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Kritik

Netflix: "365 Days": Viel Sex und noch mehr Klischees – darum geht es in dem Erotik-Thriller

Die polnische Produktion "365 Days" sorgt gerade für mächtig Aufsehen. Grund sind die ziemlich expliziten Sex-Szenen in dem Erotik-Thriller. Dabei ist der Streifen nicht deshalb problematisch.

"365 Days" Netflix

"365 Days" auf Netflix

Netflix

Es ist fast zehn Jahre her, da lernten Leser auf der ganzen Welt Christian Grey kennen, den fiktiven Millionär, der nicht nur unglaublich attraktiv war, sondern auch irre mysteriös und der sich in die schüchterne Anastasia Steele verliebt und sie dazu bringt, seine SM-Fantasien mit ihm auszuleben. Geboren war plötzlich ein Genre, das den spöttischen Namen bekam: "Mommy-Porn". Also Pornos für (gelangweilte) Mütter, die nur allzu gerne für ein paar Stunden in die gefährlich-erotische SM-Welt flüchten würden. Ein paar Jahre später wurde die Geschichte verfilmt - die Trilogie wurde ein Kino-Erfolg.

"365 Days" auf Netflix: Darum geht es

Nun zieht Netflix nach und veröffentlicht mit der polnischen Produktion "365 Days" feinsten Mommy-Porn auf dem Silbertablett, gespickt mit Mafia- und Italien-Klischees, die wohl jeden Italiener peinlich berührt zurücklassen würden. 

Kurz zusammengefasst: In dem Film geht es um den reichen und attraktiven Gangster Massimo, der während einer Nahtoderfahrung das Gesicht einer unbekannten Schönheit vor Augen hat und sich anschließend auf die Suche begibt nach der Frau. Jahre später trifft er dann auf die Polin Laura, die mit ihrem Freund auf Sizilien Urlaub macht und die aussieht wie Massimos Traum-Erscheinung. Und weil der Mafioso immer kriegt, was er will, entführt er Laura kurzerhand aus ihrem sizilianischen Hotel und bringt sie in seinem imposanten Anwesen unter. Dort eröffnet er ihr, nachdem er sie vorher betäubt hat, dass sie von nun an 365 Tage habe, um sich in ihn zu verlieben. Tut sie es nicht, würde er sie gehen lassen. Klingt nicht gerade romantisch, oder? 

So viele Klischees

Und es wird noch schlimmer. Massimo eröffnet der jungen Frau, er würde ihre Eltern ermorden, versuche sie, zu fliehen. Wenig später wird Laura - die übrigens als Lena-Meyer-Landrut-Doppelgängerin auftreten könnte - Zeugin, wie er und seine Leute einen Mann umbringen. 

Aber macht doch nichts, am nächsten Morgen macht der Mafioso mit null Prozent Körperfett alles wieder mit einem netten Frühstück gut. Und nicht nur das: Er geht auch noch mit Laura shoppen. Neue Klamotten beruhigen doch jedes Entführungsopfer im Nu.

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Im Privatjet befummelt er die wehrlose, gefesselte Frau dann auch noch. Sexuelle Belästigung, aber immerhin in einem brandneuen Outfit. Und es wird irgendwie nicht besser. Im Hotel muss Laura - wieder mal gefesselt - mit ansehen, wie Massimo von einer Frau oral befriedigt wird. Später in einem seiner Nachtclubs versucht ein Kollege von ihm dann, sie zu vergewaltigen. Massimo rettet sie zwar, macht sie aber später für den Vorfall verantwortlich, bevor Laura im Streit von seiner Jacht fliegt. Ja, wirklich. Der gestählte Italo rettet die Polin, was ihr genügend Grund gibt, seinen merkwürdigen Avancen nachzugeben. Was folgt ist Sex, viel Sex, und noch mehr Sex, auf besagter Jacht. Die expliziten Szenen sind der einzige Grund, warum die Geschichte um Massimo und Laura gerade derart viele Zuschauer anzuziehen scheint. 

Was, wenn der Typ kein attraktiver Millionär wäre?

Die Storyline ist so wahnsinnig absurd und lückenhaft, dass man sich schon fragen muss, warum Netflix den Film für seine Kunden bereitstellt. Aber dann fällt einem ein, dass auch "50 Shades" eine riesige Fangemeinde gewinnen konnte. In beiden Fällen gilt: Sähe der Typ aus wie Horst Schlämmer und würde in einem Wohnwagen hausen, wären die Filme nicht dem Genre "Erotik" zuzuordnen, sondern "Horror".

Die Botschaft dahinter ist jedoch zum einen absurd, zum anderen gefährlich. Sie impliziert: Alles, was Frau will, ist ein wohlhabender Typ, der ihr sagt, wo es langgeht und ihr dann noch schicke Klamotten kauft. Veraltete Männlichkeitsideale und Vergewaltigungsszenen werden eben erträglicher, wenn man neue Louboutins an den Füßen hat - oder so ähnlich. Ein zweiter Teil ist übrigens schon in Arbeit.