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Sprache: "Tätervolk" ist das "Unwort des Jahres 2003"

Das "Unwort des Jahres 2003" heißt "Tätervolk". Die unabhängige Jury hatte die Wahl zwischen 1160 verschiedenen Vorschlägen.

Das Unwort des Jahres 2003 heißt "Tätervolk". Das gab Horst Dieter Schlosser von der Expertenjury in Frankfurt am Main bekannt. Schlosser sagte zur Begründung, der von dem ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann benutzte Begriff sei grundsätzlich verwerflich, da er ohne Ausnahme ein ganzes Volk für die Untaten kleinerer oder größerer Tätergruppen verantwortlich mache. Damit werde der Vorwurf der Kollektivschuld erhoben, fügte der emeritierte Germanistik-Professor hinzu. Hohmann wurde wegen der Rede, in der er diesen Begriff gebrauchte, aus der Unionsfraktion im Bundestag ausgeschlossen.

Auf Platz zwei setzte die sechsköpfige Unwort-Jury den Begriff "Angebotsoptimierung" als Synonym für die Verringerung von Dienstleistungen. Das Wort Optimierung werde inzwischen generell als Verschleierung bloßen Profitdenkens benutzt, sagte Schlosser.

Abgeordnete mit Gewissen

Zum Unwort "Abweichler" auf Platz drei erklärte er, damit seien Bundestagsabgeordnete diskriminiert worden, die es "gewagt" hatten, ihre grundgesetzlich verankerte Pflicht zur Gewissensentscheidung über einen Fraktions- oder Koalitionszwang zu setzen.

Über 2000 Zuschriften

Für das Unwort, das dieses Jahr zum 13. Mal gewählt wurde wurde, waren diesmal 2.270 Zuschriften mit insgesamt 1.160 verschiedenen Vorschlägen eingegangen. Quantitativer Spitzenreiter war mit 198 Nennungen "Reform" - auch in Kombinationen wie Gesundheits-, Hartz- oder Steuerreform -, gefolgt von "Kopfgeld" oder "Kopfpauschale" (84 Nennungen).

Sprachkritische Aktion

Mit dem Unwort des Jahres soll ein Ausdruck aus der öffentlichen Kommunikation hervorgehoben werden, bei dem ein besonders krasses Missverhältnis zwischen Wort und der bezeichneten Sache besteht. Mit ihrer sprachkritischen Aktion wollen die Experten vor allem Beschönigungen und Verschleierungen entlarven. Der Jury gehören neben Schlosser drei weitere Sprachwissenschaftler sowie zwei jährlich wechselnde Mitglieder an. Dieses Jahr saßen der ARD-Journalist Reinhold Beckmann und der Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller, Fred Beinersdorfer, als Vertreter der Sprachpraxis in dem Gremium.