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Zeruya Shalev im Interview Das Buch nach dem Attentat


Bestsellerautorin Zeruya Shalev hat mit "Für den Rest des Lebens" ihren vierten Roman veröffentlicht. Ein Gespräch über Israel, das Attentat, das sie 2004 überlebt hat, und die Adoption ihres Sohnes.
Von Sophie Albers

Sind Eltern verantwortlich für das Glück ihrer Kinder?
Nein. Natürlich spielen die Eltern im Leben ihrer Kinder eine sehr große Rolle, aber ab einem gewissen Alter können wir nicht mehr alles auf unsere Eltern schieben. Wir sind selbst verantwortlich für den Rest unseres Lebens.

Das Motiv, die eigene Geschichte von der großen Geschichte zu trennen, durchzieht ihr neues Buch. Inwieweit ging es Ihnen beim Schreiben um Israel, wo die Landesgeschichte das Leben bestimmt?
Ich habe während des Schreibens viel über Israel nachgedacht. Ich denke, man kann mich in den Gedanken Avners wiederfinden - wenn er über die Liebe für und die Enttäuschung über sein Land spricht, über seine Hoffnung. Man muss sich der Sicherheitsfragen bewusst sein, aber gleichzeitig begreifen, dass sie nicht alles sein dürfen. Ich sehe im Augenblick Hoffnung auf der individuellen Ebene, nicht für mehr. Dieses Buch erzählt von der Geschichte des Landes, der Generation der Pioniere und einen Teil der Geschichte der Beduinen. Das alles zusammen ergibt eine Art Panoramablick - anders als in meiner Trilogie.

Lassen die jungen Leute und ihre Sozialproteste des Sommers nicht auf ein neues, ein anderes Israel hoffen?
Ich habe während der Zeltproteste eine Menge junger Leute getroffen. Ich war sehr involviert. Es war großartig, ein Sommer der Normalität. Wir haben für ganz normale Dinge demonstriert wie die Lebensqualität. Aber dann kam die Iran-Krise, und plötzlich bestimmt wieder die Frage das Leben, ob Bibi nun angreifen wird und wann und wo man dann am besten sein sollte. Sozialproteste werden nie das Hauptanliegen in Israel sein. Ich wünschte es, aber dazu gibt es einfach zu viele Konflikte, die es zuerst zu lösen gilt. Und viele davon scheinen unlösbar. Der Arabische Frühling hat es bisher nicht einfacher gemacht.

Wundern Sie sich eigentlich manchmal, dass Sie ausgerechnet in Deutschland so erfolgreich sind?
Ich nehme es nie als gegeben hin, ich bin wirklich dankbar. Diese Art von Literatur ist ja nicht einfach. Das ist kein Krimi, sondern für Leser, die sich auf Intimität und Gefühle einlassen.

Dabei heißt es doch immer, dass die Deutschen das gerade nicht so gut können.
Ich glaube, die Deutschen können das sogar besser als andere. Ich erkläre mir das mit dem deutschen Romantizismus. Diese Schwere der Gefühle. Ich denke, deshalb werden meine Bücher hier gelesen, weil die Deutschen daran gewöhnt sind, sich mit ihrer inneren Welt zu beschäftigen, weil sie keine Angst davor haben.

Sie haben sieben Jahre lang pausiert. 2004 wurden Sie bei einem Selbstmordattentat in Jerusalem schwer verletzt. Haben Sie damals überlegt, mit dem Schreiben aufzuhören?
Es war keine Überlegung, ich konnte einfach nicht schreiben. Ich konnte mir in den ersten Monaten nicht einmal vorstellen, je wieder zu schreiben. Das hat mir Angst gemacht. Worte hatten ihre Wichtigkeit verloren. Das war das schlimmste Gefühl. Beim Schreiben geht es um Sprache, um Stil, du musst daran glauben, dass Worte wichtig sind. Und diesen Glauben hatte ich verloren. Neben mir ist eine Frau verbrannt, warum sollte der Stil dieses Romans wichtig sein? Romane waren unwichtig, Worte waren unwichtig, nichts war wichtig. Ich wusste nicht, was ich machen soll, schließlich hat Schreiben meinem Leben Bedeutung gegeben. Für ein halbes Jahr habe ich wirklich neben mir gestanden, und neben meinem Schreiben. Ich war damit beschäftigt, körperlich und mental zu heilen. Ich habe nicht mal gelesen. Bücher waren mir gleichgültig.

Was haben Sie den ganzen Tag über gemacht?
Fast nichts. Unglaublich, oder?! Wenn die Kinder nach Hause kamen, waren sie bei mir. Ich habe ja im Bett gelegen. Ich konnte ein halbes Jahr lang nicht laufen. Wenn ich allein war, habe ich nachgedacht, in Erinnerungen an meine Kindheit gewühlt. Ich war ein bisschen wie Chemda im Buch. Obwohl ich nicht 80 bin, aber ich habe mich manchmal so gefühlt. Ich habe über den Anschlag nachgedacht, ich habe versucht, mich an alle Details zu erinnern. Ich habe über den Rest meines Lebens nachgedacht, das, was wichtig ist und was nicht. Es war eine sehr melancholische Zeit. Aber aus diesen schrecklichen Monaten ist die Idee geboren, etwas voller Hoffnung und Liebe zu tun: ein Kind zu adoptieren. Und dieses Buch zu schreiben.

Diese Adoption war nicht einfach.
Es war ein großer Konflikt, eine Frage des Alters und der anderen Familienmitglieder. Würde ich stark genug sein, um mit den Traumata des Kindes umgehen zu können, das mit seinen zwei Jahren ja selbst schon eine Geschichte hatte. Ich bin eine sehr weiche Mutter, aber ich habe gelernt, dass Kinder mit einer schweren Geschichte manchmal sehr harte Mütter brauchen. Es gab eine Menge Fragen. Meine Freunde dachten, ich sei durchgeknallt: Wie kannst du nur? Du hast eine Karriere! Du musst reisen und schreiben. Sie wollten mich davon abbringen.

Ist Ihr Sohn mit auf Ihrer Lesereise?
Nein, dann hätte er das Restauran, in dem wir sitzen, schon auseinandergenommen! (lacht)

Er ist das pure Leben.
Ganz genau. Das ist das Wort. Ich glaube, Gott hat ihn mir gegeben, nachdem ich den Tod gesehen habe. Das war sein Geschenk. Ein sehr wertvolles Geschenk. Aber es war die härteste Entscheidung meines Leben.

Hat Sie das alles stärker gemacht?
Ja. Aber ich habe noch einen langen Weg vor mir. Ich bin eine erfahrene Mutter, aber nun lerne ich jeden Tag von Neuem, Mutter zu sein. So bleibe ich demütig. Und ich denke, das ist der richtige Weg zu leben - und zu schreiben.


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