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Restaurierung im Kölner Stadtarchiv: Durch Schockfrieren Dokumente retten

Noch ist nicht klar, wie viele Dokumente aus dem Kölner Stadtarchiv gerettet werden können. Nur eines steht fest: Es wird viel Arbeit auf die Restauratoren zukommen. Dokumente schockfrieren, "Stoffwechsel" herunterfahren, um Schimmel zu stoppen - das passiert beim Restaurieren.

Viel Arbeit für Restauratoren: eine gerettete Urkunde aus dem Historischen Stadtarchiv in Köln

Viel Arbeit für Restauratoren: eine gerettete Urkunde aus dem Historischen Stadtarchiv in Köln

Frau Holly, wie schätzen Sie die Chancen ein, die verschütteten Dokumente in Köln zu bergen?

Ich war noch nicht vor Ort und konnte mir deswegen kein eigenes Bild machen. Ich bin aber so weit informiert, dass die Keller des Archivs überflutet sind. Diese Objekte sind wahrscheinlich größtenteils zerstört. Das hängt allerdings auch davon ab, was dort und wie es gelagert wurde. Alles, was darüber liegt, hat meines Erachtens schon noch eine Chance. Papier ist sehr robust, auch wenn das nicht so aussieht.

Grundsätzlich sind die Chancen einer Rettung aber gering, sobald die Dokumente mit Wasser in Kontakt treten?

Nein, da gibt es auch noch Möglichkeiten.Es kommt ja auch immer darauf an, um was für Dokumente es sich handelt, welche Schreibstoffe darauf sind. Viele Schäden entstehen durch den Schimmel. Ganz schwarz würde ich nicht sehen. Beim Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek sah es anfangs auch sehr schlecht aus, nachher konnte man aber vieles noch retten.

Feuchte Dokumente werden von Restauratoren gerne schockgefroren. Macht man das, um den Schimmel abzutöten?

Nein, dafür friert man ja ein, damit sich der Schimmel nicht bilden kann. Warm und feucht begünstigen Schimmel. Eigentlich müsste man feuchte Dokumente direkt trocknen. Da das aber in diesen Mengen nicht möglich ist, werden sie eingefroren, sodass die Feuchtigkeit in Eisform vorliegt. Dann kann man die Dokumente nachträglich mit speziellen Verfahren direkt in einen trockenen Zustand überführen. Gefriertrocknen eben.

Ist ein Objekt einmal von Schimmel befallen, wird man ihn also nicht mehr so leicht los?

Schimmel ist immer da, er ist nie wirklich tot. Er kann auch unter ungünstigen Umständen "überwintern". Der Stoffwechsel wird runtergefahren und wenn die Lebensbedingungen wieder besser sind, "bricht" er wieder aus. Es gibt aber verschiedene Produkte, mit denen man ihn behandeln kann. Allerdings gibt es über die Wirksamkeit dieser Produkte und Verfahren unterschiedliche Auffassungen.

Nützen die Planen etwas, oder kommt die Feuchtigkeit dann durch den Boden?

Mit Sicherheit gelangt die Feuchtigkeit auch durch den Boden an die Dokumente. Feuchtigkeit bahnt sich immer seinen Weg. Eine große Gefahr ist derzeit aber die Feuchtigkeit von oben, und die wird durch die Plane gebannt.

Die Dokumente bis 1945 sind wohl abfotografiert. Die Mikrofiche-Aufnahmen befinden sich in einem Stollen im Schwarzwald. Warum?

Filmmaterial mag es gerne kalt. Das hat dann längere Lebensdauer. Um 10 Grad Celsius ist ideal. Allerdings kenne ich mich mit Filmmaterial nicht so aus, ich bin kein Fachmann für diesen Bereich.

Wie schätzen Sie die Qualität dieser Mikrofiche-Filme ein?

Darüber kann ich keine Aussage treffen. Aber als Betrachter oder Nutzer von Mikrofiche bin ich immer wieder überrascht, wie "robust" gut gelagertes Filmmaterial ist.

Sind Restauratoren schon in der Bergungsphase zugegen?

Ja, gleich in der ersten Nacht waren die beim Stadtarchiv angestellten Restauratoren an der Unglücksstelle, am nächsten Tag sind Restauratoren vom Landesarchiv NRW und dem LVL Archivamt dazu gestoßen. Es geht jetzt erst einmal darum, Dinge zu bergen und so einzupacken, dass dabei nicht noch mehr Schaden entsteht. Am besten nimmt man jetzt schon eine grobe Sortierung vor, denn ein Problem wird nachher auch sein, die Objekte wieder in eine Ordnung zu bringen.

Ist ein Restaurator eher Kunsthistoriker oder Naturwissenschaftler?

Man ist vor allem auch Handwerker. Ich vergleiche das gerne mit der Arbeit eines Chirurgen. Der verfügt über ein großes theoretisches Wissen. Nachher muss er aber sein Handwerk beherrschen - mit dem spezifischen Hintergrundwissen. Kunsthistoriker ist man weniger, es geht nicht um die ästhetische Aussage, sondern darum, dass man weiß, welche Farben oder Werkstoffe im Mittelalter benutzt wurden. Das geht mehr in die Materialkunde. Das kunsthistorische Wissen benötigt man eher für die zeitliche Einordnung eines Objektes. Insgesamt ist es also doch mehr eine naturwissenschaftliche Arbeit, dadurch dass viele angewandte Methoden auch chemische und physikalische Prozesse sind.

Besitzt jeder Restaurator das für komplexe Fälle wie in Köln notwendige Equipment?

Jetzt werden erst einmal Materialien zum Lagern gebraucht, und die hat die einzelne kleine Werkstatt nicht in den Mengen auf Lager, wie sie benötigt werden. Das ist auch eine Platzfrage. Es müsste zunächst einmal alles an einem anderen Ort gelagert werden. Wenn es ans Restaurieren geht, kann man das auch in kleinen Einheiten machen, und da sollte dann auch eine kleinere Werkstatt in der Lage sein, das zu bewerkstelligen.

Wie viele Restauratoren sind nötig, um ein Großprojekt wie die Rettung des Kölner Stadtarchivs zu stemmen?

Das kann ich derzeit nicht sagen, dazu wissen wir noch zu wenig. Aber viele Mitglieder des Verbandes der Restauratoren, die im Fachbereich Papier tätig sind, haben bereits ihre Hilfe angeboten.

Interview: Carsten Heidböhmer
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