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"Der Kick": Schockeffekt ohne Gewalt

Der Fall sorgte 2002 für Schlagzeilen: Zwei Brüder prügelten ihren 16-jährigen Kumpel zu Tode. Der Dokumentarfilmer Andres Veiel hat daraus einen schockierenden Film gemacht - ohne eine einzige Gewaltszene zu zeigen.

Von Kathrin Buchner

Eine Bank, eine begehbare Box, in der Licht an- und ausgeschaltet werden kann - ansonsten ist die Bühne völlig kahl und hat den Charme eines Gefängnishofes mitten in der Nacht, so düster ist die Kulisse. Auch die Kamera wechselt 90 Minuten lang die Einstellung nur minimal. Ein Kammerspiel auf Zelluloid, es gibt weder Kostüme, Requisiten noch Maske. Alles, was in der Geschichte um den Tod des 16-jährigen Marinus passiert, wird von zwei Schauspielern durch Mimik und Gestik ausgedrückt.

Der reale Fall, der in dem Film nachgestellt wird, ist unfassbar grausam: Im Juli 2002 zogen die drei Jugendlichen Marco, Marinus und Marcel auf der Suche nach dem Kick und mit Schnaps im Blut durch ihr Heimatdorf Potzlow in der Uckermark. Sie gröhlen und pöbeln, und als sich kein Opfer findet, an dem die arbeitslosen Jugendlichen ihre Aggressionen auslassen können, muss ihr Kumpel dran glauben. Marinus, der stottert, HipHop-Hosen statt Springerstiefel trägt und sich auch mal als Jude bezeichnet. Im Schweinestall verprügeln sie ihn, dann gibt es Bordsteinfressen: Mit dem Mund legen sie ihn auf die Kante eines Gehwegs, dann springen sie auf den Hinterkopf. Marinus stirbt.

Sieben Monate Recherche bei Tätern und Opfern

"Ich empfinde es als zynisch, einen Film gegen Gewalt zu machen, diese aber doch zu inszenieren", sagt Regisseur Andres Veiel. Sieben Monate lang hat er in Potzlow recherchiert, hat sich das Vertrauen der Familien von Opfer und Täter, das der Täter selbst und einiger Dorfbewohner mühsam erarbeitet und sie zum Sprechen gebracht, nachdem die Sensationsreporter Potzlow verlassen hatte. "Nicht beim ersten, nicht beim zweiten, aber beim fünften Besuch durfte ich mitschreiben, ein Mikro benutzen", so Veiel. Auch Bewährungshelfer und der Staatsanwalt kommen zu Wort. Diese Gespräche, als einzelne Monologe aneinander montiert, ergeben ein vielschichtiges Bild des Falls, zeigen sowohl ein menschliches Bild der Täter, ihre Perspektivlosigkeit, aber auch ihre unglaubliche Brutalität.

"Ich wollte es bewusst nur über die Sprache gehen lassen, die Bilder sollen im Kopf des Zuschauers entstehen". Die Macht des Films liegt für Veiel, dessen Dokumentation "Black Box BRD" 2001 mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, in der Abstraktion und der Reduktion auf das Wesentliche. Dieses Vorgehen fordert allerdings nicht nur vom Zuschauer, auch von den Schauspielern höchste Konzentration. Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch aus dem Ensemble des Berliner Maxim-Gorki-Theaters schlüpfen innerhalb von Minuten in verschiedene Rollen, verkörpern zu zweit 20 Personen mit einem faszinierenden Repertoire an Ausdrucksmitteln.

Viel Beifall auf der Berlinale

Als "Der Kick" im Februar erstmals auf der Berlinale vorgeführt wurde, bekam er viel Applaus vom Publikum. Ein kommerzieller Erfolg wird das wichtige zeitgeschichtliche Dokument trotzdem nicht werden. Er ist nicht nur meilenweit vom Popcorn-Kino entfernt, auch das Verständnis der Handlung bereitet Probleme. Erschwerend kommt hinzu, dass die Namen der Hauptpersonen alle mit "M" beginnen, Marinus, Marco und Marcel, was das Folgen nicht unbedingt erleichtert.

Wer sich auf das Experiment "Der Kick" einlässt, bekommt ein schockierendes Dokument der Zeitgeschichte. Mitreißen wird es allerdings nur den, der mit wachen Sinnen aufrecht im Kinosessel sitzt anstatt sich entspannt zurück zu lehnen.

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