Henri-Nannen-Preis "Ehren wir die Qualität im Journalismus"


Nicht für Stars und Sternchen, sondern für wortgewandte Journalisten wurde am Freitagabend in Hamburg der Rote Teppich ausgelegt. Dort wurde erstmals der Henri Nannen-Preis verliehen - nicht ohne ganz auf Prominenz zu verzichten.

Burda vergibt den Bambi, der Axel Springer Verlag mit seiner Zeitschrift Hörzu die Goldene Kamera und der Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr, in dem auch der stern erscheint, hat in diesem Jahr den Henri Nannen-Preis ins Leben gerufen. Im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg wurde er am Freitagabend erstmals verliehen. Gewürdigt wurden herausragende journalistische Leistungen, darunter das publizistische Lebenswerk von Peter Scholl-Latour. Auch Reportage, Dokumentation und Fotos wurden in Erinnerung an den 1996 gestorbenen stern-Gründer Nannen prämiert.

Nicht ganz ohne Prominenz

Bevor TV-Moderatorin Maybrit Illner auf der Bühne die Regie für die Veranstaltung übernahm, hatten sich zahlreiche Prominente wie Schauspielerin Anna Thalbach, Alt-Bundespräsident Walter Scheel und Kabarettist Hans Scheibner auf dem roten Teppich vorm Theater dem Blitzlichtgewitter der Fotografen gestellt. Auch Chefredakteure, Verlagsmanager und TV-Chefs folgten der Einladung. Als Überraschunggast wurde die Band "Wir sind Helden" aus der Bühne gezaubert, die zwar sangen "Wir kommen um zu bleiben", aber leider nur einen Song zum Besten gaben.

Im Mittelpunkt sollten andere stehen: Anders als bei den Preisen der Konkurrenz wurden nicht Menschen im Rampenlicht geehrt, keine Stars, die sich vor der Kamera in Szene setzen, sondern Macher, deren Namen meist nur am Ende eines Textes oder am Rande eines Bildes steht. "Zu Prominenz gelangen im ehemaligen Land der Dichter und Denker zunehmend Menschen, deren einzige Leistung in ihren eigenen Inszenierung liegt", kritisierte Gruner+Jahr Vorstandsvorsitzender Bernd Kundrun in seiner Eröffnungsrede und machte klar, dass der Henri-Nannen-Preis diejenigen auszeichnet, "auf die man wirklich achten sollte". "Ehren wir die Qualität im Journalismus", forderte Kundrun auf.

Chalip für ihren Mut geehrt

Dies war der hochkarätig besetzten Jury, unter anderem Autorin und Moderatorin Elke Heidenreich und Focus-Chef Helmut Markwort, besonders bei Irina Chalip ein Anliegen. Die stellvertretende Chefredakteurin der "Belorusskaja Delowaja Gaseta" wurde für ihren couragierten Einsatz für die Pressefreiheit in ihrem Heimatland Weißrussland geehrt. Sie sei unerschrocken und schreibe unerschrocken, lobte Bundesaußenminister Joschka Fischer in seiner Laudatio die Preisträgerin, die wegen Verstößen gegen die repressiven Pressegesetze ihres Landes mehrfach vor Gericht stand. "Ich beneide sie um ihre Rede- und Meinungsfreiheit", sagte Chalip und versprach, an der Beendigung der Diktatur in ihrer Heimat weikter tatkräftig mitzuwirken. "Wir haben keine andere Wahl."

Pulitzer-Preisträger Carl Bernstein, der vor rund 30 Jahren mit seinem Kollegen Bob Woodward die Watergate-Affäre aufdeckte, überreichte den Preis für die beste investigative Leistung, die Freddie Röckenhaus ("Süddeutsche Zeitung") und Thomas Hennecke ("Kicker") mit ihren Enthüllungen im Finanzskandal um den Fußballverein Borussia Dortmund ablieferten. Die "Königskategorie Reportage", die der 1948 gegründete stern seit fast drei Jahrzehnten mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis auszeichnet und nun in den Nannen-Preis eingegliedert hat, bekam Stefan Willeke von der Wochenzeitung "Die Zeit" zuerkannt. Er beschrieb die Verlagerung einer Kokerei von Dortmund nach China. Er habe während der Recherchen "wahnsinnig viel grünen Tee" getrunken, teilte der Journalist in der Freude über seinen Preis mit. Für ihren unübertrefflichen Humor auf stets 73 Zeilen heimste das, von anonym bleibenden Autoren verfasste Streiflicht der "Süddeutschen Zeitung" die Auszeichnung ein.

Berührt war das Publikum auch von den erfolgreichen Bildern des chinesischen Fotografen Yang Yankang, der in einer Fotoreportage die neue Heimat für Millionen seiner Landsleute festgehalten hat: die katholische Kirche. Anerkennung wurde auch sechs Reportern des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" zuteil, die die Hintergründe des brutalen Überfalls islamistischer Terroristen auf eine Schule in Beslan recherchierten und damit die Jury bei der Auswahl einer "besonders verständlichen Berichterstattung über einen aktuellen Sachverhalt" überzeugte.

Scholl-Latour erhält Preis für Lebenswerk

Sorgen, dass er übersehen worden oder sein Name untergegangen wäre, musste sich das Publikum bei einem allerdings nicht machen: Peter Scholl-Latour. Durch seine Fernseh-Reportagen aus Nahost ist er seit langem einem Millionenpublikum bekannt, sein aktuelles Buch ("Koloss auf tönernen Füßen") stürmt derzeit die Bestsellerlisten. "Tagesthemen"-Moderator Ulrich Wickert fragte zur Wahl von Scholl-Latour, wie man einen Publizisten auszeichnen könne, der sein Lebenswerk noch nicht beendet hat. "Er ist er, weil er unabhängig ist und stets war", fasste Wickert den Erfolg seines Freundes zusammen. Und der war sichtlich gerührt ob des vielen Lobes.

Im Anschluss an die Preisverleihung sorgte eine After-Show-Party dafür, dass sich die Geehrten vollends wie Stars fühlen konnten. Umlagert von ihren Journalisten-Kollegen standen sie im Blitzlichtgewitter der Kameras. Nur einem war das sichtlich unangenehm: Dem Bildhauer Rainer Fetting, der die Büste von Henri Nannen gestaltet hat. "Ich fühle mich in diesem Umfeld wie ein Geist aus Gründgens Faust", verriet er Maybrit Illner - und verschwand.

Jens Maier

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