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"Das Mädchen Wadjda": Der Film, den es gar nicht geben dürfte

Ausgerechnet eine Frau hat den ersten Kinofilm in Saudi-Arabien gedreht. "Das Mädchen Wadjda" erzählt vom Bestehen in einer reinen Männerwelt. Liebevoll anstatt wertend.

Von Katharina Grimm

Die Mädchen stehen starr in einer Reihe. Schwarze, unförmige Kutten hängen an ihnen herunter. Es ist die Schuluniform in Saudi-Arabien. Mädchen und Frauen sollen im Vorort von Riad nicht auffallen, am Besten unsichtbar sein. In ganz Saudi-Arabien ist da so, wo das Gesetz der Scharia Frauen zum Besitz der Männer macht. Und die weiten Gewänder sollen sie angeblich vor den Blicken anderer Männer schützen.

Bei genauerem Hinsehen lugen unter einer der gleichmachenden schwarzen Kutten jedoch durchgelaufene Chucks hervor. Sie gehören der Heldin dieses Films, den es eigentlich gar nicht geben sollte. Schließlich gibt es in Saudi-Arabien keine Kinos. Und dann hat auch noch eine Frau Regie geführt. "Das Mädchen Wadjda" ist ein Wunder.

Von Fahrrädern und Zweitfrauen

Sie sei in einem liberalen Elternhaus aufgewachsen, erzählt die Filmemacherin Haifa al Mansour im Gespräch mit stern.de. Nur so habe sie überhaupt ihren Beruf ergreifen können. Eigentlich habe sie als achtes von zwölf Kindern Ärztin werden sollen. Oder zumindest Ingenieurin. Und wenn das nicht geklappt hätte vielleicht Lehrerin. Aber Regisseurin? Es war ein verschlungener, steiniger, politischer Weg. Doch nun kommt das erste Werk der 39-Jährigen in die Kinos. Und es geht um die Frauen in ihrem Land.

Eben um die 12-jährige Wadjda, die gerne Popmusik hört und sich von ganzem Herzen ein grünes Fahrrad wünscht, das sie jeden Tag auf dem Weg zur Schule bestaunt. Aber es ist ein sinnloser Wunsch: Frauen ist das Fahrradfahren nicht gestattet. Sie dürfen sich ohne Erlaubnis eines Mannes überhaupt nicht frei bewegen. Eine Fahrradtour ist schlicht undenkbar.

Al Mansour erzählt vom Alltag des träumenden Mädchens und der träumenden Frauen: der Vater, der selten zu Hause, sich aber liebevoll um seine Tochter bemüht. Doch auch er hält sich an die Traditionen. Im stolz präsentierten Stammbaum der Familie finden sich nur Männernamen. Als Wadjda ihren auf einem Zettel dazuklebt, wird er wieder abgenommen. Wadjdas Mutter fürchtet derweil, dass ihr Mann sich eine Zweitfrau nehmen könnte, weil sie ihm keinen Sohn geboren hat. Ein normaler Vorgang in Saudi-Arabien. Ihr Leben ist ganz auf die Wünsche und Vorschriften des Mannes ausgerichtet. Sie isst, was übrigbleibt, wenn er fertig ist.

Während die Ehefrau um ihren Mann kämpft, entwickelt Wadjda einen ausgeklügelten Plan, um doch noch an das ersehnte Fahrrad zu kommen. Dabei helfen ihr ein kleiner Jungen und ihre Kenntnis der Koransuren. Als jedoch die Mutter alles herausfindet, droht der Traum zu platzen.

Keine Opfer

Trotz aller Herabwürdigung und Zurückweisung zeigt "Das Mädchen Wadjda" Frauen nicht als Opfer. Vielmehr werden liebevoll und auch mit Witz kleine Kniffe, große Tricks und Freiheiten porträtiert, die sie sich trotzdem nehmen. Al Mansours Heldinnen sind keine Revolutionärinnen. Es geht darum zu zeigen, was ist, auch wenn dieser Alltag uns völlig unverständlich ist. "Ich respektiere mein Land, ich suche keine Konfrontation", sagt die Filmemacherin.

Das bewies sie bereits bei den Dreharbeiten. Da sie nach geltendem Recht nicht gemeinsam mit Männern am Set arbeiten durfte, saß sie die meiste Zeit in einem Transporter und verfolgte den Dreh auf einem Monitor. Ihre Regieanweisungen gab sie per Walkie-Talkie an die Mitarbeiter weiter.

Die Bewertung überlässt al Mansour dem Zuschauer. Der taucht ab in eine fremde, befremdliche Welt, in der die Wünsche nach Anerkennung und Liebe, nach Selbstbestimmung und Emanzipation am Ende doch die gleichen sind wie die eigenen.

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