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GESPERRT! Gregor Gysi und Harry Rowohlt: Zwei Stimmen für Marx und Engels

Der eine Chef-Sozialist, der andere Kalle in Jeans: Für ein Hörbuch haben Gregor Gysi und Harry Rowohlt aus der Korrespondenz zwischen Marx und Engels gelesen. Ein Gespräch über Partei-Esel, Stasi und Superegos.

Herr Rowohlt, wie kommen Sie darauf, Briefe von Karl Marx an Friedrich Engels vorzulesen?

Rowohlt: Weil ich so eine Frisur habe beziehungsweise früher mal hatte und sie mir daraufhin wieder habe stehen lassen mit einem Dispens von Geißendörfer.

Steckt nicht noch mehr dahinter?

R:

Nö.

Gysi:

Na ja, Sie sind doch aber so ein halber linker Geist. Also, Karl Marx steht Ihnen näher als andere, würde ich denken.

R:

Unbedingt, ja. Ich bin linker Uradel! Mein Großvater mütterlicherseits, Franz Pierenkämper, war Sitzredakteur beim Bochumer Volksblatt 1917 und einer der führenden Köpfe im Arbeiter- und Soldatenrat in Wilna.

Herr Gysi, Sie rezitieren Engels und lesen politisch recht unkorrekte Ausrutscher vor. Ist das eine Imagekampagne, die Sie als unideologischen Geist vorstellen möchte?

G: Quack, das hat damit gar nichts zu tun. Ich habe mir überlegt: Wenn er keinen Schutz auf Privatsphäre hat und es denn ein anderer liest, geht es völlig daneben. Wenn das ein Konservativer läse und dann noch mit so einem Argwohn in der Stimme und Freude, da habe ich gesagt: Nee, dann musst du ran und das machen.

Trotzdem: Es positioniert Sie als offenen Geist.

G:

Das bin ich ja auch.

Herr Rowohlt, fühlen Sie sich Marx in irgendeinem Punkte nah?

R:

Mir ist es endlich gelungen, das von meiner Mutter geerbte Haus zu verkaufen. Mein Steuerberater hat gesagt, um eine Million Steuern zu sparen pro Jahr, soll ich eine Stiftung ins Leben rufen. Genau das werde ich tun. Und sie heißt "Lenchen-Demuth-Stiftung". Lenchen Demuth war die Haushälterin von Marx, die er natürlich auch nach guter Hausväterart selbst persönlich beschlief. Das wird so was für brotlose Künstler, hauptsächlich Schriftsteller. Ich bin Vorsitzender der Stiftung und habe einen Willkürvorbehalt durchgepaukt. Das heißt, ihr könnt diskutieren, was ihr wollt, Ingomar von Kieseritzky wird der erste Preisträger.

Herr Gysi, Engels schreibt an Marx, die Partei sei "eine Bande von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen hält".

G:

Ganz netter Spruch.

Beschreibt er Ihr Verhältnis zu Ihrer Partei?

G:

Sagen Sie mal, Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich hier Äußerungen mache, die mich zeitlebens ruinieren. Und so sehe ich das auch nicht.

Herr Rowohlt, was sagen Sie zu den antisemitischen Teilen der Korrespondenz?

R: Wenn Juden nicht Antisemiten sein dürfen, wer denn dann?

Niemand.

G:

Außerdem sind sie keine. Das ist ein klassisches Missverstehen gegenüber den beiden Alten. Diese Art, wie sie über alle herziehen, ob Russen oder Schweizer oder Holländer und logischerweise auch über Juden. Sie dürfen nicht vergessen, das war ja nicht nach dem Holocaust.

Man braucht nicht den Holocaust, um hellsichtig zu sein.

G:

Nein, aber entschuldigen Sie, als dann ernsthaft der Antisemitismus an Engels herangetragen wird, da gibt es einen Brief, in dem er den so zerschmettert, da bleibt nichts davon übrig.

Haben Sie sich über die Finanzkrise gefreut, Herr Gysi?

G:

Nein. Ich verstehe schon Ihre Überlegung, und wahrscheinlich gibt es auch wenige solche Linke, aber so einer bin ich nicht. Ich bin in die Politik gegangen, weil ich die Gesellschaft verändern will, und wenn es den Leuten besser geht und ich dann damit dafür bezahle, dass ich weniger gewählt werde, halte ich das aus.

Herr Gysi, wollen Sie den Kapitalismus verarzten oder ihm endlich den Gnadenstoß versetzen?

G:

So einfach kann ich das nicht formulieren. Wenn wir ihn schrittweise überwinden, entsteht eine andere Struktur, bei der wir alles Ungerechte überwinden, aber auch alles mitnehmen müssen, was in ihm funktioniert. Der Kapitalismus hat eine beachtliche Produktivität an manchen Stellen zustande gebracht. Das muss man sich ansehen und sagen, die erhalte ich, und nicht, wie mache ich es kaputt.

Herr Rowohlt, klingt so die Utopie, die Sie im Kopf hatten, als Sie Kommunist wurden?

R:

Ja, aber haargenau. Man nimmt das Gute vom Kapitalismus mit in die bessere Welt hinein. Zum Beispiel in der DDR war der Sozialismus gut für Glühbirnen, die nicht kaputtgingen, aber schlecht für Klopapier.

G:

Das ging auch nicht kaputt.

R:

Offenbar zur Wiederverwendung.

Herr Rowohlt, Sie rezitieren Briefe von Marx, die ihm heute sicher peinlich wären. Ist Ihnen unwohl bei dem Gedanken, dass man nach Ihrem Tode all Ihre Briefe vorlesen könnte?

R: Nach meinem Tode ist mir doch sowieso alles wurscht.

Würden Sie angetrunken Briefe schreiben?

R:

Da ich seit einschließlich dem 26. Juni 2007 stramme Ethanolkarenz schiebe, würde ich sogar sehr gern angetrunken schreiben. Aber der Neurologe sagt, ich darf mir nur durchschnittlich viermal pro Jahr die Kante geben.

G:

Sie trinken gar nicht mehr?

R:

Nee, außer viermal im Jahr.

G:

Machen Sie das wirklich viermal im Jahr?

R:

Bisher ist es erst zweimal spruchreif gewesen. Einmal richtig gründlich.

Mit Filmriss?

R:

Da war sogar ein Gipsarm. Ich war einfach nicht mehr im Training und habe fast einen Liter zollfreien Paddy getrunken und den mit Guinness vom Fass verdünnt.

Wir haben gerade über peinliche Briefe gesprochen. Herr Gysi, was wäre für Sie das Dokument, für das Sie sich am meisten schämen würden?

G: Gäbe es ein solches Dokument, glauben Sie doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen das erzählte.

Ein fiktives Dokument meinetwegen.

G:

Wenn ich einen ganz blöden Liebesbrief geschrieben hätte, in meiner ganzen Nervosität auch noch alles falsch geschrieben hätte und dann der stern das veröffentlichte und auch noch sagte: Orthografisch war er eine Null, einen Liebesbrief schreibt man ganz anders, damit kann er vielleicht eine Kröte gewinnen, aber niemals eine Frau.

Wäre nicht ein Stasi-Bericht viel schlimmer als ein Liebesbrief voller Rechtschreibfehler?

G:

Solche Briefe gibt es nicht, da muss ich nichts befürchten. Und wenn es die gäbe, könnte ich Ihnen sagen, wären die schon 1000-mal gefunden und noch öfter veröffentlicht.

Herr Rowohlt, Gregor Gysi wird regelmäßig mit Stasi-Vorwürfen konfrontiert. Was halten Sie von diesem Stasi-Theater?

R: Ich wäre der Letzte, der ihm das vorwerfen könnte, weil ich genauso lange, wie ich studiert habe, nämlich zweieinhalb Stunden lang, auch Stasi-IM war. Ich bin da in Grünheide mit Horst und Manfred, so heißen die, glaube ich, immer in den Wald gefahren, und ich wusste nicht, was die überhaupt von mir wollten. Und als es mir plötzlich klar war, war ich natürlich Feuer und Flamme: "Ja, wann fange ich an, wann fange ich an." Da haben die natürlich einen Schreck gekriegt, und die Sache war erledigt. Und deshalb wüsste ich gern, als was ich da geführt wurde. IM-Dödel oder was? Zweieinhalb Stunden.

Würde es Sie schockieren, wenn Herr Gysi doch Stasi-IM gewesen wäre?

R:

Nein, überhaupt nicht.

Wäre Ihnen wurscht?

R:

Ich habe die DDR immer als Notgemeinschaft angesehen. Unsere Notstandsgesetze zum Beispiel, das galt natürlich noch viel stärker für die DDR, weil sie eigentlich im Grunde im Kriegszustand war. Es ist allerdings albern, dass eine Ideologie, die die Abschaffung des Staates als Endziel hat, sich um nichts so sehr Sorgen macht wie um ihren Staat.

G:

Ich habe ja gesagt, die höchste Staatssicherheit hat man durch Rechtssicherheit. Leider ist das nicht begriffen worden.

Herr Rowohlt, würden Sie sich von Herrn Gysi als Bundespräsidentschaftskandidat aufstellen lassen?

R:

Ich habe keine Lust, Bundespräsident zu werden.

Gehen Sie immer noch am 1. Mai demonstrieren?

R:

Ja, klar.

Für was demonstrieren Sie da?

R:

Dafür, dass der Mai kommt.

Der kommt von allein.

R: Der kommt von allein, aber ohne mich merke ich ihn nicht. Außerdem ist das so schön, entweder vom Hamburger Hauptbahnhof, also vom Besenbinderhof ins heilige Barmbek zu wallen, zu Fuß, oder noch schöner ist natürlich, wenn die machtvolle Abschlusskundgebung am Fischmarkt ist. Und da ist dann immer ganz zum Schluss, wenn alles vorbei ist, ein seltsames Geräusch, wie metallische Harfenklänge. Das sind die leeren Bierdosen, die auf und ab getrieben werden wie Tumbleweed im Western.

Herr Rowohlt, wären Sie bereit, für Ihren Traum von der gerechten Gesellschaft Ihre Eppendorfer Wohnung aufzugeben und in einen Plattenbau in Chemnitz zu ziehen?

G:

Das ist eine so blöde Frage, dass ich die gar nicht beantworten würde.

R:

Ich würde, wenn es dadurch wirklich klappte, in einen Plattenbau in Karl-Marx-Stadt ziehen.

Warum blöde Frage, Herr Gysi?

G:

Weil das doch nichts miteinander zu tun hat. Mein Ziel ist doch, Armut zu beseitigen. Das bedeutet nicht, dass ich will, dass jemand, dem es durchschnittlich geht, nach unten kommt. Das war und ist ein falsches Modell, wenn man eine relativ gleichmäßige Armut organisiert, statt zu sagen, wie hebt man das Ganze an.

Herr Gysi, wann stellen Sie sich endlich auf den Alexanderplatz und predigen den Umsturz?

G: Den muss ich nicht predigen, das wäre sowieso Quatsch, denn eine radikale gesellschaftliche Veränderung geschieht durch eine Bewegung der Leute, nicht durch meine Rufe auf dem Alex.

Ihr Vater Klaus Gysi war hochrangiger DDR-Funktionär. Haben Sie Ihre große Klappe im lebenslangen Kampf gegen ein übermächtiges Vaterbild trainiert?

G:

Natürlich hat mein Vater etwas damit zu tun. Mein Vater redete gern und gut. Meine Mutter redete nicht so viel wie mein Vater, aber konnte das auch nicht schlecht. Wenn du dann ihr Kind bist, kannst du nicht mit irgendwas dazwischengehen. Das heißt, es musste immer eine bestimmte Qualität haben, um überhaupt angebracht zu sein. Das schult.

Reden Sie heute immerfort gegen Ihren imaginären übermächtigen Vater an?

G:

Ich lege mich hier nicht auf die Couch. Das schaffen Sie nicht, dass wir jetzt hier einen Psychotermin machen. Meine Mutter, so viel kann ich Ihnen aber sagen, war ja immer so besonders stolz auf mich. Mein Vater, glaube ich, eher weniger. Und mit der Wende passierte etwas Merkwürdiges, dass mein Vater auf mich stolz war, während meine Mutter, die immer ehrgeizig war, was mich betraf, plötzlich nicht wollte, dass ich offen in Opposition gehe. Sie sagte, "die erschießen dich, lass das lieber. Lass das". Ganz kurz, ganz knapp.

Warum war Ihr Vater zuvor nicht stolz auf Sie?

G:

Weiß ich nicht. Er war ja zufrieden mit sich, da musste er sich nicht so auf andere konzentrieren.

Herr Rowohlt, Ihr Vater Ernst Rowohlt war eine markante Verlegererscheinung. Hatten Sie mit einem übermächtigen Vaterbild zu kämpfen?

R:

Überhaupt nicht. Als ich meinen Vater kennenlernte, war er alt und krank und mäkelig. Als er mir irgendwann mal, weil ich mich verspätet hatte, wofür ich echt nichts konnte, man musste immer pünktlich sein, aber dann passierte nichts, weil ich immer pünktlich da war, ich bin immer pünktlich. Ich hatte jedenfalls eine prima Entschuldigung, und er drohte mir Schläge an und hatte nicht bemerkt, dass ich inzwischen herangewachsen war. Da habe ich mich zu meiner Größe erhoben und habe gesagt, weil ich ja im Gegensatz zu ihm Hamburger bin, er war ja nur Bremer, "komm doch ran, wenn du was willst, Alter eh". Da täuschte er einen Herzinfarkt vor, ließ sich von Mutter auf sein Zimmer bringen und röhrte: "Jetzt habe ichauch noch meinen anderen Sohn verloren." Und danach waren wir dann richtig befreundet. Das hatte er sich offenbar, was ich nicht ahnen konnte, immer gewünscht, dass ich mich auflehne. Und dann habe ich ihm auf seinem Totenbett, von dem wir beide noch nicht ahnten, dass es das sein würde, den gesamten "Schwejk" mit verteilten Rollen vorgelesen. Und als er dann tatsächlich starb, war ich sehr, sehr traurig. Aber davor kannte ich ihn kaum, außer eben krank und mäkelig.

Sie haben sich geweigert, den Verlag des Vaters zu übernehmen. Scheuen Sie Regierungsverantwortung?

R:

Ja.

G:

Na klar, sonst sähe er doch nicht so aus.

Herr Rowohlt, Sie sind notorisch beliebt. Wie größenwahnsinnig wird man dadurch?

R:

Jeder mag mich? Woher wissen Sie das? Warum sagt mir das keiner?

Herr Gysi, wären Sie auch gern so notorisch beliebt wie Herr Rowohlt?

G:

Jeder Mensch, also zumindest wer in die Öffentlichkeit geht, will auch ein bisschen beliebt sein. Wobei es Ausnahmen gibt wie Sarrazin. Es gibt ein paar Leute, die machen sich gern unbeliebt. Ist selten. Dazu gehöre ich nicht. Aber natürlich habe ich eine schlimme Zeit erlebt, die kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. 1990 war ich eine so verhasste Figur, und das wird an mir unterschätzt, das kann ich auch durchstehen.

Herr Rowohlt, wer von Ihnen beiden hat das größere Ego?

R:

Ganz bestimmt Gregor Gysi. Und zwar mit Recht.

G:

Bestimmt er. Also, da gibt es gar keinen Zweifel.

R:

Obwohl er im Gegensatz zu mir nur zwei Berufe hat. Ich habe fünf und erhole mich immer bei einem vom andern.

G:

Verstehen Sie, warum er ein größeres Ego haben muss? Weil er sich mit sich wohlfühlt. Das müssen Sie erst mal hinkriegen. Ich brauche dazu zu viele Leute.

Gregor Gysi, Harry Rowohlt, Anna Thalbach: "Marx und Engels intim", Hörbuch, Random House Audio, 14,95 Euro

Interview: Stephan Maus / print
Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.