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Rainer Schmidts "Wie lange noch": Die gebrochene Nase des Lebens

Kein weiterer Journalisten-Roman, sondern das kraftvoll geradeaus erzählte Porträt einer Welt des Schlagens und Geschlagenwerdens ist Rainer Schmidts Romandebüt "Wie lange noch". Neben Plattenbauten nahe Düsseldorf herrscht Krieg zwischen Jugendbanden, und mittendrin versucht Felix, seine Seele zu retten.

Von Sophie Albers

Es ist ein trauriges Bekenntnis, ein kraftvolles, ein verzweifeltes, ein 362 Seiten währendes Aufbäumen. Wie ein gutes Stück Punkmusik: das ganz große Gefühl in eineinhalb Minuten. In Rainer Schmidts Romandebüt "Wie lange noch" dauert es einen Sommer lang, der, in dem Felix und seine Freunde 18 sind. Und es ist übrigens ein "Scheiß-Jahr".

Das Gift in mir

Abend für Abend treffen sie sich an der Bank, einem Stück Holz, das ihnen "warmkalte" Heimat ist, an dem Schicksale mit "denselben Zweifeln und Sehnsüchten" zusammenlaufen, immer wieder aufeinander treffen zum Abgleich des "Weltbewältigungs"-Status' oder auch nur zum Zeittotschlagen. Für Letzteres steht Alkohol bereit, Bier, Schnaps, alles, was den Blick auf die Hölle, die jenseits der Bank beginnt, verschleiert. Und so trinken und hassen sie mit aller Macht, die 18-jährige Körper in sich tragen. "Nur mit dem Gift in mir kann ich das Gift draußen ertragen", sagt Hauptfigur Felix, dem sein Leben in Superlativen zustößt, im Leiden wie in der Freude: der Allerschwierigste, der Stumpfeste, der Traurigste, der Glücklichste, der Verliebteste, aber auch der Einsamste.

Denn Felix steht jeden Tag auf dem Schlachtfeld eines Krieges: die Unterschicht gegen die Mittelschicht, Menschen, die "keinen Gesellschaftsvertrag" unterschrieben haben gegen die, die an ihren noch glauben möchten. Junge Männer ohne Vornamen aus seelenverstörenden Plattenbauten am Rande Düsseldorfs gehen mit blinder Zerstörungsfreude gegen die Kinder aus den "geordneteren" Verhältnissen vor. Weil sie anders sind, als das, was sie kennen, zerschlagen sie ihnen die Gesichter, zertreten die Unterleiber, zerbrechen Stolz und Würde in viele kleine Stücke. Selbst vor dem Treten bis zum Tod gibt es keine Hemmschwelle mehr. "Wo andere ein Herz haben, sitzt bei ihnen ein Messer, wo normalerweise eine Seele wohnt, bunkern sie Kampfstoffe. [...] Sie verstehen nichts außer der brutalsten Gewalt, der Hohn und Spott sind ihre furchtbaren Brüder. Groteske Irrläufer der Evolution", nennt Felix sie angesichts der nächsten Schlägerei, die auf ihn zustürzt.

Existenzaufdrängmaschine

Während die Freunde von der Bank um ihr Leben fürchten und zwischen den unberechenbaren Gewalteruptionen Haken schlagen, müssen sie damit fertig werden, dass die Vertreter ihrer Welt - Eltern, Lehrer, alte Freunde - den Krieg verleugnen, ihn nicht begreifen, weiterzappen so wie ein Erste-Welt-Staat die TV-Bilder von Leichenbergen in einem Dritte-Welt-Land. "Sie leben in dieser Stadt auf, ich sterbe hier täglich. Sie fühlen sich sicher, ich weiß um den Terror. Zwei komplett verschiedene Leben in derselben Kulisse. Und sie ahnen nicht das Geringste."

Felix ist zu schlau, um den Selbstverlust auf der einen und den Selbstbetrug auf der anderen Seite nicht zu durchschauen. Die "wahre Welt, die bessere Welt" sei nur für die anderen, sagt er. Doch die Sehnsucht danach treibt ihn fast zum Äußersten auf seiner Suche nach dem "Echtleben".

Ich bin, wo es wehtut

So brutal und sachlich wie die gerade Rechte, die das Nasenbein zerknacken lässt, kommen die Beschreibungen der Gewalt daher, die so alltäglich scheint, dass sie bei den Freunden nur noch selten für Aufregung sorgt. Sie gehört dazu, man gewöhnt sich daran, baut sie ein ins eigene Leben, gibt ihr einen Sinn. Bei Felix liefert sie schließlich die Verortung des Selbst: Da, wo es wehtut, bin ich. Ganz ähnlich dem Ritzen junger Mädchen, die sich die Arme aufschneiden, auf der Suche nach Identität in einer Welt, die Aufmerksamkeit verweigert.

Die Sätze, die Schmidt für all das gefunden hat, mögen einfach wirken, doch ist gerade das die große Kunst dieser Erzählung: keine Schnörkel, kein Zuviel zwischen dem Gefühl und seinem Ausdruck, ganz so wie in der Welt dieser Jugendlichen, die voreinander nur das Schöne verbergen, allein für das Hässliche die treffendsten Beschreibungen finden.

Liebe gegen die große Sinnlosigkeit

Dem Hass der blutenden Nasen und ausgetretenen Augen stellt der Autor die Liebe gegenüber. Das nach Heu riechende, porzellanweiße Allheilmittel, das den Totalabsturz verhindern soll, das Rettung verspricht vor der großen Sinnlosigkeit, reine Menschlichkeit in der Welt der Unmenschen. Aber dafür fehlt ihr natürlich letztlich die Kraft. Was bleibt, ist der auf sich selbst zurück geworfene Mensch, der dem eigenen Sein eine wie immer geartete Bedeutung verleihen muss, und sei es die, Schmerz zuzufügen und zu ertragen.

Es täte dem Buch unrecht, in dieser Coming-of-Age-Geschichte Parallelen zur aktuellen Jugendgewaltdiskussion zu suchen. Sicher geht es um Schläger, aber eben diese "widerlichen Zerstörer", die es immer gegeben hat. Viel mehr geht es um die Auslotung der Machtlosigkeit, das Eingestehen des Irrsinns, in den sich einzufügen die Grundvoraussetzung für ein "ordentliches" Leben scheint. Was tun, wenn man einmal in die Fratze dieser Sonne der Sinnlosigkeit geschaut hat?

Keine Antworten, dafür eine Menge auf- und verstörender Fragen bietet "Wie lange noch" seinem Leser. Der muss allerdings den Mut aufbringen, sich auf diese einzulassen. Sonst werden sie ihn niederstrecken und einfach im Dreck liegen lassen.

Rainer Schmidt wurde 1964 in der Nähe von Düsseldorf geboren. Er lebt und arbeitet als Journalist ("Spiegel", "Vanity Fair") in Berlin. "Wie lange noch" ist sein erster Roman und für 9,95 Euro im Verlag Kiepenheuer&Witsch erschienen.

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