HOME

Interview mit Andrea Maria Schenkel: "Bestseller kann man nicht planen"

Mit ihrem Kriminalroman "Tannöd" gelang Andrea Maria Schenkel ein sensationelles Debüt: Das Buch steht seit Monaten in den Bestseller-Listen. Im stern.de-Interview redet die Autorin über ihr neues Buch "Kalteis" - und gesteht ihre Faszination für frauenverachtende Gewalt.

Von Almut F. Kaspar

Ihren Debütroman schrieb sie heimlich, abends, wenn die Kinder schon im Bett lagen. Die heute 45-jährige Andrea Maria Schenkel hätte damals nie gedacht, mit dem Buch einen derartigen Erfolg einzufahren. Aber "Tannöd", im kleinen Hamburger Verlag Edition Nautilus erschienen, setzte sich durch - und zwar mit Wucht. Wurde ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimi-Preis und dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten Debüt-Krimi. Und verkaufte sich hervorragend - obwohl das Manuskript vorher von renommierten Verlagen wegen des unkoventionellen Erzählstils abgelehnt worden war.

Für ihren neuen Roman "Kalteis", der jetzt ausgeliefert wird, nahm Andrea Maria Schenkel den authentischen Fall des Frauenmörders und Serienvergewaltigers Johann Eichhorn als Vorlage. Eichhorn, 1939 wegen fünffachen Mordes mit dem Fallbeil hingerichtet, war der "Schrecken des Münchner Westens", wo er mit dem Fahrrad seine jungen Opfer suchte, sie vergewaltigte, umbrachte und die Leichen auf bestialische Art und Weise schändete. Wie schon in "Tannöd" erzählt die Autorin aus wechselnden Perspektiven - herausgekommen ist eine Montage aus Verhörprotokollen, Aktennotizen, Monologen und Erzählpassagen. Im Mittelpunkt des Romans steht Kathi, ein naives Mädchen aus der Provinz, das in München ihr Glück sucht - und zum letzten Opfer des Frauenmörders wird, der im Schenkel-Krimi Kalteis heißt.

Andrea Maria Schenkel lebt mit ihrer Familie in Pollenried, einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Regensburg. Als Schülerin litt sie unter einer Rechtschreibschwäche und hatte durchweg schlechte Noten in Deutsch. Mit 16 machte sie eine Lehre bei der Post, heiratete und bekam mit ihrem Mann, der heute Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit eigener Praxis ist, drei Kinder. War Hausfrau ("Für mich ist das keine abwertende Bezeichnung") und Mutter und half ihrem Gatten, indem sie die Abrechnungen für ihn machte - bis sie vor drei Jahren mit der Schriftstellerei anfing.

Können Sie sich noch erinnern, wo, wie und wann Sie die ersten Wörter Ihres Erstlings "Tannöd" geschrieben haben?

Ich kann mich nicht mehr genau an das Datum erinnern. Es war jedenfalls ein Nachmittag im Mai 2004, und ich fing so an: "Betty, 8 Jahre. Die Marianne und ich sitzen in der Schule nebeneinander." Ich habe diesen Satz in unserem Arbeitszimmer auf dem Laptop geschrieben. Die Tür des Arbeitszimmers war offen, ebenso die Tür zum Zimmer meiner Tochter. Sie war damals fünf Jahre alt und spielte in ihrem Zimmer. Von meinem Platz am Schreibtisch konnte ich sie sehen.

"Tannöd" war eines der erfolgreichsten Debüts im deutschen Literaturbetrieb. Können Sie uns genau sagen, wie viele Bücher bis jetzt verkauft worden sind und in welche Länder die Rechte veräußert worden sind?

Soweit ich weiß: etwa 250.000 Exemplare bis jetzt. Die Rechte wurden nach England, Italien, Frankreich, Spanien, die Niederlande, Japan, China verkauft. Insgesamt an 14 verschiedene Länder.

Wie vielen Verlagen haben Sie das Manuskript angeboten, und von wie vielen kam wenigstens eine Absage?

Ich glaube, es waren neun Verlage, denen ich das Manuskript geschickt habe. Und alle - bis auf einen - haben sogar geantwortet. Wie alle, die ihr erstes Buch schreiben, habe ich natürlich auch versucht, das Manuskript den großen Verlagen in der Branche anzubieten. Allerdings war mir von Anfang an klar, dass ich mindestens zwei Jahre brauchen würde, um einen Verlag zu finden, der bereit wäre, einen Neuling wie mich zu verlegen. Ich habe mir keinerlei Illusionen darüber gemacht, dass der Weg, der vor mir lag, steinig ist. Alles andere wäre Selbstbetrug, Traumtänzerei gewesen. Und dann ging es doch schneller als gedacht.

Die Geschichte eines sechsfachen Mords auf einem bayerischen Einödhof vor über 80 Jahren wird jetzt sogar verfilmt. Verraten Sie uns, wer Regie führt und wer mitspielt?

Die Rechte hat die Kölner Filmproduktion "Wüste Film West". Im Moment, glaube ich, sitzt die Schweizer Regisseurin Bettina Oberli, die zuletzt den Film "Die Herbstzeitlosen" gemacht hat, mit der Berliner Drehbuchautorin Petra Luschow an einem Treatment. Wer da mitspielen wird, weiß ich nicht, steht wohl auch noch nicht fest.

Jetzt erscheint, erneut im kleinen Hamburger Verlag Edition Nautilus, Ihr zweiter Kriminalroman "Kalteis" - wieder ein authentischer Fall, diesmal aus dem München der 30er Jahre, wo ein Serientäter, der auf dem Fahrrad unterwegs ist, junge Frauen umbringt. Wie sind Sie auf diesen Stoff gestoßen?

Nicht ich habe den Fall gefunden, mein Mann ist darauf gestoßen. Er hat ihn in einem Katalog entdeckt, der zu einer Ausstellung im Münchner Stadtmuseum erschienen ist. Titel von Katalog und Ausstellung war "Polizeireport München 1799 - 1999". Der Serienvergewaltiger Johann Eichhorn beging seinen ersten Mord im Oktober 1931, seinen letzten im September 1938. Eichhorn konnten 34 Vergewaltigungen und fünf Morde nachgewiesen werden. Dafür wurde er Ende 1939 mit dem Tode bestraft.

Was hat Sie an diesem Stoff so fasziniert?

Die Gewalt. Die frauenverachtende Gewalt, die von diesem Täter ausging, die von Tätern dieser Art überhaupt ausgeht. Ihre Respektlosigkeit anderen Personen gegenüber, der alles überdeckende Narzissmus.

Schon bei "Tannöd" hatten Sie sich für eine eigenwillige literarische Form entschieden - eine beklemmende Mischung aus Wortlaut-Berichten, Aktenauszügen und eingerückten Gebeten. Auch "Kalteis" erzählen Sie mit dieser unkonventionellen Methode. Haben Sie keine Angst, dass sich diese Form abnutzt - jetzt, wo sie nicht mehr so neu ist?

Ich denke, solange man versucht, sich zu verbessern, etwas dazuzulernen, besteht diese Gefahr nicht. Nur wenn man sich nicht weiter entwickelt, keine Fortschritte mehr macht, wird jede Form der Literatur oder der literarischen Bearbeitung langweilig. Nur dann nutzt sie sich ab, wiederholt sich, wird langweilig, nicht nur für den Leser, auch für den Autor.

Warum fehlt in Ihren Krimis der Ermittler, der Detektiv, der Kommissar?

Ein Lektor, der mir das "Tannöd"-Manuskript zurückschickte, gab mir damals den Rat, dass zu einem richtigen Krimi ein Detektiv oder Kommissar gehört. Aber mit diesen klassischen Detektivromanen kann ich nichts anfangen, die sind mir zu absehbar, die interessieren mich auch als Leserin nicht.

"Tannöd" ist eine Erfindung von Ihnen, der Tatort hieß damals Hinterkaifeck. Auch den Mörder-Namen "Kalteis" haben Sie sich erdacht - der Täter hieß damals Eichhorn. Nur eine Marotte?

Für mich sind Hinterkaifeck und Tannöd zwei unterschiedliche Orte. Der eine Realität, der andere Fiktion, beide haben nichts gemeinsam. Ebenso Johann Eichhorn und Josef Kalteis. Eichhorn ist für mich ein Unbekannnter, Kalteis eine Figur, die mir vertraut ist. Hätte ich mich intensiv mit der Realität beider Fälle auseinander setzen wollen, hätte ich ein Sachbuch schreiben müssen.

Wie, wann und wo schreiben Sie? Immerhin sind Sie die Ehefrau eines vielbeschäftigten HNO-Arztes und Mutter dreier Kinder.

Ich schreibe, wann immer es mir möglich ist, im Auto - aber nur als Beifahrerin, keine Angst -, in Hotels, zu Hause, am Schreibtisch, im Bett ... Wo, spielt keine Rolle für mich. Ich bin im Augenblick des Schreibens nicht an einen Ort oder eine bestimmte Umgebung gebunden. Wenn Sie so wollen klinke ich mich für Momente aus der Realität aus, und bisher funktioniert das sehr gut. Geradezu ideal ist dafür natürlich Irland. Meine Freundin lebt im Südosten des Landes, und wenn ich alleine in meiner Ferienwohnung sein will, bin ich das, und wenn nicht, brauche ich nur ins Auto zu steigen und zu ihr zu fahren.

Sie leben in einem kleinen Dorf in der Nähe von Regensburg. Wie geht man dort mit einer Bestseller-Autorin um? Wie reagieren Freunde und Bekannte?

Die freuen sich, und wir kommen dann, Gott sei Dank, sehr schnell wieder zu alltäglichen Dingen zurück. Für meine Umgebung bin ich Andrea geblieben, und das ist gut so. Man sollte sich selbst nicht allzu wichtig nehmen.

Wie geht Ihr Mann mit dem frischen Ruhm seiner Gattin um? Und Ihre Kinder? Was hat sich im Familienleben verändert?

Er ist stolz auf mich und muss jetzt im Haushalt und bei der Erziehung der Kinder stärker anpacken. Aber ich glaube, das gefällt ihm.

Warum haben Sie mit dem Schreiben so lange gewartet? Warum haben Sie damit nicht schon viel früher angefangen?

Die Kinder waren kleiner, die Praxis meines Mannes im Aufbau, und so hatte ich einfach keine Zeit dafür. Ich habe, solange ich denken kann, geschrieben, meist kurze Geschichten, hatte aber nie den Mut, meine Sachen auch zu veröffentlichen. Ich liebe es, zum Beispiel abends mit dem Auto oder dem Zug durch die Landschaft zu fahren. Wenn die Häuser innen beleuchtet sind und man reinschauen kann, finde ich das faszinierend. Man sieht irgendwelche Leute in den Räumen sitzen, und man kann sich jedes Mal dazu eine Geschichte überlegen.

Sie sollen schon an Ihrem dritten Buch sitzen. Wird es wieder ein Krimi, der auf einem authentischen Fall basiert? Oder etwas völlig anderes?

Es wird erneut eine Geschichte über Menschen und ihre Beziehungen zueinander. Ja, ein kleiner Teilbereich dieser Geschichte basiert auch wieder auf einem wahren Fall. Lassen Sie sich einfach überraschen.

Haben Sie sich von den unerwarteten "Tannöd"-Einkünften etwas gegönnt, was Sie vorher nicht hatten?

Ja und nein. Ich habe mir nichts gekauft, das greifbar wäre, nichts Materielles - Auto, Haus, Schmuck oder dergleichen, wenn Sie das meinen. Allerdings hatten wir nie einen Babysitter, und den leiste ich mir nun ab und zu in den Ferien. Ich halte mir so den Rücken zum Arbeiten frei, und meine Kinder genießen die Zeit mit Nikole.

Ihr Autoren-Glück trübt noch ein kleiner Schatten: Der Münchner Autor Peter Leuschner, der über den sechsfachen Mord in Hinterkaifeck zwei Sachbücher verfasst hatte, behauptet, Sie hätten von ihm abgeschrieben - und hat Sie verklagt. Wie ist in diesem Fall der Stand der Dinge?

Bisher gibt es nur die Ankündigung einer Klageeinreichung, und dies auch nur über die Medien. Die Klage selbst wurde bis jetzt nicht erhoben.

Was wäre, wenn "Kalteis" nicht wie sein Vorgänger "Tannöd" ein Bestseller würde? Haben Sie Angst davor, einen Flop zu landen?

Einen Bestseller kann man niemals planen. Ich selbst finde "Kalteis" besser als "Tannöd" - und kann nur warten, ob meine Leser diese Meinung mit mir teilen oder nicht. Immerhin hat der Verlag wegen der starken Nachfrage eine Startauflage von 50.000 Exemplaren drucken lassen.