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stern-Kolumne "Winnemuth": Weniger Pflicht, mehr Kür

Überall Listen mit Dingen, die wir erledigt haben sollen, bevor das Leben zu Ende ist. Einfach ignorieren!

Von Meike Winnemuth

Eigentlich müsste ich jetzt gerade 700 Seiten "Das Ungeheuer" von Terézia Mora lesen, wegen des Deutschen Buchpreises. Und wenigstens zwei bis drei Kurzgeschichtenbände von Alice Munro, wegen des Literaturnobelpreises. Und endlich ins Kino, um drei Stunden und 45 Minuten lang "Die andere Heimat" zu sehen. Und dann noch 62 Folgen von "Breaking Bad" gucken, der allerallergrößten Fernsehserie aller Zeiten, wie mir seit Wochen die Feuilletons (und auch der stern) vorsingen. Macht über den Daumen hundert Stunden für das absolute Minimalprogramm, um mitreden zu können.

Blöderweise hänge ich so mit den anderen Sachen. Bei "Homeland" stecke ich noch mitten in der zweiten Staffel, von "Downton Abbey" habe ich noch nicht mal die dritte begonnen, bei "Mad Men" warten 5 und 6. "Sopranos", "The Wire": noch eingeschweißt. Und wenn ich schon beim Pflichtfernsehen derart versage, sieht es mit Literaturnobelpreisträgern noch düsterer aus: Mo Yan (2012), Tomas Tranströmer (2011): nie angerührt. Seit Jean-Marie Gustave Le Clézio habe ich es aufgegeben, meine bildungsbürgerliche Pflicht zu erfüllen, das Leben ist einfach zu kurz.

Wenn das Leben aus Listen bestehen würde ...

Denn leider beschränken sich die kanonischen To-dos schon lange nicht mehr auf die Kultur. Seit dem Bestsellererfolg "1000 places to see before you die" wimmelt es in den Buchläden von Lebenslistenbüchern: "99 Dinge, die du unbedingt mal tun solltest", "100 Dinge, die man tun sollte, bevor man 18 wird", "101 Dinge, die man getan haben sollte, bevor das Leben vorbei ist". Abgesehen davon, dass ich es unfreundlich finde, ständig auf meinen bevorstehenden Tod hingewiesen zu werden: Wenn das Leben tatsächlich aus einer Sammlung von Listen zum Abhaken bestehen sollte, kann es meinetwegen lieber heute als morgen zu Ende gehen.

Früher war das Pflichtprogramm übersichtlicher: Haus bauen, Kind zeugen, Baum pflanzen, fertig. Dann noch zehn Gebote befolgen, und das war’s an To-dos.

Heute dagegen muss man die 500 besten Alben der Welt hören, die 1000 besten Rezepte der Erde probieren, die 100 wichtigsten Filme aller Zeiten sehen. Jede Lebensphase ist durchreglementiert, bis hin zu den "88 Dingen, die Sie mit Ihrem Kind getan haben sollten, bevor es auszieht" ("3. Sich durchsetzen, 4. Ängste teilen"). Und jeder Winkel der Republik hat neuerdings sein eigenes Pflichtprogramm: "100 Dinge, die man in Niedersachsen getan haben muss" ("2. Wattwandern in Eckwarderhörne", "34. Mit der Pünte- Fähre über die Jümme setzen", "74. Das Rasti-Land in Salzhemmendorf besuchen").

Mit der Pünte-Fähre über die Jümme

Natürlich ist es sinnvoller, "Breaking Bad" zu gucken, als dabei zuzusehen, wie Gottschalk und Jauch mit verbundenen Augen und auf einem rollenden Sofa Wettrennen gegen Verona Pooth fahren. Aber kann man bitte aufhören, die Leute wie Grundschüler zu behandeln, denen man alles in den Stundenplan schreiben muss? Die zu doof sind, eigene Entdeckungen zu machen und sich selbst ein Urteil zu bilden, was lebens- und liebenswert ist?

Da ist es auch schon egal, ob einem "Die Zeit" die 70 wichtigsten Werke der europäischen Nachkriegsliteratur vorbetet oder Sonja Zietlow die 25 größten Irgendwasse auf RTL – der Listenwahn muss ein Ende haben. Es gibt nur 1 Ding, das man im Leben getan haben muss: jeden Satz, in dem die Wörter "man" und "Leben" und "muss" vorkommen, komplett zu ignorieren. Und sollte einem wirklich nichts einfallen mit seiner Zeit, kann man ja immer noch mit der Pünte-Fähre über die Jümme setzen.