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Umstrittenes Gedicht: SPD diskutiert über Grass-Wahlkampfhilfe

Das von Israel verhängte Einreiseverbot für Günter Grass stößt in der deutschen Politik zunehmend auf Kritik. Doch auch der Literaturnobelpreisträger selbst steht weiter im Fokus. Insbesondere die SPD diskutiert darüber, ob man bei den anstehenden Wahlkämpfen auf seine Unterstützung verzichten sollte.

In der Debatte über das Israel-Gedicht von Günter Grass hat Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse davor gewarnt, den Schriftsteller nun voreilig vom Wahlkampf für die SPD auszuschließen. "Ich halte nichts davon, dass die SPD nun gewissermaßen wie der Staat Israel Günter Grass zur Persona non grata erklärt", sagte der Sozialdemokrat am Dienstag im Deutschlandfunk. Zugleich warnte Thierse davor, Grass zum Antisemiten zu erklären.

SPD-Politiker hatten sich zuvor gegen Auftritte von Grass in den kommenden Wahlkämpfen ausgesprochen. Der Literatur-Nobelpreisträger hatte die Sozialdemokraten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder unterstützt.

In dem Gedicht "Was gesagt werden muss" hatte Grass geschrieben, die Atommacht Israel bedrohe den Weltfrieden und könne das iranische Volk mit einem Erstschlag auslöschen.

Unterdessen hat der jüdische Publizist Ralph Giordano das von der israelischen Regierung gegen Günter Grass verhängte Einreiseverbot verteidigt. Er könne "die Regierung Netanjahu absolut verstehen", sagte Giordano der "Frankfurter Rundschau". Giordano begründete seine Ansicht mit der existenziellen Not, in der sich Israel angesichts einer von dem Iran ausgehenden Bedrohung befinde.

Wegen seines israelkritischen Gedichts hatte Innenminister Eli Jischai von der streng religiösen Schas-Partei Grass zur unerwünschten Person erklärt. Der Literat hatte in dem Gedicht "Was gesagt werden muss" unter anderem angeprangert, dass der Iran von einem atomaren Präventivschlag durch Israel bedroht sei, der das iranische Volk auslöschen könne.

"Nicht in der Lage, die komplexe Situation zu verstehen"

Die israelische Zeitung "Haaretz" nannte dies "hysterisch". Politiker von SPD, Grünen, der Linken und der FDP kritisierten den Schritt. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, sagte der Nachrichtenagentur DPA: "Am Ende reden alle über das Einreiseverbot und nicht mehr über den Inhalt von Grass."

Der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Rolf Mützenich, sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Das ist der Auseinandersetzung, die notwendig ist, unangemessen". Der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Rainer Stinner, kritisierte in derselben Zeitung den Schritt als "Überreaktion der israelischen Regierung". Beide Politiker erneuerten zugleich jedoch die scharfe Kritik an Grass. Dieser sei nicht in der Lage, die Komplexität der politischen Situation im Nahen Osten zu verstehen, sagte Stinner.

"Grass soll sich für seine Kritik entschuldigen"

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe (SPD), sagte der Tageszeitung "Die Welt", souverän wäre es gewesen, wenn Israel Grass eingeladen hätte, damit dieser seine Vorurteile und Feindbilder anhand der Wirklichkeit überprüfen könne.

Der Linken-Vorsitzende Klaus Ernst bezeichnete das Einreiseverbot in der "Mittelbayerischen Zeitung" als "absurd" und forderte, die gesamte Debatte zu versachlichen. Zwar sei die Politik der iranischen Führung inakzeptabel und gefährlich - es gebe aber kein Recht eines Staates auf einen Erstschlag. Der Vorsitzende der Jungen Union (JU), der CDU-Politiker Philipp Mißfelder, forderte Grass im "Tagesspiegel" dagegen auf, sich für seine Kritik an Israel zu entschuldigen.

"Gedicht ist nicht antisemitisch"

Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein sagte der Berliner Tageszeitung "B.Z." zum Einreiseverbot: "Es lenkt vom eigentlichen, wirklich wichtigen Thema ab: dem Streben des Iran nach nuklearen Waffen". Der Schritt Israels werte Grass zudem unnötig auf.

Der israelische Autor Uri Avnery nahm Grass in Schutz. Nicht dessen israel-kritisches Gedicht sei antisemitisch. "Es ist antisemitisch, darauf zu bestehen, dass Israel in Deutschland nicht kritisiert werden darf", sagte Avnery der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Scharf kritisierte der Autor auch den israelischen Innenminister und das von ihm gegen Grass verhängte Einreiseverbot. "Grass zur Persona non grata zu erklären, ist völliger Blödsinn - schon allein deswegen, weil Günter Grass gar nicht den Plan hat, hierher zu kommen", sagte Avnery.

nik/DPA / DPA