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Post von Pynchon: Ein Phantom mit Humor

So jemand dürfte eigentlich kein Star sein: Seit vierzig Jahren abgetaucht, gibt keine Interviews, veröffentlicht alle Jubeljahre mal ein Buch. Trotzdem hat Thomas Pynchon auch hierzulande eine treue Fangemeinde. Übersetzer Dirk van Gunsteren bekam den Kultautor zwar auch nicht zu Gesicht, dafür aber Post von Pynchon. Und stellte fest: Der Mann hat Humor.

Dirk van Gunsteren serviert feinsten Darjeeling-Tee und selbstgedrehte Zigaretten zum Interview. In seiner gemütlichen Wohnung in München-Neuhausen darf noch geraucht werden. Und überhaupt, das Leben als Pynchon-Übersetzer sei schöner als man denkt, sagt van Gunsteren. "Denn wann kriegt man schon eine derart charmante Antwort von einem weltberühmten Autor: 'Danke für Ihre Arbeit. Ich verlange nur, dass es im Deutschen besser klingt als im Englischen. (War nur Spaß!)'. Der preisgekrönte Übersetzer kommt gerade von einer Italienreise zurück - bei der er auch ein paar von Pynchons Fährten aufnahm. Gutgelaunt und braungebrannt stellt er sich den Fragen von stern.de.

Thomas Pynchon gilt ja als das Phantom der Literaturszene. Er gibt keine Interviews, tritt nie in der Öffentlichkeit auf und lässt sich auch nicht fotografieren. Wie stellen Sie sich Pynchon eigentlich vor? Wenn Sie ihn zeichnen müssten, wie sähe er aus?

(lacht): Ich hab keine Ahnung. Ich weiß nur, er hat vorstehende Zähne. So Hasenzähnchen...

...was man aufgrund einer vierzig Jahre alten Aufnahme aus Pynchons Jugendzeit weiß...

Ich stelle ihn mir vor wie einen netten alten Herrn - er ist ja inzwischen siebzig -, weltgewandt, humorvoll. Ich glaube nicht, dass er irgendetwas Verschrobenes oder gar Psychopathisches hat. Wir hatten ja Kontakt mit ihm, per E-Mail oder Fax, und er hat immer prompt geantwortet. Er hatte so gar nichts Eitles an sich.

Sie stellen ihn sich also weniger als Althippie, sondern als distinguierten Herrn vor?

Ja.

Und wie arbeitet man mit so einem Phantom konkret zusammen? Pynchons Romane sind ja derart hochkomplex, dass ein reger Austausch zwischen Autor und Übersetzer fast zwingend erforderlich ist, wenn man den Job gut machen will...

Ja, das ist wahr. Wir hatten eine Reihe von Fragen, die tatsächlich nur der Autor beantworten kann. Die haben wir ihm per E-Mail gestellt, das heißt, wir haben E-Mails geschrieben an seine Frau und Agentin Melanie Jackson, mit der Bitte um Weiterleitung, und auf demselben Weg kamen dann die Antworten, manchmal auch per Fax: Und die waren immer sehr erhellend, sehr gründlich und sehr humorvoll. Er hat sich auch nie beklagt über unsere Fragen oder sie gar blöd gefunden, sondern war im Gegenteil sehr erfreut, dass da offensichtlich intelligente Fragen kamen.

Haben Sie mal versucht, ihn persönlich kennenzulernen?

Nein. Ich würde ihn natürlich gern kennenlernen. Aber das muss man respektieren: Pynchon sagt eben, "Ich will keinen Kontakt zur Öffentlichkeit" - und wenn er jetzt damit anfangen würde, dann hätte er bis an sein Lebensende nichts anderes mehr zu tun, als Interviews zu geben...

Das ist klar, aber es gibt ja auch Lektoren und Verleger, wie zum Beispiel Michael Naumann, die ihn durchaus schon persönlich getroffen haben...

Es gibt natürlich eine ganze Reihe Leute aus der Verlagsszene, die ihn persönlich kennen, aber ich hab das nie versucht. Das wäre ja wie Trophäenjagd. Mir ging's einfach immer nur darum: Ich habe konkrete Fragen, verstehe irgendwas nicht - und die hat er eben beantwortet. Das war prima, und mehr wollte ich gar nicht.

Haben Sie versucht, auf dem Umweg über besagte Kollegen herauszufinden, was für ein Typ das ist, dieser Thomas Pynchon?

Der ehemalige Rowohlt-Cheflektor Hans-Georg Heepe hat das mal erwähnt, so aus eigenem Antrieb: Pynchon und er hätten zusammen Abend gegessen und sich unterhalten, und das sei ein ganz netter Mensch. Aber ich habe nie jemanden ausgefragt. Das gehört auch dazu, wenn man so eine Entscheidung respektieren will. Wenn jemand diese Zurückgezogenheit will, dann heißt das für mich auch, dass ich es nicht hinten herum versuche. Seine Bücher sprechen für sich, finde ich. Ich glaube, Pynchon ist gar nicht schrullig, sondern ein sehr humorvoller Typ.

Stichwort "Humor". Wie bewältigt man als Pynchon-Übersetzer eine derartige thematische, sprachliche und zeitliche Bandbreite: Von Popkultur bis Ingenieurswissenschaft, vom Blödelsong bis zur mathematischen Kurzabhandlung und - wenn man auch seine anderen Romane berücksichtigt - vom 18. Jahrhundert bis zum Hippietum der Sechzigerjahre. Kann man sich auf so etwas überhaupt angemessen vorbereiten?

Ach... (seufzt)...Nein. Aber ich bereite mich eigentlich nie vor. Ich lasse das immer erst auf mich wirken, und alles Weitere ergibt sich dann daraus. Natürlich liest man sich im Verlaufe eines solchen Projekts in bestimmte Sachen ein. Das galt in dem Fall für bestimmte mathematische Probleme und Zusammenhänge, von denen ich ehrlich gesagt keine Ahnung hatte - und auch jetzt nicht viel mehr Ahnung habe -, aber immerhin habe ich mich dann per Internet, über Wikipedia und dieses Pynchon-Wiki, was wirklich sehr zu empfehlen ist, ein bisschen eingelesen. [Anm. d. Red.: Das "Pynchon-Wiki" ist eine Art Kommentarseite, die zu allen Romanen Pynchons detaillierte Erläuterungen liefert.] Zudem hatten wir auch noch einen Mathematik-Experten als Gewährsmann, ein guter Bekannter meines Mitübersetzers Nikolaus Stingl.

Und andere Sachen waren einfach schon da. Wenn Pynchon diesen Ton anschlägt, bei den Luftschiffern, diesen Chums of Chance - im Deutschen "Freunde der Fährnis" - das ist so dieser Ton des englischen Abenteuerromans der Zehnerjahre oder der Zeit um 1890. Da klingt dann Jules Verne an, mit dieser wahnsinnigen Fortschrittsgläubigkeit, alles wird immer besser, etc. Und insofern ist dieser Ton, in dem diese Passagen von Pynchon gehalten sind, eigentlich schon vorgegeben. Den musste ich mir nicht anlesen, denn ich hab diese Bücher ja früher gelesen. Jules Verne, oder auch diese Western. Aber das Schöne sind diese unvermittelten Übergänge: Eben noch hochgradig anspruchsvolle mathematische Erörterungen - und dann kommt so ein albernes, also: bewusst albernes Liedchen...

...wie bei "Vineland", wo ein Nonsens-Lied vorkommt, das aber, wenn man es laut liest, wie die französische Nationalhymne klingt...

Oder bei "Gegen den Tag" die Geschichte von den beiden italienischen Bomberpiloten, die den ersten Sturzflug der Fliegergeschichte machen und dabei singen "Im Sturzflug über der Sta-hadt, Mensch, was für einen Spaß man da ha-hat. Sieh, wie sie rennen, sieh, wie sie fliehen, wenn unsere MGs die Nähte ziehen. Wir stürzen hinab auf Städte und Flecken, wir sind ihr Schrecken landauf landab" - so was zu übersetzen macht Spaß!

Aber so ganz ohne Recherche kommt man doch nicht aus, oder? Wenn man vor bestimmten wissenschaftlichen Passagen steht und sich überlegen muss, "Kann ich mir da ein Fremdwort ausdenken oder ist das etwas, was es wirklich gibt?"

Das ist ja das Interessante. Pynchon spinnt sich eigentlich nie etwas zusammen, das denkt er sich nicht aus...

Na ja, manchmal schon... Die "Hohlraum"-Flüge der "Freunde der Fährnis" zum Beispiel...

Ja, gut, aber es gab ja mal diese Theorie, dass die Erde hohl ist. Also nimmt man auch den entsprechenden Begriff wieder. Diese ganzen mathematischen und wissenschaftlichen Begriffe bei Pynchon, die gibt es alle. Aus dem Bergbauwesen oder was weiß ich. Die gibt es alle. Und das muss man dann auch so eins zu eins nehmen. Dann gibt es noch Passagen, die spielen zum Beispiel in Ostende. Und da wird dann auch sehr genau beschrieben, welche Wege ein Protagonist da geht, in welchem Hotel er absteigt, und so weiter. Diese Namen sind im Original alle französisch - aber nun liegt Ostende im flämischen Teil. Das heißt, auf den Straßenschildern stehen beide Namen drauf: großgeschrieben der flämische Name und drunter klein der französische. Um das stimmig zu machen, habe ich mir die Mühe gemacht, über Google Earth herauszufinden: Wie heißt dieser Kai auf Holländisch?

Hat Pynchon da ausnahmsweise schlecht recherchiert?

Er fährt da ja nicht selber hin, sondern arbeitet mit Reiseführern. Und wahrscheinlich - ich spekuliere jetzt mal - war er in diesem Fall an einen Reiseführer geraten, in dem die Bezeichnungen eben auf Wallonisch, also Französisch, dastanden. Er streut ja auch gern mal einzelne deutsche Wörter ein, und die sind dann oft falsch geschrieben. Also "Herr Oberhauptheitzer" - da ist dann "Heizer" mit "tz" geschrieben. Das haben wir natürlich stillschweigend korrigiert. Es wäre ja auch kleinlich, so einen Autor darauf hinzuweisen, "Hier ist ein 't' zuviel!".

Wenn Sie "Gegen den Tag" in einem Satz beschreiben müssten, wie würde dieser lauten?

Das ist schlechterdings nicht zu machen. Ich würde sagen... es ist ein historischer Roman, der in der Zeit zwischen 1880 und 1914 spielt. Unter anderem geht es um die Zeit, wo die Wissenschaft großartige Fortschritte gemacht hat, wo aber noch nicht so ganz festgeschrieben war: "Was ist jetzt eigentlich wirklich wissenschaftlich?" Da spekuliert man zum Beispiel darüber, was ist eigentlich außerhalb dieser Lufthülle, die die Erde umgibt? Da ist der Äther - und was ist das eigentlich, wozu dient das, kann man da reisen oder nicht? Was heute so abgetan wird als "unwissenschaftlich" - das war damals noch gar nicht so richtig festgelegt. Es spielen alchemistische Ideen rein, spiritistische Sitzungen kommen vor - das wird alles durchaus ernst genommen. Das ist wirklich eine sehr interessante Zeit. Ich hab mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, wie fließend die Grenzen zwischen Wissenschaft und Parawissenschaft damals waren.

Andreas Rosenfelder hat in der FAZ geschrieben, bei Pynchon träfen deutscher Ingenieurgeist und amerikanische Verschwörungstheorie aufeinander...

So kann man es ausdrücken. Pynchon hat in seiner Buchbeschreibung, die er selber bei amazon reingestellt hat, ja von der Welt geschrieben, wie sie sein könnte, im Gegensatz zu der Welt, wie sie ist. Wenn man sich darauf einlässt, stellt man fest: Es könnte tatsächlich so sein. Das Unterwüstenboot, das tatsächlich so funktioniert wie ein Unterseeboot, das fährt halt unter der Wüste durch und man stößt dabei auf allerlei Ruinen und alte Städte. Es wäre eben denkbar. Damit spielt Pynchon, und das finde ich eben das Schöne.

Pynchons Romane spielen ja auch immer in Zeiten des Übergangs, wo sich ein großer Möglichkeitsraum eröffnet...

...und wo einfach kein fester Bezugspunkt da ist, an dem sich alles ausrichtet. So dass alles relativ ist oder in eine Art Zwielicht getaucht ist.

Warum sollte sich jemand einen in der deutschen Fassung doch immerhin 1760 Seiten schweren Roman antun?

Einfach weil es ein unglaublich tolles Buch ist. Ich wüsste wenig Bücher, die mich so gefesselt oder fasziniert haben wie dieses. Es ist ein richtig tolles Buch, und es ist für jeden was dabei.

Was fesselt Sie konkret daran? Ist es die Spannung, weil man wissen will, wie es weitergeht? Ist es die intellektuelle Brillanz des Autors?

Beides. Es ist die handfeste Kolportage einerseits - es passiert was. Da ist diese Familiengeschichte, die dem Ganzen einen Rahmen gibt. Da ist dieser Gewerkschaftsführer bei dieser Minengesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts, und die Kapitalisten versuchen das zu unterdrücken mit gemieteten Killern, und der wird erschossen. Und seine Kinder versuchen den Vater zu rächen. Da wollte ich zum Beispiel einfach wissen: Wie geht das aus? Schaffen die das? Und wenn ja: wie. Da ist dieser Plutokrat, an den kommt man gar nicht ran, und der ist umgeben von lauter bösen, bösen Handlangern.

Es gibt albernes Gekasper, wie immer bei Pynchon. Es gibt unzählige Seitenstränge, aus denen andere ein ganzes Buch gemacht hätten - und er reißt das nur mal so kurz an. Und es gibt unheimlich viel Stoff zum Nachdenken, so dass man das Buch zur Seite legt und überlegt, "Mensch, wie wäre das gewesen, wenn das anders gelaufen wäre...?" oder "Was wäre, wenn das wirklich so möglich wäre...?" Oder Leute, die einen Weg gefunden haben, in der Zeit zurückzureisen. Wie, das wird gar nicht so genau geschildert. Und das ist auch gar nicht so interessant. Aber wie wäre das, so jemanden zu treffen. Leute, bei denen sich rausstellt: Die sind abgehauen, einfach geflohen aus ihrer Zeit.

"Gegen den Tag" sei Pynchons "komischster und zugleich sein zugänglichster Roman", schrieb die New York Book Review. Schließen Sie sich diesem Urteil an?

Nein, das zugänglichste Buch finde ich nach wie vor "Vineland". Das ist für meine Begriffe einfach geradliniger erzählt, viel geradliniger als hier, mit weniger Seitensträngen. Das hat sich mir vielleicht auch leichter erschlossen, weil es da um meine Generation geht. Aber das heißt nicht, dass "Gegen den Tag" kein zugängliches Buch ist. Man muss sich darauf einlassen. Man darf keine Angst haben vor diesem Zwei-Kilo-Wälzer. Und man muss auch nicht alles verstehen.

Von Burroughs gibt es ja das schöne Zitat: "Ein Paranoiker ist jemand, der alle Fakten kennt." Ist Pynchon ein Verschwörungstheoretiker? Oder einfach nur einer der ziemliche viele Fakten hat?

(lacht) Ich würde nicht sagen, er ist ein Verschwörungstheoretiker, aber es geht in seinen Büchern - man denke nur an "Die Versteigerung von Nr. 49" - immer wieder um Gegengesellschaften, die im Untergrund operieren, die nicht bekannt sind. Die "Gegenpost"...

Tristero...

...und hier sind es die Anarchisten. Oder eben die Quaternionisten, die ein anderes Verständnis von Raum und Zeit haben. Es geht in jedem seiner Bücher... - ich spekuliere jetzt, ich habe ihn ja nie kennengelernt - ...in seiner Welt gibt es für jede starke Bewegung, die manifest ist, über die man in der Zeitung liest, also die Regierung oder Wirtschaftskonglomerate und dergleichen, eine Gegenbewegung, über die man nichts liest oder ganz wenig, die aber trotzdem da ist. Und die holt er hervor und schildert sie, thematisiert ihr Wesen und Wirken.

Würden Sie sagen, dass Thomas Pynchon ein politischer Schriftsteller ist?

Nicht im landläufigen Sinne. Außer man sagt: Politisch ist eigentlich alles. Jeder der sich öffentlich äußert, gibt damit ein politisches Statement ab.

Aber es fällt ja schon auf, dass alle seine Romane versuchen, eine Art Gegengeschichte zu der landläufigen amerikanischen Geschichtsschreibung zu liefern.

Es kann natürlich sein, dass er sich als politischer Schriftsteller begreift. Ich sehe ihn nicht so. Ich sehe wohl, dass er in diesem Buch unter anderem versucht, ein Porträt der amerikanischen Arbeiterbewegung zu zeichnen, die ja in dieser Zeit mehr oder weniger zertrampelt worden ist. Und die in der normalen amerikanischen Geschichte, so wie wir sie kennen, so gut wie gar nicht vorkommt. Wer weiß denn heute noch, wer die Wobblies sind? [Anm. d. Red.: 1905 in Chicago gegründet, hatte die Gewerkschaft "Industrial Workers of the World", im Volksmund Wobblies genannt, auf ihrem Höhepunkt Anfang der Zwanzigerjahre 100.000 Mitglieder] Das kommt einfach nicht vor. Und er macht es zum Thema und zeigt: Es gab auch in Amerika eine starke Arbeiterbewegung.

Skurril ist in diesem Zusammenhang ja auch der Auftritt des österreichischen Erzherzogs in Chicago...

(lacht) Das spielt auch auf die "Katastrophe von Meierling" an [bei der Kronprinz Rudolf von Österreich unter ungeklärten Umständen zu Tode kam, Anm. d. Red.]. Pynchon treibt es auf die Spitze, indem er unter all diesen Dunkelmännern auch noch Jack the Ripper auftreten lässt.

Das ist doch der beste Beleg dafür, dass Pynchon auch Pop ist. Irgendwer hat mal gesagt, seine Romane seien im Grunde so etwas wie gewaltige Comic-Strips...

In gewisser Weise ja.

Sie haben "Gegen den Tag" zusammen mit Nikolaus Stingl übersetzt. Wie übersetzt man so einen elaborierten Schinken gemeinsam?

Na ja, das wurde erleichtert dadurch, dass wir früher schon gemeinsam übersetzt haben. Wir sind seit Jahren eng befreundet, telefonieren beinahe täglich wegen irgendwelcher übersetzerischen Fragen. Meist ruft einer an und fragt, "Wie verstehst du das?" oder "Hör dir mal das an!" Und so haben wir das auch bei Pynchon gehalten. Das heißt, wir haben erst mal festgelegt, wer welche Teile übernimmt. Normalerweise setzt man an ein derart in sich geschlossenes hochliterarisches Werk natürlich einen Übersetzer. Bei zweien wird es schwierig. Man muss sich erst mal einigen auf den Duktus und so weiter. Das fiel bei uns natürlich weg, weil wir uns da ohnehin einig waren. Die Notwendigkeit, da überhaupt zwei Leute dranzusetzen, hat sich daraus ergeben, dass die Vorstellungen des Verlags von der Produktionszeit eben sehr, sehr knapp waren. Das war für einen allein gar nicht zu machen. Wir haben innerhalb von elf Monaten mehr als 2000 Manuskriptseiten übersetzt. Das ist schon enorm.

Nikolaus Stingl hat die Teile 1, 2 und 4 übersetzt, während ich die Teile 3 und 5 gemacht habe. Wir haben täglich telefoniert. Dabei ging es um die Vereinheitlichung bestimmter Begriffe oder besondere Vorlieben wie z.B. dass ich ungern "Moment" schreibe und stattdessen lieber "Augenblick" schreibe, während Klaus lieber "nachgerade" schreibt statt "geradezu". All das musste irgendwie angeglichen werden.

Gab's denn eine Art Zuschlag für diese doch sehr schwere Kost?

Ja, den gab's schon. Aber das war nicht so doll. Es gab einen Euro mehr als sonst pro Seite, und dann haben wir noch ein bisschen gemault, worauf wir noch einen Zuschlag von zwei Euro für Rechercheaufwand bekommen haben. Letzten Endes haben wir also drei Euro mehr pro Seite als für irgendein anderes Buch bekommen. Insgesamt also 23 Euro. Und das ist in dem Fall schon...mager. Denn bei einem derartigen Schwierigkeitsgrad ist natürlich der Tagesausstoß, den man da hat, die Tagesleistung, entsprechend kleiner. Wenn ich bei einem anderen Autor acht Seiten am Tag schaffe, schaffe ich bei Pynchon nicht mehr als fünf. Und was man dabei nicht vergessen darf: die Redaktion, das Überarbeiten und die Fahnenkorrektur - das alles ist damit ebenfalls abgegolten. Über Stundenlöhne brauchen wir da gar nicht reden...

Wie muss man sich den Moment vorstellen, wenn man ein derart gigantisches Übersetzungsmanuskript beim Verlag abgibt? Erleichterung, Erschöpfung, Freude, Trauer?

Alles zusammen. Aber erst mal habe ich mich großartig gefühlt. Es war einfach toll, das geschafft zu haben. Also ich muss sagen: Ich hab nicht geglaubt, dass wir das schaffen in der Zeit. Dass wir das geschafft habe, das war einfach...richtig toll.

Kann man sich gleich auf ein neues Projekt einstellen? Und wie viel Verschnaufspause bleibt eigentlich im Übersetzeralltag?

Ich habe eine kleine Pause gemacht, und Klaus Stingl hat auch eine Pause gemacht. "Kleine Pause" heißt: eine Woche. Das ging nicht anders, weil schon die nächsten Projekte gedrängt haben.

Was übersetzen Sie als nächstes?

Als nächstes übersetze ich mit Kathrin Razum den neuen Roman von T.C. Boyle: "The Women"

Gibt es bestimmte Autoren, bei denen Sie sagen würden: Die fallen mir leichter?

Robert Coover zum Beispiel. Ganz wunderbar. Ich hab leider nur ein Buch von ihm übersetzt. Und dann gibt es andere, bei denen ich sage: Es langweilt mich. Es ist nicht so sehr der Schwierigkeitsgrad, sondern das Gefühl: Das sagt mir nichts.

Interview: Axel Henrici