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Rezension: John Grisham in der Football-Diaspora

Diesmal ist es weder ein Thriller noch ein Gerichtsdrama: Der neue Roman von Bestsellerautor John Grisham erzählt die Geschichte eines gefallenen US-Footballstars, den es in die italienische Provinz verschlägt. Amerikanische Selbstfindung zwischen Pathos und Pasta.

Rick Dockerys Karriere als Footballspieler ist am Ende. Im Finale um die Meisterschaft führt er mit seinen Cleveland Browns kurz vor Schluss deutlich und wähnt sich am Ziel seiner Träume. Dann unterlaufen ihm drei katastrophale Fehlpässe, das Spiel kippt, und der einst umjubelte Star wird zur Hassfigur der Fans. Die Journaille überschüttet ihn mit Spott, er gilt als "größter Esel" in der Geschichte dieses uramerikanischen Sports. Doch dann kommt ein Anruf aus Italien. Im Niemandsland des American Football suchen die Parma Panthers einen Quarterback. Für Dockery beginnt ein Abenteuer in einer ihm fremden Welt, fernab von Burger-Buden, Cheerleadern und Autos mit Automatikgetriebe.

Der amerikanische Bestsellerautor John Grisham ("Die Jury", "Die Firma", "Der Regenmacher") kehrt dem Genre des Thrillers und dem Gerichtssaal in seinem neuen Roman "Touchdown" den Rücken. Rund vier Jahre nach "Der Coach" widmet er sich ein weiteres Mal dem Spiel mit dem eiförmigen Ball.

Herausgekommen ist eine kurzweilig geschriebene und in amüsant-bunten Facetten erzählte Geschichte eines auf seine Art liebenswerten, wenngleich bisweilen tölpelhaften Spielers, der fernab der Glitzerwelt der amerikanischen National Football League (NFL) sein spätes Glück zu finden scheint.

Grisham überzeugt detailreich dank sorgfältiger Recherche. Der 52-Jährige reiste selbst nach Italien, besuchte die echten Parma Panthers und sprach mit Trainern sowie US-Spielern, die in der realen Welt den Weg in die Football-Diaspora gefunden haben. Für Leser, die mit den Fachausdrücken des Spiels nicht zurechtkommen, ist ein Lexikon mit den wichtigsten Begriffen angehängt – von Audible bis Wide Receiver.

Was ist ein Euro, wer ist Verdi?

Der Protagonist Dockery ist ein geradezu überzogen dargestelltes Paradebeispiel eines lange Zeit erfolgsverwöhnten, im Alltagsleben jedoch gescheiterten Menschen. Jahrelang schlief er sich durch die Betten weiblicher Fans, musste sich mit Vaterschaftsklagen herumschlagen und verprasste üppige Gehälter mit Investitionen in Autowaschanlagen im US-Bundesstaat Iowa. Grisham spielt mit Klischees, der Roman ist gespickt mit ironischen Verweisen auf amerikanische Ignoranz und Überheblichkeit. Erst in Parma lernt der muskelbepackte Quarterback, wo Mailand liegt, was ein Euro und wer Giuseppe Verdi ist und dass man ein Abendessen nicht herunterschlingen muss.

Es sind diese Erkenntnisse, die Dockery in seiner neuen Heimat ankommen lassen und seinem Lebensweg eine Wende zum Guten geben. Er entdeckt die Bescheidenheit, fühlt sich fortan auch in heruntergekommenen Kabinen wohl und freundet sich mit leeren Stadionrängen an. Der frühere Egomane wird zwischen Pasta und Parmaschinken verantwortungsbewusst und lehnt sogar ein gut dotiertes Angebot aus Kanada ab. Es wirkt schon fast zu sentimental, wenn Dockery es vorzieht, seine Parma Panthers zur sportlich unbedeutenden italienischen Meisterschaft zu führen.

Liebeserklärung an die italienische Lebensart

Grisham nimmt den Leser mit in die faszinierende, mitunter auch irrationale und aufgeheizte Welt des Sports und philosophiert gleichzeitig über den Sinn des Lebens. Abgesehen von Passagen mit doch zu vielen Football-Fachbegriffen, handelt es sich um einen locker geschriebenen Roman. Fernab von Gerichtssälen brachte Grisham eine wahre Liebeserklärung an die italienische Lebensart zu Papier.

John Grisham: Touchdown. Heyne Verlag, München, 352 Seiten, 17,95 Euro

Christian Schultz/ DPA / DPA