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Schiller-Biografien: Aus dem Leben des Dichterfürsten

Pünktlich zum Schiller-Jahr erscheint eine Flut von Büchern, die sich mit Leben und Werk des Dichters befassen - und nebenbei beweisen, dass Bildungslektüre durchaus unterhaltsam sein kann.

"Ach, gerettet. Nie wieder Schiller". Mit diesem genervten Stoßseufzer beendete der junge Berliner Autor David Wagner seinen Bericht ("Süddeutsche Zeitung" vom 7. März) von der 24-stündigen Marathonlesung in der Berliner Akademie der Künste zum offiziellen Auftakt des Schillerjahres - am 9. Mai steht der 200. Todestag bevor. Eine Überdosis tut selten gut, und vielleicht hat Wagner ja auch prinzipiell recht.

Spielt der Dichter der Freiheit und des Idealismus für uns noch eine Rolle, jenseits des steif-pflichtschuldigen Brimboriums im Jubeljahr? Leicht hatte es der Klassiker schon zu Lebzeiten nicht - entweder wurde er maßlos verehrt und auf den Sockel gehoben oder aber gnadenlos verspottet. Die Romantiker machten sich mächtig lustig über ihn, angeblich soll Caroline Schlegel beim ersten Hören des Gedichts "Das Lied von der Glocke" vor Lachen fast vom Stuhl gefallen sein. Von Nietzsche stammt das böse Wort vom "Moraltrompeter von Säckingen". Schiller polarisiert bis heute, und das kann man nicht von vielen Klassikern behaupten.

Kurt Wölfels kompetente Werkbiografie

Einen kompakten und sehr kompetenten Einstieg in Schillers Leben und Werk vermittelt der Bonner Germanist Kurt Wölfel mit seiner in der Reihe "dtv portrait" erschienenen Monografie "Friedrich Schiller". Mit zahlreichen, teilweise farbigen Abbildungen, Zeittafel und umfassender Bibliografie versteht sich Wölfels Biografie ausdrücklich als Werkbiografie. Insbesondere die großen Dramen der Weimarer Zeit werden in ihrem historischen Kontext dargestellt und ausführlich interpretiert.

Sigrid Damm beschwört den Zauber des Authentischen

Einen Schiller-Schmöker im besten Sinne des Wortes hat die renommierte und erfolgreiche Biografin Sigrid Damm ("Christiane und Goethe") vorgelegt. Die Autorin erwandert sich die Lebensstationen des 1759 in Marbach am Neckar Geborenen und lässt dabei auf fast 500 Seiten vor allem die Quellen sprechen. Ausgiebig wird zitiert aus Briefen, Tagebüchern und anderen Lebenszeugnissen, und dabei stellt sich dann in der Tat eine Art "Zauber des Authentischen" ein. Natürlich weiß Sigrid Damm, dass auch ihre Textcollage ein höchst subjektives Bild des Dichters entwirft. Am Ende der sehr anschaulichen Reise steht die Einsicht: "Es bleibt nichts als das Werk."

Der äußere Lebenskreis des permanent von Geldsorgen geplagten Dichters war begrenzt. Kindheit in Schwaben, die martialische, erzwungene Ausbildungszeit in der "Militär-Pflanzschule" des Herzogs Carl Eugen. Flucht aus dem Bannkreis des Herzogs, Theaterarbeit in Mannheim, später Leipzig, die Professur in Jena und schließlich Weimar, wo Schiller mit seiner Familie seit 1799 wohnte. Das Meer hat er nie gesehen, Schauplätze seiner Dramen wie die Schweiz ("Wilhelm Tell") oder Italien ("Die Verschwörung des Fiesco zu Genua") nie bereist. Aber seine Einbildungskraft und sein Enthusiasmus waren anscheinend grenzenlos.

"Das goldene Zeitalter des deutschen Geistes"

Von diesem Feuer hat sich Rüdiger Safranski anstecken lassen, der in seiner herausragenden Biografie "Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus" den geistigen Horizont dieser wahrlich freien Künstlerexistenz vermisst. In seinem Vorwort skizziert Safranski durchaus pathetisch seine Intention, die weit über den bloßen Biografismus herausgeht. "Mit Schiller gelangt man in das andere Schattenreich der Vergangenheit: in das unvergessliche goldene Zeitalter des deutschen Geistes. Es sind Wunderjahre, die einem helfen, den Sinn für die wirklich wichtigen, für die geistvollen Dinge des Lebens zu bewahren". Safranski verheddert sich bei diesem Unterfangen keineswegs in Details. Der einzige Makel seiner Biografie: die wichtigen Weimarer Jahre ab 1799 mit der Etablierung des epochalen Freundschaftsbundes zu Goethe werden auf knappen 50 Seiten am Ende etwas kurz abgehandelt.

Schiller gilt immer noch primär als Dichter der Jugend. In dem schön illustrierten Band "Friedrich Schiller. Was macht den Mensch zum Menschen" erzählt der Jugendbuchautor Manfred Mai vom Leben des Stürmers und Drängers. Dazu zitiert er längere Passagen aus "Die Räuber", "Kabale und Liebe", "Wallenstein" sowie Gedichte wie "Der Taucher" oder "Die Ode an die Freude". Genau darum sollte es gehen: befreit vom Staub der eselsohrigen Reclamheftchen aus der Schule kann man einen Dichter entdecken, der mit der deutschen Sprache umgehen konnte wie nur ganz wenige.

Aber Klassiker sind halt auch nur Menschen. 1787 lernt Schiller die Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld kennen. Die ältere, Caroline, unglücklich verheiratet, ist gebildet und literarisch ambitioniert. Anscheinend eine ideale Partnerin für Schiller, der aber schließlich 1790 nach langem Zögern die drei Jahre jüngere Charlotte heiratet. Eine Zeit lang lebten alle drei unter einem Dach. Die Germanistin Ursula Naumann beleuchtet in ihrem hellsichtigen Essay "Schiller, Lotte und Line" diese Dreiecksgeschichte und interpretiert sie als eine Art Gefühlsallianz. Schiller war kein Wüstling - so dürfen wir annehmen - sondern ein Genie der Freundschaft.

Johannes von der Gaten/DPA / DPA