Sven Regener Leise Klänge aus Berlin

Eigentlich ist er der Texter der Band Element Of Crime. Jetzt hat Sven Regener einen Roman voller Zwischentöne geschrieben - und kriegt Note eins.

Nee, gegen Hunde hat Sven Regener nichts. Wirklich nicht. »Die sind für mich wie Frösche, die kann man ja auch nicht hassen.« Aber warum, Herr Regener, versperrt dem Helden in Ihrem Roman »Herr Lehmann« gleich auf Seite eins ein knurrender Hund den Heimweg, und zwar nachts um vier in einer menschenverlassenen Straße in Berlin-Kreuzberg? »Na, ja«, murmelt Regener, stellt die ansonsten wachen Augen auf Innenblick und lässt Gedanken wandern: zurück, zwölf Jahre, in jene Vorwendezeit, in der es sich sein Held Herr Lehmann in Berlin recht bequem gemacht hatte. Als seine Gedankenreise zu Ende ist, leuchtet lang verschollene Wut in Regeners Gesicht: »Die Hundedichte in Berlin war schon enorm. Die Leute hatten manchmal fünf Stück, nicht einen hatten sie unter Kontrolle. Kreuzberg wurde damals von den Türken gerettet - die hatten keine Hunde. Aber sonst war's schlimm.«

Schön war's trotzdem auch, damals im Stadtteil der Lumpen-Boheme, und vor allem billig. Regener erinnert sich noch gut an die Wohnungen für 90 Mark im Monat, schließlich lebte er selbst hier und feierte Anfangserfolge als Sänger und Texter von Element Of Crime. Das ist lange her, inzwischen ist die Band eine der bekannteren deutschen Gruppen, und Regener wohnt am Prenzlauer Berg mit Gattin und 14 Monate alter Tochter. Aber Herr Lehmann spukte ihm weiter im Kopf herum, schon vor Jahren hatte er die Konfrontation Mann-Hund für eine Freundin als Geburtstagsgeschichte aufgeschrieben - jetzt ist sie zum ersten Kapitel eines 300-Seiten-Romans geworden. »Er ging mir nie aus dem Kopf«, sagt Regener, »aber ich musste lange nachdenken, ob er interessant genug für ein ganzes Buch ist. Immerhin bin ich Bremer, und die sind ängstlich darauf bedacht, bloß nichts Peinliches zu machen.«

Peinlich ist an Regeners Debüt gar nichts: Er hat sehr genau hingeschaut, sein Buch ist witzig und hat Tiefgang. Das liegt vor allem am Helden: Eigentlich heißt er Frank, aber weil er am 9. November 1989 30 Jahre alt wird und damit uralt, nennen seine Freunde ihn jetzt beim Nachnamen. Das nervt zwar beträchtlich, aber ansonsten hat Herr Lehmann sich sein Leben prima eingerichtet. Seit Beginn der 80er ist er in Berlin und verdient als Kneipenzapfer genug für die Miete und den morgendlichen Kater. Er hat darauf verzichtet, sich wie viele seiner Freunde eine Alibi-Existenz á la »Eigentlich bin ich Künstler/ Schriftsteller/ Musiker« zuzulegen, so was braucht er nicht, sagt er der neuen Freundin gleich: »Was willst du damit sagen, Lebensinhalt? Ist das Leben ein Glas oder eine Flasche? Nur ein Behältnis für was anderes? Ein Fass vielleicht? Oder eine Kotztüte?«

Wunschlos glücklich also, der Herr L.? Wenn ja, wäre Regeners Roman nur eine Anekdotensammlung, mit einer schönen Liebesszene, zünftigen Prügeleien und ein paar zeitgeistigen Betrachtungen - plätschernd langweilig eben. Aber dabei bleibt es glücklicherweise nicht: Kaum merklich schleicht sich tiefer Ernst in Lehmanns Leben, erst in Gestalt des bösen Hundes, dann als Liebe, die zerbricht, und schließlich muss er den besten Freund Karl schwerst verstört in die Psychiatrie einliefern. Die Diagnose: »Die meisten brauchen auf Dauer etwas, was das leichte Leben legitimiert«, sagt der Arzt, »wenn das wegbricht ... buff.« Und Lehmann weiß, dass auch er gemeint ist: »Jetzt werde ich selber noch labil, dachte er. Wenn das so weitergeht, dachte er, und: buff!« Dieses sanfte Zerrieseln einer Lebenslüge hat Regener brillant eingefangen, und dass auf den letzten Seiten noch die Mauer fällt, ist Ironie - der Geschichte und des Autors.

Völlig ironiefrei übrigens beantwortet Regener die Frage, warum sein Lehmann keine Musik mag und warum der Song-Texter Regener in sein Buch nur knapp zehn Sätze über Klänge hineinschreibt. Nein, sagt Regener, Musik könne er nur machen. »Ich kann auch nicht lesen und dabei Musik hören. Ich kann nur eins gleichzeitig.«

Stephan Draf

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