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Ralph Giordano ist tot: "Unser Land verliert einen leidenschaftlichen Demokraten"

Er war gefeierter Schriftsteller, preisgekrönter TV-Autor und gefragter intellektueller Kopf. Ralph Giordano ist mit 91 Jahren gestorben. Bundespräsident Gauck würdigte den jüdischen Publizisten.

Seine Erfahrungen mit dem NS-Regime prägten sein Lebenswerk: Ralph Giordano, hier bei der Verleihung des Bertini-Preises im Januar in Hamburg.

Seine Erfahrungen mit dem NS-Regime prägten sein Lebenswerk: Ralph Giordano, hier bei der Verleihung des Bertini-Preises im Januar in Hamburg.

Der Schriftsteller und streitbare Publizist Ralph Giordano ist tot. Er starb am Mittwoch im Alter von 91 Jahren in einem Kölner Krankenhaus, wie seine Familie und sein Verlag Kiepenheuer & Witsch bestätigten. Giordano, der als Sohn einer Jüdin nur knapp dem Holocaust entgangen war, galt als einer der profiliertesten Kämpfer gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Zuletzt hatte er vor allem gegen einen fundamentalistischen Islam Stellung bezogen.

"Mit Ralph Giordano verliert unser Land einen wortgewaltigen und streitbaren Aufklärer, einen engagierten Schriftsteller und einen leidenschaftlichen Demokraten", erklärte Bundespräsident Joachim Gauck. Giordano sei ein entschiedener Kämpfer gegen jede Form von Antisemitismus gewesen. Er habe "uns alle an die Verantwortung erinnert, die aus der Vergangenheit für die Zukunft erwächst".

"Täglicher Horror der Nazi-Diktatur"

Giordano wurde am 20. März 1923 in Hamburg geboren. Den italienischen Namen hatte er von seinem Vater, der sizilianischer Abstammung war. Als Jugendlicher wurde er drei Mal von der Gestapo verhört, misshandelt und eingesperrt. Angesichts der drohenden Deportation der Mutter versteckten sich seine Eltern, er und seine beiden Brüder Anfang 1945 im einem Kellerloch voller Ratten. "Ich wache heute noch auf und denke: "Giordano, lebst Du wirklich?"", erzählte er noch als alter Mann. Der Kampf gegen Rechts war sein Lebensthema. "Alle Bücher kommen aus der Tiefe meiner Biografie."

Insgesamt schrieb er 23 Bücher, von denen viele Bestseller wurden. Sein bekanntestes Werk war der später auch verfilmte Roman "Die Bertinis", in dem er die Geschichte einer jüdischen Familie in der NS-Zeit erzählt. Mit diesem Buch habe er "Millionen Menschen eindringlich und bewegend vor Augen geführt, was für ein täglicher Horror die nationalsozialistische Diktatur für Juden in Deutschland gewesen" sei, sagte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sagte: "Seine mahnende und streitbare Stimme wird Deutschland sehr fehlen."

Kritik an Bau der Zentralmoschee

Weitere erfolgreiche Titel waren "Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein" und "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte". Viel beachtet wurde auch seine Autobiografie "Erinnerungen eines Davongekommenen". Giordano drehte außerdem zahlreiche Fernseh-Dokumentationen für den WDR - seit 1972 wohnte er in Köln.

Dort entwickelte er sich in den letzten Jahren seines Lebens zu einem scharfen Kritiker des Baus der Zentralmoschee. Die Heftigkeit seiner Angriffe brachte ihm viel Kritik ein. Er selbst sagte: "Ich habe da etwas angestochen, was lange von der Politik verdrängt worden ist." Er kritisierte eine "Inflation von Moscheen" und eine "muslimische Parallelgesellschaft".

Kampf für die Demokratie

Der Enthüllungsjournalist Gunter Wallraff - der in Köln in der Nähe der Moschee wohnt - sagte: "Auch wenn er in seiner Kritik dem Islam gegenüber vielleicht manchmal zu überzogen und absolut erschien, braucht es so eine Stimme mit seiner Lebenserfahrung, wenn sich andere aus falsch verstandener Toleranz - die manchmal nichts anderes als Ignoranz oder Feigheit ist - wegducken."

Ähnlich sah es wohl auch Giordano selbst, der manche allzu scharfe Formulierung im Nachhinein bedauerte, bei anderen jedoch oft das leidenschaftliche Engagement für die freiheitliche Grundordnung vermisste. Bei einem Festakt zu seinem 90. Geburtstag sagte er letztes Jahr: "Ob Christ oder Moslem, links oder rechts, Gläubiger oder Atheist, wer die Demokratie beschädigt, der kriegt es mit mir zu tun. Das ist mein politisches Testament."

kis/mad/DPA / DPA