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König der Krimi-Klassiker: Raymond Chandler wäre 125 Jahre alt geworden

Mit Drehbüchern für Hollywood-Klassiker feierte Raymond Chandler Erfolge. Aber der Autor wollte sich nicht von Film-Bossen einengen lassen und kehrte zurück zu seinen Krimis - ebenso erfolgreich.

Der Erfolg fiel Raymond Chandler leicht, aber das Leben fiel ihm schwer. In Schule und Ausbildung war er stets einer der besten, als Buchhalter schaffte er es bis zum gut bezahlten Vize-Präsident einer Öl-Firma, und als Schriftsteller feierte er mit Krimis und Drehbüchern weltweite Erfolge. Chandler habe einige der besten Dialoge überhaupt geschrieben, würdigte ihn "James Bond"-Autor Ian Fleming einst. Aber der zweifach Oscar-nominierte Chandler wurde immer wieder depressiv und alkoholabhängig und konnte seinen Erfolg nur selten genießen. Trotzdem schrieb er bis zu seinem Lebensende weiter hochgelobte Krimis. Am 23. Juli wäre Chandler 125 Jahre alt geworden.

Seine Kriminalromane - allen voran "Der lange Abschied" - verkaufen sich auch heute noch gut. Fast alle sind verfilmt worden, manche mehrfach, und gelten bis heute als Klassiker - etwa "Frau ohne Gewissen" mit Billy Wilder als Regisseur oder "Die blaue Dahlie". Für den Alfred Hitchcock-Streifen "Der Fremde im Zug" schrieb er das Drehbuch. Chandler gilt auch als der Erfinder des "hardboiled detective", eines abgebrühten und häufig zynischen Ermittlers, der sich nur seinen eigenen Vorstellungen von Recht und Ordnung verpflichtet fühlt. Chandlers Protagonist Philip Marlowe - in "Der lange Abschied" von Hollywood-Star Humphrey Bogart verkörpert - gilt bis heute als der Prototyp des "hardboiled detective".

Chandler arbeitete als Lehrer, Journalist und Obstpflücker

Zum Autor wurde der 1888 in Chicago im US-Bundesstaat Illinois geborene und dann teils in Großbritannien und teils in den USA aufgewachsene Raymond Thornton Chandler erst spät und über zahlreiche Umwege. Er arbeitete am britischen Marinemuseum, als Lehrer, Journalist und Obstpflücker, kämpfte im Ersten Weltkrieg und wurde schließlich Buchhalter bei einer Öl-Firma, bei der er sich bis zum äußerst lukrativen Job des Vize-Präsidenten hocharbeitete. Aber die Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre - und angeblich auch seine damals schon beginnende Alkoholsucht - kosteten ihn die Stelle und Chandler sattelte um zum Schriftsteller.

Nach einigen Kurzgeschichten erschien 1939 sein erster Roman "Der große Schlaf" und wurde sofort ein großer Erfolg. Auch als Drehbuchschreiber in Hollywood feierte Chandler kurz darauf sofort Erfolge - aber er fühlt sich nicht ausreichend wertgeschätzt und die Arbeit macht ihm keinen Spaß. "Das netteste, was Hollywood über einen Schriftsteller sagen kann, ist dass er zu gut ist, um nur ein Schriftsteller zu sein", schrieb er einmal.

Nachdem seine Änderungen am Drehbuch für "Der Fremde im Zug" abgelehnt worden waren, beschimpfte er Alfred Hitchcock bitterböse in einem Brief - den er allerdings nie abschickte. "Wenn du etwas Leichtverdauliches wolltest, warum bist du dann überhaupt zu mir gekommen? Was für eine Geldverschwendung! Was für eine Zeitverschwendung! Zu sagen, dass es gut bezahlt war, ist keine Antwort. Niemand kann angemessen dafür bezahlt werden, dass er seine Zeit verschwendet."

Er verfiel dem Alkohol und wurde depressiv

Von Film-Bossen wollte sich Chandler nichts vorschreiben lassen. "Je mehr die Menschen über dich sagen, desto mehr fühlst du dich, als ob du in einem Untersuchungsraum schreiben würdest, als ob dir deine Werke nicht mehr gehören, dass du deinen Ruf verteidigen musst und die Kritiker nicht hängenlassen darfst. Sogar so zynische Autoren wie ich müssen den Impuls bekämpfen, das Bild, das andere Leute von einem haben, zu erfüllen."

Chandler kehrte Hollywood den Rücken und schrieb wieder seine sehr erfolgreichen Kriminalromane. Aber immer mehr verfiel er der Depression und dem Alkoholismus, und als seine Ehefrau Cissy 1954 starb, verschlimmerte sich sein Zustand zusehends. Er wurde schwer krank und starb schließlich im März 1959 in seiner kalifornischen Wahlheimat. Ein letzter Roman blieb unvollendet.

Sein letzter Wunsch wurde dagegen erfüllt, allerdings erst vor zwei Jahren: Die sterblichen Überreste seiner Frau Cissy, die fast 60 Jahre lang in einem Mausoleum gelagert hatten, wurden neben ihm in dem Grab in Mount Hope bestattet. Auf dem Grabstein steht ein Zitat aus "Der große Schlaf": "Ein toter Mann ist schwerer als ein gebrochenes Herz."

ds/Christina Horsten, DPA / DPA