Thomas Pynchon Das Phantom der Literatur


Der rätselhafte US-Autor Thomas Pynchon spricht nur durch Romane. "Gegen den Tag", sein jüngstes Buch, ist ein maßloses Meisterwerk.
Von Stephan Maus

Wir können unsere Hälse noch so recken, wir werden ihn nicht sehen. Dort oben, weit über allem, schwebt das Ufo Thomas Pynchon. Würden wir ihn sehen, wir würden ihn nicht erkennen. Die letzten gesicherten Fotos sind über 40 Jahre alt. Man könnte ihn höchstens an der Stimme erkennen, denn er hatte drei Auftritte bei den "Simpsons", und jedes Mal sprach er seinen Text selbst. Der echte Pynchon aber flieht die Öffentlichkeit. Er meidet den Jahrmarkt der Eitelkeiten, denn jeder Markt ist dem Althippie ein Grauen. Manche sagen, die Geheimniskrämerei sei Publicity. Doch die haben noch nie ein Buch von ihm gelesen. Solche Bücher brauchen keine Publicity.

Das Buch ist eine Bibliothek

Manchmal wirft das Ufo Ballast ab. Dann entschwebt es in noch fantastischere Gefilde. Eben kracht Pynchons neues Buch auf uns herab: "Gegen den Tag" (Rowohlt, 29,90 Euro). Der Luftfahrer muss gerade ordentlich an Höhe gewinnen, denn er hat einen ziemlichen Brocken abgeworfen, in dem eine Luftschiffbesatzung nicht die geringste Rolle spielt. Mehr als 1500 Seiten dünnes Bibelpapier, aus dem so viele Geschichten drängen wie aus der Heiligen Schrift selbst. Kein Buch, sondern eine Bibliothek, deren Inhalt der Autor so zusammenfasst: "'Gegen den Tag' umspannt den Zeitraum zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und den Jahren kurz nach dem Ersten Weltkrieg und führt von den Arbeiterunruhen in Colorado über das New York der Jahrhundertwende, London und Göttingen, Venedig und Wien, den Balkan, Zentralasien, Sibirien zur Zeit des Tunguska-Ereignisses und Mexiko während der Revolution ins Paris der Nachkriegszeit, nach Hollywood während der Stummfilmära und an ein, zwei Orte, die auf keiner Landkarte zu finden sind. Während sich die Katastrophe schon am Horizont abzeichnet, beherrschen hemmungslose kapitalistische Gier, falsche Religiosität, tiefe Geistlosigkeit und böse Absichten an hohen Stellen das Bild."

"Gegen den Tag" zeigt die Geburt der Moderne mit all ihren Krämpfen, Hoffnungen und Ernüchterungen. Pynchon kleidet seine Empörung gegen den Ausverkauf der Utopien in eine ironische Erzählung voller Comedy-Einlagen. Auch in seinem neuen Werk erweist sich der 70-Jährige als Meister in der Beschwörung von Populärkultur. Noch nie war seine Freude an der Parodie so groß. In nebeneinander herlaufenden und sich überkreuzenden Plots imitiert er zahlreiche Genres vom Cartoon bis zum Spionagethriller. So liefert ihm die Scharnierepoche der Moderne auch die Stimmen für sein Potpourri. Pynchon verfeinert hier die Trivialformen einer Zeit, in der ein Teil der Literatur zu Serienunterhaltung wurde. Wenn es in diesem Füllhorn überhaupt so etwas wie einen Plot gibt, so liest er sich wie ein Western - jenes Genre, mit dem Amerika seit je seine Entwicklung von einer Siedler- zu einer Industriegesellschaft verarbeitet: Der Anarchist Webb Traverse, der mit Anschlägen gegen den Eisenbahn-Imperialismus im Wilden Westen vorgeht, wird im Auftrag eines Erzbösewichts von zwei Killern ermordet. Traverses Söhne ziehen los, um ihn zu rächen. Im Herzen ist "Gegen den Tag" ein Anarchistenroman. Das erklärt die anarchistische Form dieses wilden Epos' über den Kampf zwischen "Corporate America" und den Gegenkulturen.

Immer wieder erstaunlich, wie entspannt Pynchon einen Varietésong trällert, um dann eine 200-Worte-Super- Nova explodieren zu lassen, die eine ungesehene Bilderwelt aufleuchten lässt und dem Leser Licht für die düstere Post-Pynchon-Ära spendet, in der er wieder zur Lektüre von Mittelmaß verdammt ist. Pynchon lesen ist wie ein Sabbatical von all dem Müll, der uns umgibt. Dieser Reichtum ist der Grund, weshalb Pynchon einer der meistkommentierten lebenden Autoren sein dürfte. Doch all die Exegeten haben bisher nicht erklären können, woher genau der verdammte Rock'n'Roll kommt, der in jedem dieser Romane vibriert.

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