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Krimi-Bibliothek: Die böse Seite von Bullerbü

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten. Heute: "In guter Gesellschaft " von Leif GW Persson, in dem subtil wieder mal ein Schwede zeigt, wie gut die Nordländer in diesem Genre sind.

Die Krankenschwester, von der Johansson ins Zimmer geführt worden war, hatte gesagt, der Patient sei bei Bewusstsein. Wenn das stimmte, ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. Er lag unbeweglich da, und sein verschlossenes Gesicht trotzte allen Annäherungsversuchen. Nach einer halben Stunde beschloss Johansson aufzugeben ... Das ist doch keine Arbeit für einen Polizeidirektor."

(Leif GW Persson, "In guter Gesellschaft")

Schweden muss ein merkwürdiges Land sein. Denn nirgendwo sonst lassen so viele hochmögende Autoren so viele Mitbürger verprügeln, quälen und umbringen. Statistisch gesehen natürlich - und natürlich nur auf Papier. Mankell, Nesser, Eriksson, Marklund, Dahl und wie sie nicht alle heißen. Was macht dieses Schweden - proper und grunddemokratisch - eigentlich aus seinen Schriftstellern?

Mögen Soziologen diese Frage beantworten, derweil wir für Sie noch einen Autoren nachschieben, einen ganz besonderen mit einem außergewöhnlichen Buch. Leif GW Persson heißt er, und sein Krimi "In guter Gesellschaft" - was, mit Bedacht, ein ziemlich zynischer Titel ist. Denn "gut" ist hier niemand, und die schwedische Gesellschaft schon wieder mal gar nicht.

Kriminaldirektor Lars Johansson kümmert sich um den Fall eines Penners, der morgens in der Ausnüchterungszelle brutal zusammengeschlagen aufgefunden wird. Die Streifenbeamten, die ihn aufgelesen hatten, sind sinistre Gestalten, bekannt dafür, dass sie Gefangene misshandeln. Wenn's bloß ein Fall von staatlicher Gewalt wäre - die Geschichte wäre schnell erzählt. Doch sie nimmt da erst richtig Fahrt auf. Es mischt von nun an ein inhaftierter Dealer vom Balkan mit, der Geheimdienst, die Spitze des schwedischen Polizeiapparats, ein saufender Ermittler, die undurchsichtige Politik. Und Johansson, beinahe der einzig sympathische Mensch auf 380 Seiten, stolpert und schlingert mehr durch den Fall, als dass er handelt.

Das alles ist vertrackt erzählt, das ist schlau, und das steckt voller überraschender Wendungen. "In guter Gesellschaft" besitzt alle Elemente, die einen herausragenden zeitgenössischen Krimi auszeichnen: Spannung, scharf gezeichnete Charaktere, einen Schuss Brutalität. Aber Persson schafft noch mehr: eine verstörende Atmosphäre, einen unbequem hartnäckigen Ton, der uns zwingt, Haltung einzunehmen.

Leif GW Persson,

Jahrgang 1945, ist Kriminologe und Berater der obersten schwedischen Polizeibehörde; dass er vom Fach kommt, macht seinen Krimi sehr authentisch. "In guter Gesellschaft", im vergangenen Jahr erstmals auf Deutsch erschienen, führt glänzend ein in seine und des mürrischen Kripodirektors Welt. Inzwischen hat Persson neben anderen Büchern drei weitere Fälle mit und um Lars Johansson veröffentlicht.

Unser Fazit: Gute Bullen? Böse Bullen? Armes Opfer? Fieser Dealer? Nichts ist, wie es scheint. Ein brillantes Spiel mit unseren (Vor-)Urteilen, präzise Charakterstudie dazu - und ein böser Blick auf Schwedens Gesellschaft in der Tradition von Sjöwall/Wahlöö.

Thomas Schumann/Kester Schlenz / print
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