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Photokina: Ein Land der Fotografen

Das Volk der Dichter ist ein Volk der Belichter: Ungeachtet von Konjunkturkrisen bescheren die Deutschen den Herstellern von Digitalkameras immer neue Verkaufsrekorde. Milliarden von Bildern werden ausgedruckt, Millionen von Fotobüchern gestaltet. Die Photokina-Messe in Köln bietet für den Volkssport Fotografieren neue Geräte - und Disziplinen.

Von Ralf Sander

"Bitte lächeln" - das sollte der Fotoindustrie nicht schwer fallen. Die Deutschen haben sich zu einem Volk von Kameramännern und Bildschöpferinnen entwickelt. Diesen Eindruck vermitteln die Zahlen, die der Photoindustrie-Verband (PIV) vor der am Dienstag beginnenden Fachmesse Photokina in Köln vorlegt.

Die Branche rechnet damit, in diesem Jahr neun Millionen Kameras zu verkaufen. Das wäre Rekord. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Anzahl der verkauften Geräte verdoppelt, berichtet der Verband. "Motor des Marktes sind Digitalkameras", sagt der PIV-Vorsitzende Helmut Rupsch. Fünf Millionen verkaufte analoge Kameras galten um 1990 als Absatzrekord, inzwischen ist das Belichten von chemischem Film zumindest für Hobbyfotografen kein Thema mehr. Anfassen wollen die Deutschen ihre Fotos allerdings immer noch gerne. Wie schon in den vergangenen Jahren werden auch 2008 rund 4,8 Milliarden Digitalbilder in Farbe auf Papier ausgedruckt oder belichtet.

Sogar das gute alte Album feiert sein Comeback, allerdings in neuem Gewand: Individuell gestaltete Fotobücher sind seit einigen Jahren die Shootingstars des digitalen Bildermarkts: Von 2006 auf 2007 verdreifachte sich ihr Absatz. 1,5 Millionen Stück bastelten sich die Deutschen im vergangenen Jahr am Bildschirm zusammen, um sie dann von Bilderdiensten ausdrucken und binden zu lassen.

Preisverfall allüberall

Ein Grund für die Bild-Begeisterung zwischen Flens- und Freiburg ist der seit Jahren andauernde Preisverfall bei den Kameras. Der Photoindustrie-Verband hat einen Durchschnittspreis von 100 Euro für eine Kompaktkamera ausgerechnet. Auch digitale Spiegelreflexkameras werden immer billiger - und beliebter. Jede dritte Kamera dieser Bauart geht für unter 400 Euro über den Ladentisch. Noch vor wenigen Jahren unvorstellbar. Inzwischen werden laut Rainer Schmidt von Photoindustrie-Verband etwa doppelt so viele Spiegelreflexkameras verkauft wie zu analogen Zeiten.

Photokina rechnet mit

Angesichts dieses Booms scheinen die Erwartungen der Photokina-Organisatoren realistisch, dass die Marke von 162.000 Besucher im Jahr 2006 übertroffen wird. 1523 Aussteller zeigen auf dem Kölner Messegelände aktuelle Kameras, Camcorder, Drucker, Speichermedien und Dienstleistungen. Koelnmesse-Sprecher Michael Steiner bezeichnet die Photokina als "die unangefochten weltgrößte Messe der Foto- und Imaging-Branche".

Zu den Trends dieses Jahres gehört eine alte Bekannte: die Megapixel-Rüstungsspirale. Profigeräte mit 60 Megapixeln und normale Spiegelreflexkameras mit einer Auflösung von 24 Megapixeln werden auf der Messe zu sehen sein. In diesen Geräteklassen ist aufgrund der Größe der verwendeten Sensoren noch Luft für Verbesserungen bei Schärfe und Detailgrad. Bei den Kompaktkameras hat sich allerdings auch beim Konsumenten herumgesprochen, dass eine zu hohe Zahl an Bildpunkten auf kleinen Sensoren zu schlechteren Bildern führt. Zwar legt Panasonic mit 15 Megapixeln auf dieser Photokina die Messlatte für kompakte Knipsen ein weiteres Stück höher. Doch ein Ende dieser Entwicklung sei in Sicht, sagt Branchenexperte Rainer Schmidt: "Die Kameras werden stattdessen kleiner, handlicher und multifunktionaler".

Anfassen erwünscht

Um die Bedienung zu vereinfachen, bieten viele neue Kameras (z. B. von Kodak, Samsung und Benq) berührungsempfindliche Bildschirme an. Gleichzeitig wächst die Größe des Displays, sie nehmen inzwischen häufig den Platz der gesamten Rückseite ein. Sony spendiert einigen Kameras ein Display mit einer Auflösung von 921.000 Bildpunkten. Üblich sind bisher 230.000 Pixel.

Die technischen Möglichkeiten, den Fotografen bei seiner Arbeit zu unterstützen - Profis würden vielleicht sagen: bevormunden - sind vielfältig: Bereits bekannt sind Bildstabilisatoren, die nun auch bei günstigen Modellen vor Verwackeln des Motivs schützen sollen. Gesichtserkennungssoftware soll den Autofokus auf Omas Gesichts scharf stellen, auch wenn vorne eine Blume ins Bild ragt. Eine andere Technik verspricht sogar, Lächeln zu erkennen und erst dann auszulösen, wenn auf einem Gruppenfoto alle Beteiligten "Cheese" sagen und die Augen geöffnet haben.

Wie vor einigen Jahren beim Handy, dessen Funktionsvielfalt inzwischen ungeahnte Dimensionen erreicht, bekommen einige moderne Digitalkameras neue Features, die mit Fotografieren nichts zu tun haben. Integrierte GPS-Empfänger liefern Daten, um gleich im Bild den Aufnahmeort abzuspeichern. Dank eingebauter Netzwerkfähigkeit - ob drahtlos oder per Kabel - sollen sich manche Kameras mit dem Internet verbinden und Bilder direkt auf Fotoblogs hochladen können.

Den Volkssport Fotografieren erwarten also noch viele neue Disziplinen.

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