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Richard David Precht: Liebe mich, wenn du dich traust

In seinem neuen Buch "Liebe - ein unordentliches Gefühl" behandelt Richard David Precht die größte aller Emotionen. Eine Antwort auf alle Herzenfragen findet auch er nicht. Dafür aber einige nette Anregungen, einen guten Überblick und ein paar Sätze zur Beruhigung.

Von Ulrike Schäfer

Zuerst die gute Nachricht für alle Romantiker: Liebe ist keinesfalls nur eine Sache der Biochemie, von Oxytocin, Dopamin und Serotonin, wie uns einige Buchautoren und Wissenschaftsjournalisten immer wieder glauben machen wollen. Liebe ist auch keine in den Genen festgelegte Vorbestimmung, die sich im Laufe der Evolution entwickelt hat, um die Bindung zwischen den Geschlechtern zu festigen und die Aufzucht der Kinder zu erleichtern. Auch die Annahme, dass Frauen sich stets einen breitschultrigen, erfolgreichen Versorger für ihren zukünftigen Nachwuchs wünschen, während Männer auf ein gebärfreudiges Becken fixiert sind, kann angesichts der vielen Gegenbeispiele so nicht richtig sein.

Mehr als biochemische Vorgänge

Die Liebe zwischen Mann und Frau hat laut Richard David Precht keine biologisch eindeutige Funktion, sondern ist eine eigenständige Größe. "Liebe - ein unordentliches Gefühl" lautet deshalb der Titel seines neuen Buches, von dem man annehmen darf, dass es die Bestsellerlisten ähnlich stürmen wird wie der Vorgänger "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?". Ein kluger Schachzug des Autors, sich auf dem Höhepunkt seines Erfolges einem Thema zu widmen, das die Menschen wie kein zweites beschäftigt. Aber gibt es nicht schon genug Bücher über die Liebe? Precht, der inzwischen auch gern als "Pop-Philosoph" tituliert wird, sieht das nicht so. Denn die bisherigen Annäherungsversuche an dieses große Gefühl ließen zu wünschen übrig.

Wer sich nach der Lektüre von Büchern wie "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" von Allan und Barbara Pease oder John Grays "Männer sind anders. Frauen auch" rundum informiert fühlt, wie es sich mit der Liebe zwischen den Geschlechtern verhält, der irrt: Auf knapp 400 Seiten räumt Precht in seinem neuen Werk mit der Ratgeberliteratur in Sachen Liebe gründlich auf. "In Wahrheit wissen wir darüber sehr wenig", relativiert der Alltags-Philosoph immer wieder die selbstbewussten Behauptungen anderer Autoren. Etwa wenn es um die biologische Ergründung der sexuellen Leidenschaft geht: "Kein Hirnforscher und kein Biochemiker vermag klar und eindeutig zu sagen, wie die Lust auf Sex entsteht. So bekannt die Rezeptoren, Hormone und Botenstoffe im Gehirn auch sein mögen - ihr Zusammenspiel gibt bis heute viele Rätsel auf."

Testosteron-Autisten

Als "blanker Unsinn" und "drollige Idee" verwirft Precht die zum Teil recht kuriosen Theorien der Evolutionsbiologie: etwa wenn es heißt, dass die im Vergleich zu anderen Tieren recht großen Brüste der Frau eine Folge der weiblichen Taktik seien, ihre Sexualpartner bei der Stange zu halten. "Taktiken können sich nach gegenwärtigem Stand der Genetik weder vererben noch irgendwie körperlich niederschlagen", so Precht. Zum Schmunzeln regt auch die Theorie des englischen Psychologen Simon Baron-Cohen (ein Cousin von Sacha Baron-Cohen, besser bekannt als "Borat") an: Er geht davon aus, dass der normale Mann eine Zwischenform zwischen dem eigentlich weiblichen Menschen und einem Autisten ist: Je mehr Testosteron, desto autistischer die Wesenszüge des Mannes.

Precht arbeitet sich von der Steinzeit bis in die Moderne vor. Das liest sich flüssig und unterhaltsam und vermittelt nebenbei die wichtigsten Theorien aus Philosophie, Psychologie und Soziologie. Große Namen wie Charles Robert Darwin, Niklas Luhmann, Ulrich Beck und Margaret Mead werden kurz, aber für den Zweck ausreichend behandelt. Allerdings: Wer sich schon eingehend mit der Materie beschäftigt hat, wird hier vermutlich nicht viel Neues erfahren. Das Buch richtet sich an den gänzlich unkundigen Leser.

Zu hohe Erwartungen

Besonders spannend wird es, wenn Precht über die Gegenwart und Zukunft der Liebe nachdenkt. Es sind berechtigte Fragen, die er stellt: Warum suchen wir zunehmend verzweifelt nach Liebe und finden sie immer seltener? Warum kann ich nicht lieben, wen ich will? Und warum jagen wir einer Idealvorstellung der Familie hinterher, die in der Realität kaum einzulösen ist?

Für den Autor liegt die Krux vor allem in den hohen Erwartungen, die Frauen und Männer heute an die Liebe stellen: "Die Familiengründer erwarten eine weiterhin weitgehend ungetrübte Liebe zueinander bei zusätzlicher beidseitiger Liebe zum Kind. Sie erwarten Aufregung und Anregung sowie Harmonie und Seelenfrieden", erklärt Precht die modernen Ansprüche der Liebenden. Diese Rechnung geht natürlich selten auf. Precht, selbst Vater von einem Sohn und drei Stiefkindern, sieht die Zukunft des menschlichen Zusammenlebens daher auch in neuen Gemeinschaftsformen wie der Patchwork-Familie. Bei genauerem Hinsehen ist diese gar nicht so neu: Schon das Alte Testament kannte das Familien-Patchwork. Wenn etwa ein Familienvater früh verstarb, hatte der Bruder die Pflicht, die Familie als seine eigene zu übernehmen.

Noch ist unklar, wie sich die aktuellen Formen der Patchwork-Familie auf die Entwicklung unserer Gesellschaft auswirken werden. Schon jetzt ist aber abzusehen, dass die Verwandtschaft bei der Kindererziehung wieder stärker auf den Plan tritt, wenn die Eltern nach der Trennung Beruf und Kinder miteinander vereinbaren müssen. Ausgerechnet der Zerfall der Kernfamilie scheint also die traditionellen Familienbindungen zu stärken. Doch das Modell hat auch Schattenseiten: Für die Kinder aus neu zusammengesetzten Stieffamilien wird die Frage nach der Herkunft und tradierten Werten "zu einer immer komplizierteren Angelegenheit", schreibt Precht.

Liebe ist schwierig, aber nicht unmöglich

Seine Schlussfolgerung: Liebesbeziehungen sind gefährdet, aber nicht unmöglich. Und: Die Liebe wird uns weiter wichtig bleiben, auch wenn aus der romantischen Liebe eine viel bewusstere Angelegenheit geworden ist als je zuvor. Denn ihre Muster kennen wir längst, und die Erwartung des Scheiterns ist ihr von Anfang an eingepflanzt.

Wer das Buch nach dem Lesen zuklappt, ist möglicherweise ein wenig erschlagen von der Vielzahl der vorgestellten Ansätze aus der Liebesforschung. Mitunter ist es schwierig zu erkennen, welche Annahmen auf Prechts Eigeninterpretation beruhen und welche nicht. Im Ganzen biete das Buch jedoch eine gute Übersicht und auch zahlreiche Denkanstöße - gerade für Menschen, die sich in Liebesdingen noch nicht als Profis betrachten. Aber mal ehrlich: Wer tut das schon?

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