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Michel Houellebecq: Mieses Glück

Frankreichs Skandalautor Michel Houellebecq versucht sich wieder am Tabubruch - aber mit seinem neuen Roman "Plattform" kann er nicht überzeugen.

"Ich empfand", steht da auf Seite 87, "ich empfand dennoch eine leichte, eher theoretische Befriedigung bei dem Gedanken, dass ich mich in der Lage fühlte zu vögeln." Dann greift der Ich-Erzähler Michel, ein frustrierter Beamter Anfang vierzig, resigniert nach dem Roman "Die Firma" von John Grisham, schlägt wahllos eine Seite auf und stößt zufällig auf diese bizarre Sexszene, die ihn so erregt, dass er "mit einem Seufzer der Befriedigung zwischen zwei Buchseiten ejakulierte". Sie würden wohl zusammenkleben, stellt Michel lapidar fest; aber: "Na ja, es war eh kein Buch, das man zweimal las." "Plattform" ist Michel Houellebecqs erstes Buch, bei dem es sich genauso verhält.

Zwar liefert es Michel, dem traurigen Helden der Geschichte, sehr viele Szenen, die er als Anlass für seine genitale Erleichterung aufgreifen könnte, doch am Ende bleibt das schale Gefühl, ein Buch gelesen zu haben, das wohl irgendwann als ein Missgriff betrachtet werden wird. "Plattform", das ist nicht der Houellebecq, ist nicht das Buch, auf das man nach den Meisterwerken "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" gewartet hat. Der Grund dafür ist einfach: Der Autor hat sich über weite Strecken des Romans hinweg in ein Genre bewegt, das nicht seines ist - den Liebesroman.

Houellebecq erzählt die Geschichte von Michel, der nach dem gewaltsamen Tod seines Vaters zu einer hübschen Erbschaft kommt und so endlich über die Mittel verfügt, um seinem tristen Alltagsleben zu entfliehen. Das besteht aus: einem langweiligen Job, regelmäßigen Peepshow-Besuchen, wo er beim Anblick "sich bewegender Mösen gemächlich seine Hoden entleert", und Abenden vor dem Fernseher mit 128 Kanälen. Doch nun fährt er mit einer Reisegruppe nach Thailand, besucht dort eifrig Massagesalons und zieht über seine Mitreisenden her. Hier ist der Roman noch stark, spielt Houellebecq seine Qualitäten aus: die genaue Beschreibung des miesen kleinen Durchschnittsglücks eines politisch Unkorrekten. Hätte er das doch bloß beibehalten.

Aber auf der Reise lernt er Valérie kennen, trifft sich zu Hause mit ihr, und die beiden werden ein Paar. Danach eigentlich nur noch Variationen verschiedener Praktiken, zu zweit, zu dritt, im Restaurant, im Zugabteil. Natürlich ist Michel ein großartiger, ausdauernder Liebhaber, der seinen Gespielinnen jede Menge Orgasmen zu verschaffen weiß. Nebenbei lässt Houellebecq - Skandal! Skandal! - den Sextourismus hochleben und beleidigt ein bisschen den Islam; beides hat dem 43-Jährigen in Frankreich jede Menge Ärger und Schlagzeilen eingebracht.

"Ich bin sehr überrascht, wie feindlich die Reaktionen waren", sagt er, als er einem dann vornübergebeugt gegenübersitzt; ein kleiner Mann mit depressiver Aura und tonloser Stimme, der langsam und freundlich Auskunft gibt.

Frage: Und Sie waren in Thailand selbst in Massagesalons?

Antwort: Mais oui, und das war sehr schön, ich würde das wirklich jedem empfehlen.

Frage: Die Erlebnisse, die Michel in diesen Salons macht, sind also Ihre eigenen?

Antwort: Zwei Besuche gehen auf meine Erlebnisse zurück und sind in dem Buch sehr wahrheitsgetreu beschrieben.

Doch ihm ist wichtig: Er ist nicht dieser Michel aus dem Buch. Er finde ihn interessant und mag ihn irgendwie, aber mehr auch nicht. Es wird wohl nie geklärt werden können, wie kalkuliert seine Provokationen sind. Da und dort blitzt in "Plattform" sein Genie ja auch auf, bloß: zu selten. Erstaunlich nur, dass es ihm selbst genügt.

Oliver Link

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