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Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl: Doppelbiografie zweier skrupelloser Frauen

Sie waren sich in herzlicher Abneigung zugetan: Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl. Doch die beiden Leinwandstars verband Ehrgeiz, Disziplin und eine gewisse Skrupellosigkeit gegenüber Männern.

Sie waren beide waschechte Berlinerinnen, kamen aus kleinbürgerlichem Elternhaus und wurden Weltstars. Marlene Dietrich (1901-1992) und Leni Riefenstahl (1902-2003) verkörperten einen modernen Frauentyp, glamourös und verführerisch die eine, eher sportlich die andere. Zwei Kino-Legenden und Jahrhundertfrauen, die die Berliner Politikwissenschaftlerin Karin Wieland jetzt in einer spannenden Doppelbiografie mit dem Untertitel "Der Traum von der neuen Frau" einander gegenüberstellt.

Ihre Lebenswege hätten unterschiedlicher nicht sein können. Marlene Dietrich ging 1930 nach Hollywood und wurde eine erklärte Nazi-Gegnerin. Leni Riefenstahl dagegen sonnte sich in der Gunst Hitlers und avancierte zu seiner bevorzugten Filmemacherin.

Chancen für ehrgeizige Frauen

Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl sind Produkte dieser quirligen Weltstadt Berlin, die um die Wende zum 20. Jahrhundert entsteht. Sie sind Vertreterinnen der "überflüssigen Generation", die ihre Jugend im Schatten des Krieges verbringt und deren frühe Erwachsenenjahre von der Hyperinflation geprägt sind. Doch diese Zeit der Abstürze und Umbrüche bietet eben auch Chancen für junge ehrgeizige Frauen von nicht gerade privilegierter Herkunft.

Marlene Dietrich ist die Tochter eines Polizisten, Leni Riefenstahls Vater ist ein ehrbarer Handwerkermeister. Beide Frauen müssen sich gegen den Widerstand ihrer unmusischen Familien ihre Künstlerlaufbahn erkämpfen. Dabei gehen sie Umwege. Marlene Dietrich möchte eigentlich Konzertgeigerin werden, Leni Riefenstahl Tänzerin. Diese Träume scheitern. Beide suchen und finden schließlich ihr Glück im Film.

Ehrgeiz, Disziplin, Härte

Angeblich konnten sich die fast gleichaltrigen Künstlerinnen nicht ausstehen. Dabei zeigt Karin Wieland, wie ähnlich sie sich waren. Ihnen gemeinsam ist ein extremer Ehrgeiz, eine preußische Disziplin und Härte. Diese ging bei Leni Riefenstahl so weit, dass sie sich bei ihren Bergfilmen halsbrecherischen Situationen und lebensbedrohlicher Kälte aussetzte.

Marlene Dietrich war sich über ihr mittelmäßiges schauspielerisches Talent durchaus im Klaren. Aber das wusste sie durch Ausdauer und Ehrgeiz zu kompensieren. Nicht zuletzt verdankten beide ihren Aufstieg einem fein gesponnenen Netz von Liebschaften und Männerfreundschaften. Sie setzten ihre Schönheit immer strategisch ein, instrumentalisierten Männer für ihre beruflichen Zwecke. Man kann das skrupellos finden, sie waren damit jedenfalls extrem erfolgreich.

Keine Freundinnen

Karin Wieland erzählt die beiden Biografien parallel, nach Kapiteln chronologisch geordnet und verzichtet dabei auf künstliche Überleitungen. Die sind auch nicht nötig, das Buch gibt auch so ein stimmiges Ganzes. Die Autorin stützt sich dabei auf reichhaltige Quellen durchaus unterschiedlicher Qualität. So sind etwa die Memoiren von Leni Riefenstahl mit Vorsicht zu genießen. Obwohl um Zurückhaltung bemüht, scheint doch bei der Autorin insgesamt eine größere Skepsis gegenüber der Nazi-Starregisseurin durch, während die Dietrich mit etwas mehr Wärme geschildert wird.

Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl sind sich wohl nur einmal im Leben begegnet, obwohl sie zeitweilig sogar im gleichen Häuserblock wohnten: "Leni Riefenstahl konnte vom Dachgarten aus Marlene Dietrich in die Fenster schauen." Riefenstahl schildert dieses Treffen Ende der 20er Jahre in einem Berliner Künstlerlokal: "Mir fiel ihre tiefe und raue Stimme auf, die eine Spur ordinär wirkte und aufreizend war."

Angeblich sei die Dietrich auf sie eifersüchtig gewesen. Leni Reifenstahl versteigt sich sogar zu der Behauptung, der Regisseur Josef von Sternberg habe sich nicht entscheiden können, ob er sie oder Marlene mit nach Hollywood nehmen sollte. Als Riefenstahls Memoiren 1987 in einem Vorabdruck in der "Bunten" erschienen, reagierte Marlene Dietrich darauf aus ihrer Pariser Matratzengruft mit einem erbosten Leserbrief. Nein, die beiden Frauen wurden auf ihre alten Tage keine Freundinnen mehr.

Sibylle Peine/DPA / DPA
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