogar sehr darauf, gleich die ersten Seiten lesen zu können. Und so beschloss ich diesen Buchmessen-Tag mit einem wirklich guten und erfolgreichen Schriftsteller.

Eric Hegmann

Eric Hegmann hat zuletzt "Jungs sind so!" beim Eichborn Verlag veröffentlicht. Im Dezember erscheint der Ratgeber "Dating Regeln" bei Goldmann.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo