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ROMANZE: Crash auf Raten

»Engel«, die atemlos-wilde Lovestory des in Amerika hymnisch verehrten Denis Johnson, führt direkt in die Hölle.

Sein Leben ist ein Crash auf Raten und die Zukunft eine Sache, an die er nicht mehr glaubt. Und so jagt Bill Houston über Amerikas Highways auf der Suche nach Wein, Weib und Gesang: ein verbeulter Electric Cowboy, der das Träumen anderen überlässt und für den Glück ein Fremdwort ist. Bis er in einem Greyhound-Bus an die junge Jamie und ihre beiden Kinder gerät - und es noch einmal wissen will.

Jamie ist mit ihren Kindern von ihrem untreuen Ehemann abgehauen, und schon bald gewinnt Houston ihr Vertrauen. Ziellos lassen sie sich durch die miesesten Bars zwischen Pittsburgh und Chicago treiben: ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat - und eine Frau, die das versteht. Doch dann kommt Bill auf die fixe Idee, mit seinen beiden Brüdern eine Bank zu überfallen. Er erschießt einen Wachmann, wird gefasst und landet in der Gaskammer, während Jamie sich in Wahn und Fieberträume rettet.

Die atemlos-wilde Romanze

»Engel« wurde ersonnen von dem 1949 als Sohn eines amerikanischen Besatzungsoffiziers in München geborenen Denis Johnson. Dessen aberwitzige, zwischen Schauerroman und wüstem Drama oszillierende Metaphernstürme ziehen regelmäßig die Bewunderung des literarischen Amerikas auf sich. Seine schräge Storysammlung »Jesus Sohn« wurde mit Dennis Hopper und Holly Hunter verfilmt - »ein kleines autobiografisches Meisterwerk über einen liebenswerten, herumstreunenden Junkie«, wie das US-Nachrichtenmagazin »Newsweek« schwärmte. Philip Roth sieht in Johnsons - von religiösen Themen durchzogenen - Romanen »Prosa von erstaunlicher Kraft und Schönheit«, der Kollege Tobias Wolff gar »Kunst vom Range eines Breughel oder Bosch«.

Abgrundsüchtigen gelten Johnsons Bücher »Wiederbelebung eines Gehängten« und »Schon tot« längst als Bibeln; Letzteres, ein finsteres Epos um Wahn und Erlösung, handelt von einer Selbstverbrennung.

Mit seinem frühen Meisterstück »Engel« von 1983 nun glänzt der in Idaho lebende Johnson als schwarzer Romantiker, der mitreißend von Liebe in Zeiten der Ausweglosigkeit erzählt. So fällt am Ende der Vorhang über einer Geschichte, die an die fatalistische Kraft von Wong Kar-wais Hongkong-Endspiel »Fallen Angels« im Kino erinnert: blutgetränkt und heillos romantisch. »,Diesmal bin ich richtig in die Scheiße getreten, was?, sagte er zu den Wärtern. Und im Spiegel sah er, dass man ihm beide Augen blau geschlagen hatte.«

Peter Henning

Foto:Cindy Johnson/Harper Collins Publishers

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