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STEWART O'NAN: Heiterer Chronist der Hölle

Seine Figuren schickt er ins Inferno, seine Besucher führt er ins Idyll: Der amerikanische Schriftsteller Stewart O'Nan ergründet das Geheimnis der Seele - und macht gern eins um sich.

»Sehr geehrter Herr O'Nan, wir bedanken uns herzlich für die Zusendung Ihrer Geschichte. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns im Moment nicht in der Lage sehen, sie zu veröffentlichen ...« - so oder so ähnlich fangen die Briefe an. Stewart O'Nan hat eine Menge davon bekommen, aus jedem Staat der USA mindestens einen. Er hat sie zu einer Karte der Vereinigten Staaten zusammengeklebt, einer pastellfarbenen Collage der Ablehnung mitten in einem Zimmer, das ansonsten nach purem Schreiberglück aussieht: an den Wänden keine Tapeten, sondern Bücher, auf dem Spanplatten-Schreibtisch ein einsamer Laptop, in der Mitte des Raums ein Sessel wie vom Sperrmüll, daneben die Stehlampe für gemütliches Leselicht. Warum hängen in solch einem Idyll Ablehnungsbriefe? Es gab doch bestimmt auch viele begeisterte Schreiben? Schon, sagt O'Nan, aber eine Mahnung zur Demut schade nicht: »Not everybody loves you.«

Vor zwölf Jahren mag das noch auf jede Menge Verleger zugetroffen haben: Damals hatte O'Nan gerade seinen Job als Flugzeugingenieur hingeworfen. Und schrieb seine ersten drei Romane in einem einzigen Jahr, plus einen »Versuch über 670 Seiten«, den er wegwarf. Irgendwann sagte ihm ein Freund, dass professionelle Autoren im Jahr höchstens einen Roman schreiben. Diesen Ratschlag beherzigt der 40-jährige O'Nan bis heute - und wurde von amerikanischen Literaten inzwischen zu einem ihrer bedeutendsten Schriftsteller erkoren. In Deutschland hat der Rowohlt-Verlag von den bislang vier auf Deutsch vorliegenden Romanen gut 160.000 Stück verkauft.

Keines seiner Bücher gleicht dem anderen: »Engel im Schnee«, erschienen vor vier Jahren in Deutschland, ist die erbarmungslose Obduktion einer gescheiterten Ehe - die Geschichte spielt in der Kleinstadt, aus der O'Nans Frau stammt. Die Heldin seines nächsten Romans »Die Speed Queen« war süchtig nach Drogen und schnellen Autos, hatte gemordet und wartete in der Todeszelle auf ihre Hinrichtung. Und wer gerade O'Nans schnellen Plots und rasanter Schreibe verfallen war, den bremste das nächste Buch aus: »Sommer der Züge« heißt es auf Deutsch und beschreibt den lähmenden Stillstand an der amerikanischen Heimatfront des Zweiten Weltkriegs - ein wunderschöner, langer und langsamer Roman, wie gemacht für Leser, die sich mit Büchern in der Ecke verbunkern und gern eine Seite zweimal lesen, weil sie so schlau voll geschrieben ist.

O'Nans neuer Roman

ist wieder eine Welt weit weg von dem, was vorher war: »Das Glück der anderen« spielt kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, um 1866, in einem Dorf namens Friendship. Dort lebt ein Mann, der sich über zu wenig Arbeit nicht beklagen kann: Jacob Hansen ist Leichenbestatter, Priester und Sheriff in einer Person. Eines Tages stolpert ihm auf dem Weg durch die Felder eine verwirrte Frau in die Arme, fiebrig und mit Schaum vor dem Mund. Sie leidet an Diphterie, damals eine tödliche, unkontrollierbare Seuche. Die Krankheit schleicht sich in die heile Welt, tötet einen nach dem anderen.

Jacob bleibt gesund, wenigstens körperlich, seine Psyche leidet schon bald unter den Qualen, die ihn O'Nan durchleben lässt: Am schlimmsten trifft ihn der Tod seiner Frau und der kleinen Tochter. Der fromme Mann verbeißt sich in seinen Gott und die Arbeit: Als Leichenbestatter muss er die Toten unter die Erde bringen, als Priester die Lebenden des himmlischen Beistands versichern - und als Sheriff die Stadt unter Quarantäne stellen und jeden erschießen, der sich über die Grenze von Friendship wagt.

Es ist ein Buch, in dem der Horror nicht aufhört, immer noch härtere Tage kommen - und O'Nan tritt jeden Hoffnungsfunken auf 225 Seiten systematisch aus. Als er von der Reaktion einer verstörten amerikanischen Leserin hörte, die »das Buch, nachdem sie es gelesen hatte, erst aus ihrem Schlafzimmer und am nächsten Tag aus dem Haus entfernte« - war er zufrieden: »Es hat funktioniert.«

Aber warum schreibt dieser Mann in all seine Bücher ein Leitmotiv des Schreckens hinein; ginge es nicht mal leichter, fröhlicher, glücklicher? O'Nan gibt zurück, dass er ohnehin lieber Horror-Schreiber genannt werden möchte, »denn wenn in diesem Land die Leute das Wort Literatur hören, kaufen sie das Buch nicht«. Und dass der Großteil der amerikanischen Belletristik sich mit realem und irrealem Schrecken befasse, »denken Sie an Edgar Allan Poe, Faulkner oder «Moby Dick», da sterben die Menschen im Dutzend ...«

Über seine Romane

gibt es 20 Zentimeter dicke Archiv-Stapel, aber dem »Who's Who« amerikanischer Schriftsteller hat O'Nan nur ganze 41 Wörter über sich verraten. Den Geburtsort, Pittsburgh, dann die Titel seiner Bücher, seine Universitätsabschlüsse, einen in Maschinenbau, einen in Literatur. O'Nans ohnehin sparsame Gesten frieren bei der Aussicht auf Preisgabe persönlicher Daten ganz ein.

Die Hände in den Ritzen des Sessels vergraben, sieht er nun so aus wie die US-Ausgabe eines menschlichen Hinkelsteins: fast 1,90 Meter groß, vom Bauch nach oben konisch zulaufend. Die Augen freundlich, beinahe immer leicht zugekniffen - wie zum Schutz gegen das, was jetzt kommen könnte. »Wir reden jetzt über Sie und nicht über Bücher, okay?« - »Wenn's sein muss.« - »Haben Sie Laster?« Hin- und Herrutschen. Flehender Blick. Dann ein Lachen im Gesicht, heureka: »Das Schreiben, natürlich.« Warum ist das ein Laster? »Weil ich ins Schreiben abhaue. Ich bin immer hier, aber oft enorm abwesend. Meine Familie schimpft manchmal. Ich kann's nicht ändern.«

Und mindestens seine Frau will das auch nicht mehr. Trudy ist so alt wie ihr Mann, Grundschullehrerin, sie kommt am frühen Abend nach Hause, und ihre lachenden Augen und entschiedenen Bewegungen verraten sofort, wer in dem gemütlichen 120-Quadratmeter-Haus mit dem schimmeligen Dach fürs wirkliche Leben zuständig ist.

Die beiden kennen sich seit 32 Jahren, haben nie andere Partner gehabt und inzwischen zwei Kinder: Cathlyn, 15, und Stephen, 12. Die Tochter drückt sich mit einem genuschelten Gruß am Vater vorbei in ihr Zimmer - kaum, dass er Zeit hat, nach den Hausaufgaben zu fragen. Stephen knallt sich vor den Fernseher und verkündet fünf Minuten später, dass er jetzt die fußlahme Familienhündin Dewey an den nahen Baggersee schleifen werde, ein Angebot, das der ebenso gehfaule Vater gern annimmt. Dass Stephen sich am See mit einem Freund treffen wird und dessen fernsteuerbarem Spielzeugboot und dass Dewey den beiden angebunden zuschauen darf, verschweigt der Sohn geflissentlich.

Zurück zu den Lastern. Zigaretten, Bier? Manchmal ein Bier. Rauchen vor Jahren aufgegeben; interessant fand er, wie sich im Entzug zeitweise seine Persönlichkeit veränderte, »das hätte ich mal aufschreiben sollen«. Tugenden? Jetzt wird' ihm gleich zu viel: »Lassen Sie mich nachdenken. Ich bin diszipliniert - schreibe jeden Tag. Und sehr pünktlich bin ich auch, auf meine Bücher hat noch kein Verleger warten müssen.«

Letzter Versuch: Hobbys? Jetzt wie ein Silberstreif am Horizont doch ein Leuchten im faltenfreien Gesicht: »Autos! Um ehrlich zu sein, der Wagen, in dem 'Die Speed Queen'durch die USA fährt beim Versuch, die Zeit durch Schnelligkeit zu besiegen - also, der Wagen, das ist meiner, ein Oldsmobile.« Es folgt eine Markenspezifizierung und dann das Angebot, sich den Wagen anzuschauen, im Moment stehe er allerdings in der Werkstatt. Der Weg dorthin dauert im langweiligen, weil modernen Toyota des 21. Jahrhunderts eine Viertelstunde.

O'Nan lauscht

einem Hörnerkonzert im Radio und verfällt in Schweigen, während die gewundene Straße hin zur Werkstatt und durch die Postkarten-Waldgegend bei Hartford führt, durchs neuenglische Connecticut. Sein neuer Roman spielt in dieser glatt gebügelten Idylle, in der kaum Schwarze leben. Und beginnt mit einem schweren Autounfall.

Bei der Werkstatt angekommen, verhält sich O'Nan ein bisschen merkwürdig: parkt auf der anderen Straßenseite, pirscht sich an den blaurostigen Schuppen heran. Zehn Meter vorher dreht er um und sagt bedauernd: »Der Wagen ist nicht da, der Mechaniker auch nicht, vielleicht hat er ihn mit nach Hause genommen. Er ist so ein Art Zen-Mechaniker. Wenn man ihn jetzt stört, könnte er meinem Auto etwas antun...« Das meint er ernst, und deshalb gibt es jetzt ersatzweise Mittagessen.

Beim Italiener redet er über Bücher, natürlich, über die eigenen am liebsten. Er kann innerhalb einer halben Stunde so viele Leitmotive in seinem neuen Roman erklären, dass es ist, als zöge ein Schauspieler 300 Kaninchen gleichzeitig aus dem Zylinder. Aber warum schickt er seine Figuren immerzu durch die Hölle? »Ich will sehen, wie lange Menschen brauchen, bis sie an ihre Grenzen kommen. Und was sie dann machen.«

Da spricht wohl der Ingenieur, der einst die Flügel von Space-Shuttles auf ihre Belastbarkeit testete. Ginge das nicht mit weniger grausamen Szenen? »Sie sind grausam, aber nicht unrealistisch. Wir haben doch alle irrationale Ängste: um unsere Kinder, um unsere Familie, um unser eigenes Leben. Und diese Schrecken können wahr werden - es gibt ja Autounfälle, Brände und so was.«

Als der Schrecken im September real wurde und in New York die beiden Flugzeuge in die Türme des World Trade Center stürzten, war O'Nan nichts passiert, natürlich, er wohnt ja zwei Stunden entfernt. Es habe auch keine Freunde getroffen. Und ja, die Welt sei anders geworden. »Ich hoffe, dass die Gewalt in Hollywood eine Zeit lang Pause macht. Diese Gewalt, die nur dazu dient, eine Rolle Film zu füllen. Diese schrecklich dumme und sinnlose Gewalt.«

Beim Abschied vor dem Haus mit dem schimmeligen Dach mahnt er, vorsichtig zu fahren. Und dann sagt er, dass ihm doch noch eine Tugend eingefallen sei: »Hoffnung. Ich habe immer Hoffnung.«

Stephan Draf

Stewart O'Nan: Das Glück der anderen, Rowohlt, 225 Seiten, 38,90 Mark