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Manuel Andrack: "Fickt Euch!"

Bierbotschafter und Wanderpapst - Manuel Andrack gilt als Spießer. Zeit für einen Image-Wechsel: Jetzt gibt er "Die Ruhe der Schlammkröte" heraus, den Punk-Roman des Barmanns seiner Ex-Stammkneipe. stern.de hat mit ihm darüber gesprochen.

Sie geben einen Punkroman heraus, "Die Ruhe der Schlammkröte" von Guy Helminger, und versehen ihn mit Fußnoten. Fühlen Sie sich noch immer als Punk?

Klar. "Für immer Punk möchte ich sein", singen die Goldenen Zitronen.

Was bedeutet Punk für Sie?

Ich definiere das über die Musik. Ich probe mit meinen Töchtern, wie man Pogo tanzt. Ich sag denen, dass sie hochspringen sollen, weil sie sonst begraben werden.

Wo sollen die Pogo tanzen? Ihre Töchter sind 13 und 15, auf eine Ü40-Party kommen die noch nicht.

Unverschämtheit. Ich war immerhin auf dem "Offspring"-Konzert. Da hat sich der alte Sack an die vorderste Front gestellt. Da tropfte der Schweiß von der Decke. Nach drei, vier Songs mussten einige an die frische Luft. Ich aber: "So, komm, wat is'?"

Was war noch mal der Sinn von Pogo?

Da ist natürlich das destruktive Element: Man will andere Leute stürzen sehen. Aber ich finde auch, dass es eine adäquate Form des Ausdruckstanzes ist. Wir sind einfach eine Lost Generation, was Tanzkurse angeht. Meine Tochter dagegen begleite ich jetzt zum Abschlussball.

Deprimiert Sie diese neue Biederkeit?

Nö. Ich finde es nur erschreckend, wie wenig sich meine Töchter musikalisch von mir absetzen können. Die eine ist Tokio Hotel-Fan, und wenn ich das mit Boygroups oder Techno vergleiche, finde ich das okay. Die Gitarren sind laut, der Sänger kreischt, alles völlig okay.

Sie definieren Punk über Musik. War Punk nicht auch eine anti-bürgerliche Haltung?

Ja schon. Aber Gott, kein Mensch von uns kam aus der Arbeiterklasse. Und das pure 70er Punk-Ding aus den Londoner Straßen war zu "Schlammkröten"-Zeiten schon eine historisierende Attitüde.

Aber "Spießer" war damals immer noch ein Schimpfwort?

Das ist richtig. Das hat sich sehr geändert. Damals verschwendete man seine Zeit. Allein, dass man sich die Rübe voll soff. Das war ja nichts Produktives.

War Ihre Zeitverschwendung mit einer Protesthaltung verbunden?

Nein. Das war einfach Gedankenlosigkeit. Das kam aus der typischen bundesrepublikanischen 80er-Jahre-Unbesorgtheit. Man hatte dieses beruhigende Bewusstsein: Irgendwann hast du einen Job. Und wahrscheinlich hast du auch irgendwann eine Familie. Die Gewissheit hat man heute nicht.

Also keine Punk-Revolte?

Eigentlich nicht. Es war Spaß, Freizeit, hemmungslose epikureische Verschwendung.

Was würde der Andrack der 80er denken, wenn er den Andrack von heute treffen würde?

Okay.

War der Sprung vom Kampfsäufer aus der Punk-Kneipe hin zum Paten für den Kölner Rundwanderweg nicht weit?

Ah, der Rundwanderweg Köln! Da habe ich mir was eingebrockt! Da muss ich jetzt ran im Frühjahr und Wege markieren. So was Beklopptes.

Ist aus dem Punk ein Spießer geworden?

Heute ist Spießer, wer sich vorm Spiegel noch seinen Iro glatt kämmt. Also ich find es spießiger, zum Trekking in den Himalaya zu fliegen, als hier im Stadtwald mal schön eine Runde zu drehen.

Bei Harald Schmidt halten Sie sich am Bühnenrand auf, in der "Schlammkröte" am Textrand: Stehen Sie lieber in der zweiten Reihe?

Klar.

Missbrauchen Sie den Roman als Prätext für Ihre zu Fußnoten zerschnipselten Memoiren?

Das war eine wunderbare Folie. Mich hat die Form des kommentierten Textes interessiert. Und dann die "Schlammkröte". Das bukowskihafteste, trashigste Ding, das in meinem Bücherschrank steht. Und die "Station" war meine Kneipe. Die Kneipe meines Lebens. Da habe ich meine Frau kennen gelernt. Da habe ich meinen ersten Job vermittelt bekommen. Es gab vorher und nachher nie mehr eine Stammkneipe von mir. Da missbrauchen wir uns gegenseitig. Helminger missbraucht mich, um sein Erstlingswerk herauszubringen. Und ich missbrauche ihn, um meine Einwürfe zu bringen. Wenn ich 80 Seiten davon gelesen habe, bekomme ich Lust, auch mal wieder in die Kneipe zu gehen und mich volllaufen zu lassen. Wenn man damals die Nächte verwürfelt hat, war das auch nichts Verzweifeltes, sondern eher etwas Lustvolles. Es wurde Musik gehört, es wurde getanzt. Da haben die Menschen nicht aus Verzweiflung die Schnapsflaschen geleert. Da war jeden Abend Party! Da gab es laute, geile Musik. Da haben wir uns über die Theke angepogt. Um drei Uhr hat der Barmann die Flaschen und Gläser einfach vom Tresen gewischt. Ein Scherbenberg. Das war die pure Lust am Leben.

Früher haben Sie die neue Ramones-Platte bei Vanille-Tee und Räucherstäbchen gehört, schreiben Sie in einer Fußnote. Schämen Sie sich manchmal für Ihre Jugend?

Nee. Das war halt so wie es war. Ich bin natürlich im Nachhinein belustigt. Ramones und Vanille-Tee, Wandern und Punkrock, katholische Jugendgruppe und Punkrock: Der Kontrast ist halt immer da, und ich bekenne mich dazu.

Man meint bei Ihnen eine gewisse Lust daran zu spüren, mit der Normalität zu verschmelzen. Sind Sie gerne durchschnittlich?

Natürlich nicht. Aber auch nicht das Gegenteil. Ich lege es nicht darauf an, anders zu sein.

Aber auf der Bühne inszenieren Sie ein normales deutsches Angestelltenverhältnis. Sie bestehen darauf, dass Schmidt Ihr Chef ist.

Ist er ja auch. Ich bin froh, dass ich eine Lohnsteuerkarte habe und arbeitsrechtlich versichert bin und nicht selber verhandeln muss, ob eine Show weitergeht. Ich finde es anbiedernd, so waldimäßig zu sagen: Mein alter Kumpel Harald. Weil es so nicht ist. Wir gehen abends nicht einen trinken. Das ist mein Chef, der überweist mir Geld. Natürlich bin ich da auch der Vertreter des Normalos.

Als blasser Bühnenangestellter ziehen Sie den Begriff "Spießer" immer wieder magnetisch an.

Deswegen musste ich doch die "Schlammkröte" mal herausbringen. Das ist das kleine dreckige Buch zwischendurch. Wenn Ihr denkt, dass es nur den Fußball-, Biertrinker-, Wander- und Spießer-Andrack gibt, dann gibt's da auch noch einen anderen. Also durchaus auch ein bisschen "Fickt euch!"

Interview: Stephan Maus
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