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Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten": Bekenntnisse eines Massenmörders

Seit Wochen reden sich die Feuilletons schon über Jonathan Littells Skandal-Roman die Köpfe heiß. "Die Wohlgesinnten" schildert das mörderische Treiben der Nazis aus der Perspektive eines schwulen SS-Offiziers. Nun erscheint das 1400-Seiten-Werk endlich auf Deutsch. stern-Redakteurin Andrea Ritter hat es für Sie gelesen.

Gewaltig, dieses Buch. Über tausend Seiten dick, über 800.000 verkaufte Exemplare in Frankreich, wo es vor zwei Jahren erschienen ist und überaus leidenschaftlich diskutiert wurde: Der Roman "Die Wohlgesinnten" ist der Versuch, den Massenmord an den Juden und die Monstrosität des NS-Regimes aus Sicht der Täter zu beschreiben. Es ist darüber hinaus der Versuch, die Mechanismen zu zeigen, die einen Staat, und damit jeden Einzelnen, zum Urheber eines Verbrechens macht. Ein Verbrechen, das anschließend durch die Umstände gerechtfertigt wird. Ich war es nicht. Die da oben sind es gewesen.

"Die wirkliche Gefahr - vor allem in unsicheren Zeiten - sind die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht", sagt Littells Icherzähler zu Beginn des Romans. Ein Ausgangspunkt, der im Laufe der Erzählung leider mit so viel Kitsch und Küchenpsychologie zugekleistert wird, dass man kaum zu ihm zurückfindet. Und so stellt sich am Ende auch weniger die Frage, ob man den Holocaust und seine Täter auf diese Art fiktionalisieren sollte. Sondern, wozu.

Kollateralschaden Holocaust

SS-Offizier Max Aue, der Icherzähler, dessen Lebensbeichte wir zu hören bekommen, ist nicht einfach nur ein diensteifriges Rädchen im Getriebe der Mord- und Kriegsmaschinerie. Er ist kultiviert und dem Nationalsozialismus aus ideologischen Gründen verpflichtet. Ein Nobel-Nazi. Als Informant reist er an die Ostfront, nach Stalingrad und Auschwitz, schreibt Protokolle und begutachtet unter anderem die technische Umsetzung der "Endlösung". Die Massenhinrichtungen bringen sein Innerstes in Wallung - wenn Aue sich nicht gerade übergibt, hat er Durchfall. Die Judenvernichtung findet er degoutant, aber notwendig im Sinne des übergeordneten Ziels. Ein Kollateralschaden, würde man heute wohl sagen.

Gedärme fliegen, Gehirn spritzt, und die Soldaten in Stalingrad, längst dem Kannibalismus verfallen, diskutieren die Gefahr der Verunreinigung durch den Verzehr jüdischen Fleisches. Daneben beschreibt Littell minutiös den administrativen Wahn des Regimes: Experten werden eingeflogen, um die Rassenzugehörigkeit kaukasischer "Bergjuden" zu spezifizieren, und beim abendlichen Glas Rotwein erörtert man die mangelnde Hygiene in den Ghettos.

Dass der Nationalsozialismus positiv bewertet wird, ist die Konsequenz der Erzählperspektive. Die andere Seite des Romans ist jedoch: SS-Mann Aue bekommt eine Kindheit angedichtet, die ihn selbst zum Opfer macht. Erst verlässt ihn der Vater, dann die Zwillingsschwester, mit der er eine glückliche inzestuöse Beziehung pflegte. Er landet im katholischen Internat, wird missbraucht und endet als analfixierter Erwachsener, hin- und hergerissen zwischen sadistischen Sexfantasien und Selbstekel. Als er dann auch noch seine Mutter tötet, schließt sich der mythische Kreis, der im Titel anklingt: Die "Wohlgesinnten" sind die Eumeniden, die Rachegöttinnen der griechischen Tragödie um den Muttermörder Orest.

Genug Stoff, um das ganz große hermeneutische Rad zu drehen, zumal Littell seinen Roman mit historischen Fakten und Personen verknüpft. Aber der Holocaust ist nun einmal kein "Stoff", kein Mythos, in dem perfide Götter das Schicksal bestimmen. Es waren die "gewöhnlichen Menschen", die Littell eingangs erwähnt und dann aus den Augen verliert. Dass er einen hochintelligenten, hochperversen Offizier zur Hauptfigur macht und dessen Taten mit einem Kindheitstrauma entschuldigt, ist völlig unnötig. Aus Sicht seines Protagonisten stellt sich die Schuldfrage ohnehin nicht. Das Böse ist einfach ausgebrochen. Wie eine Krankheit, die geschickt wurde. Von denen da oben.