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Literaturnobelpreisträger Mo Yan: Der "Sprachlose" hat viel zu sagen

Als Kind galt er als schweigsam, bis heute sagt er seine Meinung mit leisen Tönen: Der chinesische Literaturnobelpreisträger Mo Yan ist ein Mann der ruhigen Worte, was ihm mitunter Kritik einbringt.

Sein Künstlername Mo Yan bedeutet "Ohne Worte" oder "der Sprachlose" - für den chinesischen Schriftsteller, der in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis geehrt wird, ist er jedoch mehr als ein Name. Er ist wie eine Beschreibung seines ganzen Lebens. Weil ihm vorgeworfen wurde, ein Duckmäuser zu sein. Weil er sich kaum mit aktuellen politischen Problemen seines Landes beschäftigt. Und weil er schon als Kind so still war.

1955 wurde er mit dem Namen Guan Moye als Kind von Bauern geboren. Er wuchs in Gaomi in der ostchinesischen Provinz Shandong auf - in der ländlichen Gegend sollten später auch viele seiner Romane spielen. "Als Kind war er sehr schweigsam, sprach wenig, zog sich oft zurück", sagt die Mo-Übersetzerin Sylvie Gentil. Während Maos Kulturrevolution verließ er im Alter von zwölf Jahren die Schule und arbeitete erst in der Landwirtschaft, später in einer Fabrik. 1976 ging er in die Volksarmee, begann Literatur zu studieren und zu schreiben.

Politische und historische Themen

Er verfasste etliche Romane und Kurzgeschichten, meist schaute er dabei auf Chinas Vergangenheit im 20. Jahrhundert zurück. Prominentestes Beispiel ist "Das rote Kornfeld" von 1978, das von der brutalen Gewalt in seiner Heimatregion in den 1920er und und 1930er Jahren erzählt. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und später verfilmt. Sein aktuelles Werk, "Frosch" von 2009, beschäftigt sich allerdings mit Chinas umstrittener Ein-Kind-Politik sowie mit den Abtreibungen und Sterilisationen, mit denen Frauen zur Einhaltung des Gesetzes gezwungen werden.

Die politische Themenwahl des "Sprachlosen" ist dabei kein Zufall, sagt Eric Abrahamsen, Herausgeber einer Zeitschrift für chinesische Literatur. "Die Politik hat so große Teile der jüngeren chinesischen Geschichte und der Gesellschaft geformt." Mo bekam die Maßnahmen von Revolutionsführer Mao am eigenen Leibe mit: Die Familie hungerte zu Zeiten der Kulturrevolution, bei der in China 20 bis 50 Millionen Menschen starben.

Leiser Protest durch Literatur

Trotz auch kritischer Themen geriet Mo so gut wie nie in Konflikt mit Chinas Behörden. Stattdessen befürwortete er als stellvertretender Vorsitzender des chinesischen Schriftstellerverbands die offiziellen Richtlinien der Regierung, wonach Kunst und Literatur dem sozialistischen Zweck dienen müssen und nicht der Kommunistische Partei zuwiderlaufen dürfen. Eine Regel, mit der nach Ansicht von Skeptikern kritische Stimmen unterdrückt werden sollen.

Zeitgenossen rügten ihn für seinen regierungstreuen Kurs. Mo verteidigte sich: Ein Autor solle nur aufgrund seiner Bücher beurteilt werden. "Manche wollen auf der Straße herumschreien, aber wir sollten die tolerieren, die sich in ihrem Zimmer verkriechen und ihre Meinung mit Literatur ausdrücken", sagte er einmal.

Das will der 57-Jährige nun mit noch mehr Elan tun. "Ich werde mich darauf konzentrieren, neue Werke zu schaffen", sagte er am Donnerstag. "Ich werde mich noch mehr anstrengen, um allen zu danken."

Robert Saiget, AFP / AFP