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Bundestagswahl Ihr Kandidaten in meiner ostdeutschen AfD-Hochburg: Warum soll ich Euch wählen?

Stern-Reporter Holger Witzel (r.) und "seine" Kandidaten im Wahlkreis 70 Wittenberg-Dessau
Stern-Reporter Holger Witzel (r.) und "seine" Kandidaten aus dem Wahlkreis 70 Wittenberg-Dessau: Jörg Schindler (Die Linke), Sepp Müller (CDU), Stefan Maria Stader (SPD), Jörg Schnurre (FDP) und Andreas Mrosek (AfD). Die Grüne Steffi Lemke fehlt, weil sie nicht mit Mrosek zusammen auf ein Foto wollte.
© Holger Talinski
Alle starren auf Parteien und Spitzenkandidaten. Die eigentlichen Volksvertreter aber kommen aus den Wahlkreisen. Nach 19 Jahren als Nichtwähler hat sich unser Autor seine Kandidaten in der AfD-Hochburg Wittenberg-Dessau besonders gründlich angesehen.
Eine sehr persönliche Wahlkreis-Reportage von Holger Witzel

Da will ich es nach Jahren mal wieder probieren, mir vorher sogar ein Bild von "meinen" Kandidaten machen und so die Idee vom Volksvertreter wirklich ernst nehmen – und dann ist der erste, den ich treffe, ausgerechnet Stefan Maria Stader. Der SPD-Kandidat lädt an diesem Abend Wittenberger Jusos zum Pizzaessen ein und will herausbekommen, "wie man die Leute hier im Wahlkampf noch abholen kann". Ein paar Ideen hat er selbst schon: Etwa "Märchen für Flüchtlingskinder vorlesen, aus Syrien und so", Bierdeckel einer lokalen Brauerei mit seinem Gesicht, "natürlich auch konkrete Themen nach vorne denken und so".

Vor allem aber muss er den letzten Zug zurück nach Berlin bekommen, wo Stader mit seinen zwei Katzen lebt. Und das bereitet der örtlichen Juso-Chefin offenbar noch mehr Sorgen als das vage "und so" hinter jedem zweiten Satz. Die junge Frau aus Niedersachsen würde nach der Wahl gern in Staders Bundestagsbüro arbeiten, lebt selbst erst ein paar Monate in Wittenberg, aber hat es immerhin schon in den Juso-Landesvorstand geschafft. "Eigentlich", sagt sie, "wollten wir es nicht so darstellen, dass Stefan pendelt."

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Ihm selbst macht das nichts aus. Vor vier Jahren hat es Stader, 59, schon einmal in Thüringen versucht, aber keinen freien Wahlkreis gefunden. In Wittenberg hatte er diesmal mehr Glück, weil kein einheimischer SPD-Genosse antreten wollte. Das spricht weder für die Basis vor Ort noch für den Kandidaten, der nun eben "hier etwas für die tollen Menschen und ihre Region tun will".

In Wahrheit lernt er beide gerade erst kennen. Stefan Stader stammt aus Mönchengladbach, jobbte schon als Student in Bonn bei der Bundestagsverwaltung, später unter anderem in der Reisekostenstelle des Verkehrsministeriums; in den letzten Jahren war er Büroleiter bei anderen SPD-Abgeordneten. Seitdem glaubt er: "Das kann ich auch." Wo und von wem er dafür gewählt wird, scheint ihm ganz egal zu sein.

Versucht es diesmal in Wittenberg: Stefan Maria Stader von der SPD
Versucht es diesmal in Wittenberg: Stefan Maria Stader von der SPD
© Holger Talinski

Die Erststimme wählt Menschen, nicht nur Prozente und Parteien

Mir aber nicht. Schließlich soll er mich und meine Gegend im Bundestag vertreten - so zumindest die an sich gute Idee des Wahlkreis-Abgeordneten. Nicht ohne Grund heißt die Erststimme deshalb so. Sie ist die einzige kleine Möglichkeit, wenigstens etwas direkten Einfluss auf die Personalabteilung dieser Demokratie zu nehmen.

Trotzdem werden die Umfragen, die Wahlberichterstattung und die Machtverhältnisse im Parlament von der so genannten Zweitstimme dominiert, die in erster Linie Parteivertreter statt Volksvertreter bekommen. Ihre Landeslisten werden vorher parteiintern ausgekungelt. Und durch allerhand Überhang- und Ausgleichsformeln werden sie seit Jahren auch zahlenmäßig immer mehr. Die Übermacht der Zweitstimme hat aus der Erststimme als Symbol der Demokratie deren Feigenblatt gemacht. Dabei sollte das Verhältnis zu den 299 direkt gewählten Abgeordneten ursprünglich ausgeglichen sein.

Die Erststimme wählt Menschen, nicht nur Prozente und Parteien. Im besten Fall sind sie vertrauenswürdig oder wenigstens geeignet, haben Wurzeln und Antennen im Wahlkreis. Und schon deshalb sind Typen wie Stefan Stader in Zeiten des politischen Vertrauensverlusts schädlich für die gefühlte Demokratie.

Er steht für alles, was Menschen wie ich an Politik so ermüdend finden: für Phrasen und Beliebigkeit "und so", für Entfremdung und Postenschacherei – letztlich auch für das, was die Demokratie gerade in dieser Gegend hier so schwach und die AfD so stark aussehen lässt.

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Mein Wahlkreis: Eine Hochburg an Hartz-IV-Beziehern und der AfD

"Mein" Wahlkreis 70 im östlichen Sachsen-Anhalt ist einer jener berüchtigten weißen Flecken, in denen Ostdeutsche immer wieder unberechenbar wählen. Stadt- und Landkreis Wittenberg gehören dazu, außerdem die Stadt Dessau, wo die AfD bei der letzten Landtagswahl eines von 15 Direktmandaten holte. Mit fast 25 Prozent bekam sie hier 2016 landesweit mehr als SPD, Grüne und FDP zusammen. In der Landeshauptstadt Magdeburg experimentiert seither die erste deutsche Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen.

Es ist eine an Einkommen arme und Kultur reiche Gegend. Mit Bauhaus, Luther und dem Gartenreich Wörlitz hat der Wahlkreis die bundesweit höchste Dichte an Weltkulturerbe. Gleichzeitig ist Dessau – gemessen am Altersdurchschnitt – die älteste Stadt Deutschlands, die Region eine Hochburg an Dauerbeziehern von Hartz IV. Junge Menschen ziehen immer noch weg. Die Mehrheit der Alten fühlt sich keiner Partei verpflichtet und ist unentschieden bis zuletzt. Hinzu kommen notorische Nichtwähler wie ich, um die alle Parteien buhlen – aber die sie auch fürchten, falls sie doch "falsch" wählen. Eine höhere Wahlbeteiligung nutzte zuletzt nur der AfD.

Doch Parteien können sich ihre Wähler so wenig aussuchen wie die Mehrheit von parteilosen Wählern deren Kandidaten. Und vielleicht steckt in diesem Filter auch schon das Personal-Problem: Acht Kompromiss-Angebote, unter denen ich nun einen Kompromiss finden soll?

Setzt fast nur auf Merkel: Sepp Müller von der CDU
Setzt fast nur auf Merkel: Sepp Müller von der CDU
© Holger Talinski

Der CDU-Kandidat: AfD als "härteste Konkurrenz"

Der SPD-Mann hat schon verloren, sobald er sich im ostelbischen Epizentrum der Reformation mit seinem rheinischen Dialekt als studierter katholischer Theologe vorstellt oder – anders ist es nicht zu deuten – seine letzte Hoffnung an ein vorzeitiges Ausscheiden der Kanzlerin knüpft. "Sie ist ja schließlich auch nicht mehr die Jüngste", sagt er. "Bis zur Wahl kann noch viel passieren."

Der junge CDU-Kandidat setzt dagegen fast nur auf Angela Merkel, wirkt wie ein politischer Azubi, aber stammt immerhin aus der Gegend, die er im Bundestag vertreten will. Sepp Müller, 28, ist studierter Bankkaufmann, und zielt mit seinem Slogan "Familie, Heimat, Ehrlichkeit" außerdem ohne jede Scham auf Wähler der AfD – für ihn "ganz klar die härteste Konkurrenz".

Mit mehr als zwei Metern überragt er seine meist grauhaarigen Zuhörer überall und ist schnell ihr Liebling, wenn er über Männer in seinem Alter schimpft, die lieber mit Hartz IV zu Hause bleiben, statt bei der Tomatenernte zu helfen. Müller würde das für "unter 30-Jährige, die arbeiten könnten" gern streichen. In Wahrheit weiß er aber auch, dass es vor allem "eine Frage anständiger Löhne" ist. Aus seinem Abi-Jahrgang vor zehn Jahren sind von 120 Mitschülern noch 15 da. Die meisten haben im Westen besser bezahlte Arbeit gefunden.

Auf einer Regionalversammlung der CDU verteidigt er Merkels Flüchtlingspolitik als "human", aber redet gleichzeitig verärgerten Mitgliedern nach dem Mund, dass es so natürlich nicht weitergehen könne. "Papa, Mama, Kind" sind für ihn "die Regel" als Familie. "Die anderen akzeptieren wir trotzdem", sagt er ebenso zag- wie standhaft, als sich Parteifreunde über die "Homo-Ehe" empören. Sein "politischer Ziehvater" und Vorgänger auf dem langjährigen CDU-Direktmandat hat die "Ehe für alle" noch eine "reine Bestandsgemeinschaft" genannt und mit dem Verhältnis zu einem "Blindenhund" verglichen. Was also ist Partei und was Sepp Müller?

Er selbst ist Vater in einer wilden Ehe, gleichzeitig Christdemokrat und "bekennender Atheist". Und obwohl seine ehrliche Unsicherheit nicht unsympathisch ist, bleibt das doch alles ein ziemlicher Eiertanz. Eigentlich möchte ich auch keinen Banker in den Bundestag schicken, selbst wenn der sich augenzwinkernd "lieber Sparkässler" nennt.

Bei ihm klingt alles nach SPD der 70er: Jörg Schindler, Kandidat der Linken
Bei ihm klingt alles nach SPD der 70er: Jörg Schindler, Kandidat der Linken
© Holger Talinski

Der Linken-Kandidat: Seine Ohrringe sind noch das Radikalste an ihm

Dann vielleicht doch einen richtig linken Linken? Als Rechtsanwalt für Sozial- und Arbeitsrecht kümmert sich Jörg Schindler, 44, schon jetzt meist um Schwächere der Gesellschaft. In den Augen der Landes-CDU ist er außerdem so linksradikal, dass sie ihn schon vor Jahren als "Sicherheitsrisiko" für jene Landtags-Kommission ablehnte, in der Abhörmaßnahmen der Geheimdienste kontrolliert werden. An diesem Tag klappert er Haustüren in einem Dessauer Plattenbauviertel ab.

Viele Türen gehen gar nicht erst auf. Die Wohnungen sind leer, oder die Mieter verstehen seine Sprache nicht. Andere schimpfen sofort auf die neuen Nachbarn aus dem Ausland. "Hier wird Arm gegen Bettelarm ausgespielt", sagt Schindler. Er würde den Wohlstand gern "etwas gerechter" verteilen, träumt aber nicht mal mehr von einem echten Systemwechsel. Seine Ohrringe sind noch das Radikalste an ihm. Für meine Erwartungen an ein möglichst breites politisches Angebot ist er damit eine ähnliche Enttäuschung wie der AfD-Kandidat.

Bei dem einen klingt alles nach SPD der 70er-Jahre, bei dem anderen wie die CDU der 90er. Beide stehen auch genau dazu und finden, dass das heute fehlt. Beide sind aus verschiedenen Gründen von gestern und verpflichteten sich zu DDR-Zeiten aus Karrieregründen länger als für jeden nötig zur Volksarmee.

Er "glaubt der Lügenpresse kein Wort", geht aber gern zu seinem "syrischen Friseur": AfD-Mann Andreas Mrosek
Er "glaubt der Lügenpresse kein Wort", geht aber gern zu seinem "syrischen Friseur": AfD-Mann Andreas Mrosek
© Holger Talinski

Der AfD-Kandidat: Ein Schiff würde ich ihm anvertrauen, meine Stimme nicht

Andreas Mrosek, 59, wurde danach Ingenieur und Seemann, drückte als Weltmeister mehr als 260 Kilogramm von der Hantelbank und war "bis zur Euro-Rettung 2008" tatsächlich CDU-Mitglied. Heute sieht er sich als "National-Konservativer ungefähr in der AfD-Mitte" zwischen Petry- und Höcke-Flügel und versteht nicht, dass ich an dieser Stelle lache.

Dass seine Fraktion im Landtag "trotz ständigem Störfeuer von innen und außen" überhaupt arbeitsfähig ist, hält er schon für "einen Erfolg". Als künftiger Bundespolitiker will er die Elbe für mehr Güterverkehr ausbauen, als Sportpolitischer Sprecher nicht mit Kippe fotografiert werden und keine "Wäscheplätze in deutschen Wohngebieten, wo schreiende Schafe geschächtet werden". Er "glaubt der Lügenpresse kein Wort", geht aber gern zu seinem "syrischen Friseur" und redet voller Begeisterung über seinen letzten Job als Lotse im Nord-Ostsee-Kanal. Davon hat er Ahnung. Ein Schiff würde ich ihm sofort anvertrauen, aber meine Wählerstimme?

Mrosek spielt nicht nur gern "Farmville" auf Facebook, er war auch der Administrator einer WhatsApp-Gruppe, deren Chatverlauf vor Wochen öffentlich wurde. Darin schwadronierten AfD-Mitglieder über den Umgang mit "Volksfeinden" nach der "Machtübernahme". Journalisten sollten dann "ausgesiebt" werden. "Deutschland den Deutschen", schrieb Landeschef Poggendorf. Seinem Stellvertreter Mrosek tut das leid, aber es wird nicht ganz klar, ob er die Inhalte meint oder nur, dass sie öffentlich wurden. Als Administrator hätte er bei Tausenden Nachrichten einfach den Überblick verloren, sagt er: "Und ich hätte vielleicht lieber gesagt: Deutschland dem deutschen Staatsvolk."

Unter dem Klodeckel seines Dessauer Büros klebt ein "Merkel-muss-weg"-Aufkleber. Die anderen Räume sind mit AfD-Plakaten, afrikanischer Kunst und von ihm selbst gemalten Bildern dekoriert. Nach zwei Stunden staunt er, dass man sich "so vernünftig" mit der Lügenpresse unterhalten kann. Ich staune, dass er womöglich glaubt, ich würde deshalb seine "Machtübernahme" und mein Berufsverbot riskieren. Wohin mit meiner Erststimme, weiß ich aber immer noch nicht.

Die einzige mit Bundestagserfahrung: Steffi Lemke von den Grünen
Die einzige mit Bundestagserfahrung: Steffi Lemke von den Grünen
© Holger Talinski

Die Grünen-Kandidatin: Was haben Eisbären mit meinem Wahlkreis zu tun?

Steffi Lemke braucht sie nicht. Die grüne Kandidatin sitzt schon im Bundestag und kommt auf Platz eins ihrer Landesliste mit etwas Glück auch so wieder rein. Rein biografisch läge ein Kreuz bei ihr dennoch am nächsten. Sie ist 49 Jahre alt, durfte zu DDR-Zeiten nicht ohne weiteres studieren, lebte 1990 in einer besetzten Wohnung und heute in einem fein sanierten Altbau. Alles genau wie bei mir – zudem kommt sie mir schon länger wie der letzte ehrliche Rest Bündnis 90 bei den Grünen vor.

Vielleicht sieht sie deshalb auch so müde aus, während sie ein sogenanntes Fachgespräch moderiert, zu der ihre Fraktion Experten und Öffentlichkeit nach Berlin geladen hat. Es geht um das schmelzende Eis an den Polen. Aber Klima-Fachleute und Politiker bleiben dabei weitgehend unter sich und bestätigen sich den Ernst der Lage nur gegenseitig.

Zwischendurch muss Steffi Lemke kurz ins Plenum zu irgendeiner Abstimmung. Naive Wähler wie mich irritiert das: Wieso veranstaltet man so ein "Fachgespräch" ausgerechnet in der Sitzungswoche? Warum sitzt meine Volksvertreterin nicht im Parlament, wenn das schon mal tagt? Was sind "Sitzdienste", mit denen sich die Abgeordneten offenbar ablösen? Und was haben Eisbären mit meinem Wahlkreis zu tun?

Manches hat sich Lemke 1994 auch anders vorgestellt, als sie erstmals in den Bundestag gewählt wurde. Nach drei Wahlperioden und langen Jahren als Parlamentarische Geschäftsführerin und im Parteivorstand ist es fast ein Wunder, dass bei ihr immer noch "Idealismus für das Große und Ganze übrig ist", wie sie es nennt. Deshalb fühlt sie sich nicht nur für die Elbe zuständig, sondern eben auch für die Arktis.

1999 zählte sie zu den wenigen Bündnis-Grünen, die gegen den Nato-Angriff auf Serbien stimmten. Wenig später gab sie ihre Stimme – gegen die eigene öffentlich erklärte Überzeugung – für den Afghanistan-Einsatz ab. Rein taktisch, nur damit die rot-grüne Koalition nicht zerbrach. Das schmerzt sie bis heute - und war gleichzeitig mein Abschied von Grünen und Wahlurne.

Vergleicht sich als "Gründer in der Provinz" gern mit Luther: Jörg Schnurre, FDP
Vergleicht sich als "Gründer in der Provinz" gern mit Luther: Jörg Schnurre, FDP
© Holger Talinski

Der FDP-Kandidat: Irgendwas zwischen Luther und Klingeltönen

Außer bei ein paar Kommunalwahlen bin ich seitdem praktisch ein unbeschriebener Stimmzettel und weiß auch nicht, warum es mich gerade jetzt wieder juckt und sogar meine Zweitstimme für fast jede Partei zu haben wäre. Sind es die gesellschaftlichen Gräben in der Flüchtlingsfrage oder bei der perversen Wohlstandsverteilung? "Bürgerpflicht" war es für mich nie. Über 90 Prozent Wahlbeteiligung in der DDR waren auch kein Ausdruck lebendiger Demokratie. Bewusste Nichtwähler wie ich sind nicht faul, sie nehmen ihre Verantwortung sogar ernster, als aus Verlegenheit irgendwas zu wählen – etwa die FDP.

Deren Dessauer Kandidat ist dort seit zwei Jahren Mitglied. Vorher war Jörg Schnurre, 36, Graffiti-Sprüher, Berufssoldat, Kneipier, und eigentlich wäre er am liebsten erfolgreicher Unternehmensgründer. Seit 2013 glaubt er an eine Geschäftsidee, mit der er bildende Kunst digital reproduzieren und vermarkten will. "So etwas zwischen iTunes und Klingeltönen für Bilder." Bisher fand sich nur kein Investor, und Schnurre vergleicht sich als "Gründer in der Provinz" gern mit Luther. "Über alles muss man die Leute erst aufklären."

Bei der Bundeswehr hat er mit dem Kosovo und Afghanistan ein Stück Welt gesehen. Nach der ersten Pleite seiner Firma radelte er auf Geldsuche durch Deutschland. Jetzt sucht er FDP-Wähler als neue Arbeitgeber. Schnurre möchte sich für "Bundeswehr-Veteranen" einsetzen und geriet zuletzt in den Verdacht, Stimmen kaufen zu wollen, weil er Erstwählern auf Flyern zwei Euro versprach. Er wirkt wie seine eigene Geschäftsidee: eine digitale Kopie von irgendwas – zwischen Luther und Klingeltönen. Meine Stimme nicht wert.

Ohne eine Partei im Rücken: der Einzelkandidat Tobias Ulbrich
Ohne eine Partei im Rücken: der Einzelkandidat Tobias Ulbrich
© Holger Talinski

Und dann kam der parteilose Einzelkandidat ...

Ich will es schon wieder aufgeben, da taucht plötzlich Tobias Ulbrich in der Zeitung auf: ein kurz entschlossener Einzelbewerber aus Wittenberg, den vor dem Sommer noch niemand auf dem Wahlzettel hatte, aber der im Handumdrehen die nötige Unterstützerunterschriften zusammenbekam. Ohne eine Partei im Rücken. 46 Jahre alt. Vater von drei Kindern und als engagierter Elternvertreter regional bekannt wie ein bunter Hund.

Er hält "Bildung oder wenigstens den Erhalt der dafür nötigen Strukturen für die einzige Chance der Region". Mit seinen Forderungen, etwa "auf lange Sicht auch nach kostenfreier Kinderbetreuung", geht er Politikern und Behörden seit Jahren und in kleinen, aber hartnäckigen Schritten oft erfolgreich auf die Nerven. Weil er bei seinen Ehrenämtern bis hinauf in die Landeselternvertretung immer hört, dafür sei kein Geld da, will er nun dahin, wo das Geld verteilt wird.

"Die Strukturen im Ganzen müssen sich ändern", sagt Tobias Ulbrich, "warum nicht auch der Parteiklüngel auf dem Weg in den Bundestag?" Und so will er mit seiner Kandidatur auch ausdrücklich eine "Alternative für Wähler der sogenannten Alternative sein". Für insgesamt Unzufriedene wie ihn selbst, die trotzdem nicht nur trotzige Denkzettel verteilen wollen.

Er muss gar nicht weiterreden. Ihn treibt genau das um und konsequenterweise selbst in die Politik, was mich daran stört. Zu einer Podiumsdiskussion bei der Industrie- und Handelskammer Dessau wird er gar nicht erst eingeladen, dafür helfen mir die anderen noch mal bei meiner Wahlentscheidung. Der CDU-Mann redet wieder über die Tomatenernte, FDP und Linker schmeicheln sich vor den Unternehmern als "auch Selbstständige" ein. Steffi Lemke lehnt ein Gruppen-Foto mit der AfD ab. Der SPD-Kandidat schließt sich ihr erst lauthals an, möchte dann aber auf dem Bild doch nicht fehlen. Nichts anderes hätte ich von einem Demokraten wie ihm erwartet.

Mein parteiloser Einzelkandidat dagegen wirkt naiv genug, es ernst zu meinen. Ulbrich hat sich schon zu DDR-Zeiten trotz aller drohenden Nachteile für den waffenlosen Kriegsdienst bei den Bausoldaten gemeldet. Mit den Bundestags-Diäten hätte er weniger Einkommen als jetzt bei einem Software-Unternehmen. Trotzdem opfert er seinen Jahresurlaub und etwa 10.000 private Euro für Plakate dafür. Er verspricht nichts, außer es zu versuchen. Allein seine Frau war anfangs nicht so begeistert wie ich. Und ein Problem haben wir alle drei: Wem geben wir nun unsere überbewertete Zweitstimme?

Wahrscheinlich bleibe ich mir wenigstens damit treu. Als Nichtwähler.


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