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Buch: "Einen Herzschlag entfernt": Tracie Frank Mayer: "Ich sollte mein Baby einfach sterben lassen"

Tracie Frank Mayer erfährt kurz nach der Geburt ihres Sohnes, dass dieser nur ein halbes Herz hat. Die Ärzte geben ihm keine Überlebenschance. Doch die Nichte von Musik-Legende Quincy Jones hört nicht auf sie und kämpft wie eine Löwin um sein Leben.


Tracie Frank Mayer mit ihrem Sohn Marc

Tracie Frank Mayer mit ihrem Sohn Marc. Der 32-Jährige ist heute gesund, sportbegeistert und lebt derzeit in Köln.

Es ist dieser eine Satz, der Tracie Frank Mayer auch nach mehr als 30 Jahren nicht mehr aus dem Kopf geht. "Das Kind wurde in einem Zustand geboren, der unvereinbar ist mit der Natur." Ausgesprochen hat ihn 1984 der Professor einer Kölner Kinderklinik, nachdem er bei ihrem neugeborenen Sohn Marc einen schweren Herzfehler festgestellt hatte. "Das Baby ist so krank, dass es jeden Moment sterben könnte", erklärte er der jungen Mutter.

Doch einfach so aufgeben? Das kam für sie nicht infrage. Ihren langen Kampf um das Leben ihres Sohnes hat die Nichte von Musik-Legende Quincy Jones jetzt in einem Buch verarbeitet. Mit "Einen Herzschlag entfernt" will sie Eltern, aber auch allen anderen Menschen, die in eine ähnliche Lage kommen, Mut machen, sich nicht blind auf den Rat eines Arztes zu verlassen, sondern notfalls auch zu rebellieren. "Ich möchte Menschen durch Marcs und meine Geschichte ermutigen", so Frank Mayer. Ihre Botschaft: "Wann immer Sie für irgendwas in ihrem Leben kämpfen müssen, sei es die Gesundheit oder was auch immer, bitte geben Sie nicht auf!"

Tracie ist 28, als sie ihren einzigen Sohn Marc in einer Kölner Klinik auf die Welt bringt. Erst vor wenigen Wochen war sie aus dem amerikanischen Seattle zu ihrem Ehemann Helmut nach gezogen. Die Geburt verläuft genauso normal wie zuvor die Schwangerschaft. Doch kurz bevor sie aus dem Krankenhaus entlassen werden soll, bringt eine Routineuntersuchung ihr Leben aus dem Gleichgewicht. Marc ist gerade mal 13 Tage alt, als sie die niederschmetternde Diagnose erhält. Ihr Sohn leidet an Heterotaxie – einem schweren Herzfehler. Vereinfacht ausgedrückt: Er hat nicht wie gesunde Menschen vier Herzkammern, sondern nur zwei (eine Hauptkammer und einen Vorhof).

Buchcover "Einen Herzschlag entfernt" von Tracie Frank Mayer

In dem Buch "Einen Herzschlag entfernt" erzählt Tracie Frank Mayer die Geschichte um ihren kranken Sohn Marc

"Ich sollte mein Baby einfach sterben lassen"

Zur damaligen Zeit ein Todesurteil. Die Ärzte zweifeln, dass sie ihm durch eine Operation ein lebenswertes Leben ermöglichen könnten und so rät man Tracie Frank-Mayer, sich von ihrem Kind zu verabschieden. "Ich sollte mein einfach sterben lassen." Täglich besucht sie ihren kleinen Sohn im Krankenhaus – und nimmt jeden Tag Abschied. Eine qualvolle Prozedur, die sich über zwei Monate hinzieht. Dann fasst sie einen Entschluss: Ihr Kind wird nicht sterben! Sie besteht auf eine Operation. 

Am 7. Februar 1985 wird im Universitätsklinikum Düsseldorf ein sogenannter Shunt, eine künstliche Verbindung zwischen Hauptschlagader und Lungenarterie gelegt, um damit den Ductus arteriosus des Babys aufrecht zu erhalten. Das ist eine kleine Verbindung zwischen Körper- und Lungenkreislauf, die im Mutterleib dafür sorgt, dass der Blutkreislauf funktioniert. Diese schließt sich nach der Geburt innerhalb weniger Tage automatisch. Bei Marc muss sie jedoch künstlich offengehalten werden, um die Durchblutung aufrecht und ihn so am Leben zu erhalten. Die Operation verläuft nach Plan. "Siebenunddreißig Tage nach der Operation und einhundertundsechs Tage nach seiner Geburt konnte ich endlich meinen Sohn einmummeln und nach Hause fahren", so Frank Mayer.

Marcs Gesundheitszustand verbessert sich zunächst, wird jedoch schon kurz darauf wieder schlechter. Er bekommt eine Erkältung, hohes Fieber und sein Sauerstoffgehalt im Blut sinkt dramatisch. Die Ärzte verabreichen Antibiotika, raten Frank Mayer Eisen zuzuführen, um die Produktion der roten Blutkörperchen anzukurbeln, die für den Sauerstofftransport im Körper verantwortlich sind. Doch nichts hilft.

Tracie Frank Mayer mit Baby Marc im Arm

Tracie Frank Mayer mit Marc kurz nach seiner Geburt


In einer zweiten Operation am 5. Dezembers 1985, gerade mal zehn Monate nach der ersten, führen die Ärzte im Uniklinikum Köln eine weitere Blalock-Taussig-Anastomose durch, womit der Lunge durch eine künstlich angelegte Umleitung mehr sauerstoffreiches Blut zugeführt wird.

Ein Zeitungsartikel führt sie zu einem Spezialisten

Auch diese Operation verläuft erfolgreich. Dennoch werden die Krankheiten nicht weniger. Bis Marc in den Kindergarten kommt, hat er etliche Lungenentzündungen, Erkältungen, Bronchitis und Ohrenentzündungen. Kurz vor seiner Einschulung 1991 machen die Ärzte eine Herzkathederuntersuchung, halten eine weitere Operation jedoch nicht für notwendig. Im Jahr darauf bekommt Marc erneut hohes Fieber. Seine Hämoglobinwerte steigen, seine Fingerkuppen färben sich blau und er bekommt immer schlechter Luft. Der Professor der Kinderklinik Köln schlägt eine Operation vor. Als Frank Mayer fragt, welche Art von Operation, antwortet er ihr: "Ich weiß es nicht. Das werden wir erst wissen, wenn wir ihn aufschneiden."

Frank Mayer reicht es endgültig. "Ich weiß noch, wie ich dachte, wenn dieser Mann auch nur für eine einzige Nanosekunde glaubt, dass ich jemandem erlaube, mein Kind aufzuschneiden, einfach so, nach dem Motto 'Lass uns mal abwarten bis er da mit seinem aufgeklapptem, bluttriefendem Brustkorb liegt', dann hat er wohl den Verstand verloren. Wenn er ein Versuchskaninchen braucht, dann soll er sich gefälligst einen Hamster holen." In einer Zeitschrift entdeckt sie zufällig einen Artikel mit dem Titel "Die 400 besten Ärzte Amerikas".

Tracie neben ihrem Sohn Marc und ihrem berühmten Onkel, dem Musikproduzenten Quincy Jones.

Tracie neben ihrem Sohn Marc und ihrem berühmten Onkel, dem Musikproduzenten Quincy Jones


Sie sucht sich den besten Herzchirurgen heraus, Dr. Aldo Castañeda aus Boston, und schreibt ihm einen Brief. Zu ihrer Verwunderung ruft er sie eines Abends an und erklärt sich bereit, den inzwischen neunjährigen Jungen einer Fontan-Rekonstruktion zu unterziehen. Dabei werden die zuvor gesetzten Arterienshunts geschlossen und der Kreislauf zur Lunge führt durch eine direkte cavo-pulmonale Anastomose. Heißt: Es wird eine Verbindung geschaffen, durch die das Blut aus der unteren Hohlvene direkt in das Lungengefäßsystem geleitet wird.

In den USA erfolgt die rettende OP

Frank Mayer reist mit ihrem Mann und ihrem kranken Kind in die Vereinigten Staaten nach Massachusetts. Trotz einiger Komplikationen überlebt Marc den komplizierten Eingriff. Heute ist der 32-Jährige ein gesunder, junger Mann mit viel Energie. Obwohl er täglich Medikamente zur Vorbeugung von Blutgerinnseln und zur Blutdrucksenkung nehmen muss, macht er viermal in der Woche Sport und muss sich körperlich nicht groß einschränken. Sein Motto: immer an sich selbst glauben. "Ich hab immer daran geglaubt, dass ich dahin komme, wohin ich möchte, nämlich mein Leben, was mir geschenkt wurde, so gut es geht positiv zu gestalten", erklärt er gegenüber dem stern. "Auch wenn es am Anfang den Anschein hatte, als sei ich, auch laut Aussage einiger Ärzte, zum Sterben geboren worden. Wenn der Kopf sagt 'Ja, ich will leben', wird der Körper ihm folgen."

Seine Mutter ist froh, dass sie nicht auf die Ärzte gehört hat. Mit ihrem Buch will Frank Mayer allen Menschen Mut machen, in ihrem Leben für etwas zu kämpfen "Halten Sie durch! Seien Sie mutig in Ihren Überzeugungen, und seien Sie überzeugt von Ihrem Mut! Das absolut Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir von vornherein aufgeben und etwas nicht wenigstens versuchen, sodass wir am Ende gebeugt durchs Leben gehen, mit hängenden Köpfen, weil uns die quälende Frage runterzieht, ob wir nicht MEHR hätten tun können."

Tracie Frank Mayer: "Einen Herzschlag entfernt", Erscheinungsdatum: 27. September 2017, Preis: 19,95 Euro

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