HOME
Buchauszug

"Bürger sein!": "Ich bin Demokrat, weil ich die Lösungen nicht kenne"

Wie begegnet man den Herausforderungen der diesjährigen Bundestagswahl? In "Bürger sein" setzt Andreas Schmitz-Vornmoor optimistische Zeichen gegen die Angst und für eine offene Gesellschaft. Wir veröffentlichen ein Kapitel daraus.

Wähler in Wahlkabinen

Die Qual der Wahl bedeutet auch Freiheit 

Von dem griechischen Philosophen Sokrates soll die Aussage "Ich weiß, dass ich nichts weiß" stammen. Das ist ein schöner Ausgangspunkt für die Haltung eines Bürgers und Demokraten, vor allem auch deswegen, weil es bei Sokrates weniger um technisches oder naturwissenschaftliches Fachwissen ging als vielmehr um den Bereich des richtigen Handelns. Was ist "gutes" Handeln, was ein "gutes Leben"? Wie definiere ich "Gerechtigkeit"? Trotz intensiver Bemühungen gibt es bis heute keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen, allenfalls Versuche der Annäherung.

In der Physik mag es vielleicht zulässig und erstrebenswert sein, nach der alles erklärenden "Weltformel" zu suchen, im Bereich des menschlichen Miteinanders und dem Bau einer fairen und gerechten Gesellschaftsordnung erweist sich dies jedoch als aussichtslos. Hier gilt eher die Chaostheorie: Theoretisch kann der Flügelschlag eines Schmetterlings im Teutoburger Wald den Ausgang der nächsten Wahl in Brasilien beeinflussen. Die Welt ist einfach zu komplex, um sie in Formeln und Gleichungen nachzubilden. Daher sind auch alle Versuche, die Zukunft exakt vorherzuberechnen, zum Scheitern verurteilt. Oder um es mit Sven Regener zu sagen: "Die Zukunft ist eine dumme Sau".

Was bedeutet nun diese Erkenntnis für uns als Bürgerinnen und Bürger? Wie sollen wir uns verhalten, wenn wir wissen, dass wir nichts wissen? Wie sollen wir agieren in einer komplexen Welt, die nicht (voraus-)berechnet werden kann? Sollen wir resignieren? Sollen wir die Hände in den Schoß legen in dem Wissen, ohnehin nichts bewirken zu können? Wollen wir alles relativieren nach dem Motto "Jeder hat ein wenig Recht" oder umgekehrt "Keiner hat Recht"? Wollen wir eine kriselnde Demokratie den Wirtschaftslenkern, vermeintlichen Experten oder gar den Populisten überlassen? Oder führt das Nichtwissen zu einer Gleichgültigkeit gegenüber dem Guten, Richtigen und Wahren, wie die Begriffsbildung des "Postfaktischen" nahelegt?

Persönliche Haltung und Staatsdoktrin

Nein, eine solche Gleichgültigkeit, einen solchen Relativismus können und sollten wir uns nicht leisten. Wissend um die eigene Begrenztheit kommt es gerade darauf an, Haltung zu zeigen. Natürlich soll jeder Einzelne von uns für sich persönlich Werte und Überzeugungen entwickeln und diese auch im öffentlich-politischen Raum vertreten. Dabei schöpfen wir aus unterschiedlichen Quellen. Während für den einen religiöse Überzeugungen maßgeblich sind, haben andere eine humanistische Erziehung genossen oder sind durch eine Familientradition geprägt. Die eine hat eine eher konservative Einstellung, der andere findet Werte wie Solidarität und Gerechtigkeit besonders wichtig. Schließlich haben auch die ganz persönlichen Lebenserfahrungen eines jeden Menschen Einfluss auf seine Überzeugungen. Aber, und darauf kommt es entscheidend an: Es ist ein Unterschied, solche Haltungen zu haben oder sie zur Staatsdoktrin und damit für alle verbindlich machen zu wollen. Wir haben gerade in Europa schreckliche Erfahrungen mit totalitären Systemen gemacht, in denen Einzelne oder einzelne Gruppen eine klare Vorstellung von Gut und Richtig hatten und diese mit aller (Staats-)Macht durchsetzten. Sowohl Nationalsozialisten als auch Kommunisten verfügten dabei über in sich geschlossene Ideologien mit klaren Freund-Feind-Bildern. Solche ideologisch geprägten Welterklärungsmodelle sind jedoch mittel- und langfristig zum Scheitern verurteilt. Sie verfehlen mit ihren eindimensionalen Ansätzen die komplexe Wirklichkeit und bieten so keine zukunftsfähigen Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Wer die Wirklichkeit immer durch die gleiche ideologische Brille betrachtet, sieht immer nur den Ausschnitt, den er sehen will. Was nicht passt, wird entweder passend gemacht oder muss unterdrückt oder gar verfolgt werden. Je weniger der eigene Ansatz funktioniert, desto größer wird die Notwendigkeit, repressiv gegen Abweichler vorzugehen. So führt es sowohl sachlich als auch menschlich in die Katastrophe, wenn einzelne Gruppen ihre Sicht auf die Wirklichkeit mit der Staatsmacht verbinden und für allgemeinverbindlich erklären wollen.


Wir suchen nach Lösungen – demokratisch

Als Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie haben wir daher zwar eine klare Haltung, verzichten aber darauf, diese anderen überzustülpen. Uns ist die Beschränktheit des eigenen Wissens, der eigenen Welterkenntnis und der eigenen Problemlösungskompetenz wohlbewusst. Wir leiden nicht unter der Selbstüberschätzung, für alles die richtigen Lösungen zu kennen. Wir wissen, dass die Welt vielschichtig ist und gesellschaftliche Prozesse nicht exakt berechnet und vorausgesehen werden können. Daher sind wir stets offen für andere Sichtweisen und für die eventuell besseren Argumente. Umgekehrt misstrauen wir jedem, der vorgibt, die Lösung zu kennen, und begegnen denjenigen mit größter Skepsis, die angeblich genau wissen, was richtig und falsch ist, die vermeintlich Gut und Böse oder Freund und Feind klar unterscheiden können.

Bundestagswahl 2017: Zahlen, Fakten, Kurioses - so werden Sie zum Wahlprofi


Gerade wer um die eigene Beschränktheit weiß, wird zum leidenschaftlichen Anhänger der Demokratie. Die Demokratie und die mit ihr verbundene offene und pluralistische Gesellschaft ist nämlich die beste Staatsform, um mit Komplexität und Unwissenheit umzugehen, denn eine Demokratie 

• stellt nicht fertige Lösungen, sondern Verfahren zur Verfügung, in denen um die besten Lösungen gerungen werden kann;

• setzt auf die aktive Mitwirkung und damit Problemlösungskompetenz aller Bürgerinnen und Bürger;

• verleiht keine absolute Macht, sondern nur Macht auf Zeit und verteilt die Macht nach dem Prinzip der Gewaltenteilung auf verschiedene Institutionen.

Aus dieser Konstruktion folgt dann ein gewisses Schneckentempo demokratischer Entscheidungsprozesse. In einer demokratisch und gewaltenteilend verfassten Gesellschaft kann nicht "durchregiert" werden. Häufig geht es zwei Schritte vor und einen wieder zurück. Von der einen Regierung getroffene Entscheidungen werden von der nächsten korrigiert oder sogar rückgängig gemacht. All das ist jedoch keine Schwäche, sondern eine Stärke der Demokratie. Das schrittweise Vorangehen ist einer komplexen und unberechenbaren Wirklichkeit gegenüber viel erfolgversprechender als ein ungestümes Voranstürmen. Eine demokratische Verfassung sorgt daher dafür, dass wir uns im Dunkeln eher tastend als im Laufschritt vorwärtsbewegen und damit politische Totalschäden vermeiden.

#Whlkpf2k17 mit Paul Ziemiak: "Suffkopf, Scharlatan?" - Wie ein Erstwähler den Junge-Union-Chef grillt
bal