HOME

Interview mit Filmemacher Andres Veiel: "Wer wenn nicht wir" - ein "politisches Liebesdrama"

Mit "Wer wenn nicht wir" gibt der Dokumentarfilmer Andres Veiel (51) sein Spielfilm-Debüt. Sein Drama über die Vorgeschichte der RAF startet an diesem Donnerstag (17.2.) im Berlinale-Rennen um den Goldenen Bären. Veiel ("Black Box BRD", "Der Kick") erzählt von der obsessiven Liebe zwischen der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin und dem Schriftsteller Bernward Vesper. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa erzählt Veiel, wie er als junges JU-Mitglied den Prozess gegen Gudrun Ensslin und Andreas Baader in Stuttgart-Stammheim erlebte und warum er für den Film jahrelang recherchierte.

Sie sind als 15-Jähriger von ihrem Wohnort Stuttgart-Möhringen mit der Straßenbahn einmal quer durch die Stadt nach Stuttgart-Stammheim gefahren, um für Ihre Schülerzeitung den Prozess gegen Gudrun Ensslin und Andreas Baader zu verfolgen...

Veiel: "Ja, das war für mich sehr wichtig - weil ich damals noch in der Jungen Union war, den Ortsverein Stuttgart-Möhringen mitbegründet hatte, aber Zweifel hatte. In der Zeit gab es die ersten Hausbesetzungen in Stuttgart, und ich habe gemerkt, dass der Horizont nicht dort aufhört, wo man das Jugendhaus nach linker Literatur durchforstet, sondern dass man sich anders mit Geschichte und Aufbegehren beschäftigen muss. Die Prozessbesuche hatten nicht den Zweck, mich mit der RAF zu solidarisieren. Entscheidend waren dann aber die Reaktionen auf meine Prozessbesuche. Einer der wichtigen CDU-Funktionäre der Stadt nahm mich irgendwann beiseite und sagte, dass er mir empfehlen würde, mein Engagement für die Hausbesetzungen und die Prozessbeobachtung etwas zurückzufahren. Er hatte über den Innenausschuss Kontakt zum Verfassungsschutz. Das war als freundliche Warnung gemeint: Wenn du noch was werden willst in diesem Staat, dann lass die Finger davon! Die Tatsache allein, bei Hausbesetzungen oder den Prozessen dabei zu sein, reichte damals wohl schon aus, dass ein Dossier über einen angefertigt wurde. Das war für mich der Punkt, an dem ich dachte, da stimmt doch etwas nicht in diesem Staat."

Wie haben Sie die Angeklagten erlebt? Waren es Menschen mit Charisma?

Veiel: "Das kann ich nicht sagen. Da gibt es ganz viel Projektion im Nachhinein, weil sich viel überladen hat mit späteren Bildern. Ich war mir sicher, dass ich nie in den Untergrund gehe. Ich habe die Unbedingtheit bewundert, für eine Sache einzutreten. Aber ich wusste, dass ich viel zu ängstlich bin und zu viele Skrupel habe und im Kern auch nicht wirklich davon überzeugt bin - trotzdem war da eine Aura von Bewunderung. Das hat angehalten bis ich ungefähr 18 war, bis die Urlaubermaschine in Mogadischu entführt wurde."

Veiel: "Die Frage ist immer, was ist die Wirklichkeit? Wenn Gudrun Ensslin noch leben würde, heute 71 Jahre alt wäre, und man würde sie befragen - dann würde sie genauso rekonstruieren und bestimmte Dinge neu deuten. Wirklichkeit setzt sich immer zusammen aus einer Rekonstruktion von Menschen, die sich erinnern. Und Erinnern ist Fiktion. Ich entscheide mich aus den vielen Materialien für eine Lesart. Ich kann für mich sagen, dass ich mich viele Jahre mit dem Thema beschäftigt habe, aber ich würde mir nie anmaßen zu sagen, das sei jetzt die letzte und einzig gültige Lesart."

Mit welchen Zeitzeugen haben Sie gesprochen?

Veiel: "Mit der Schwester von Bernward Vesper, die natürlich auch noch viele Erinnerungen an den Vater hatte. Dann mit einer Schwester von Gudrun Ensslin, die bislang keine Interviews gegeben hat. Mit Freunden, Klassenkameraden und Wegbegleitern sowohl von Bernward Vesper als auch Gudrun Ensslin und Andreas Baader. Insgesamt waren es 40 sehr unterschiedliche Zeitzeugen, sehr viele, die bislang nicht befragt wurden. Oftmals wären sie nicht bereit gewesen, vor der Kamera zu sprechen. Das war letztendlich auch ein Grund, einen Spielfilm zu machen."

Veiel: "Es ist ein politisches Liebesdrama. Man kann die Liebe ja von Politik nicht trennen. Wenn man so will, ist das Private politisch. Ich wollte einen Film machen, der an die Wurzeln geht - der das betrachtet, was die vielen anderen RAF-Filme nicht erzählt haben: die frühen Jahre. Die Filme fangen in der Regel alle mit den Schüssen auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 an. Dann kommt die Bilderschleife mit Rudi Dutschke."

Damals waren Hunderttausende auf den Straßen und haben gegen den Staat protestiert, aber nur wenige sind so radikal geworden wie die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin und andere spätere RAF-Terroristen.

Veiel: "Da muss man in die einzelnen Lebensgeschichten hinein. Das bedeutet nicht, die RAF aus dem Mama-Papa-Kind-Dreieck, aus der Psychologie heraus, zu erklären - aber eben auch, einen Blick darauf zu werfen."

Ensslin verliebt sich am Ende in Baader, lässt ihr kleines Kind bei Vesper zurück und geht in den Untergrund. Was geht da in dieser Frau vor?

Veiel: "Sie betoniert ihre Gefühle ein. Darunter ist ein wahnsinniger Schmerz. Wenn ich mich von dieser Lebensader, dem Kind, abschneide, muss auf der anderen Seite ein großes Projekt stehen. Dann muss es um alles gehen."

Sie zeigen Gudrun Ensslin aber auch als sehr hingebungsvolle Frau, die die Schuld am Scheitern der Beziehung zu Vesper ausschließlich bei sich selbst sucht.

Veiel: "Das sind die wunderbaren Widersprüche - das stellt Schauspielerin Lena Lauzemis auch so fantastisch dar. Sie zeigt Gudruns Hingebung, den Masochismus, die Stärke, Aggression und die Kälte gegen sich selbst. Sie zeigt die Zweiflerin, die gleichzeitig in der Liebe ganz groß sein will wie eine Heilige. Das sind Bilder, die man von Gudrun Ensslin nicht kennt. Und da wird es spannend."

Es heißt, unsere Gesellschaft ist gerade dabei, sich zu repolitisieren. Sehen Sie das auch so?

Veiel: "Es sind heute konkrete Projekte, die bei den Menschen Widerstand hervorrufen - wie Stuttgart 21, Gorleben, die Castor-Transporte oder die Berliner Wasserverträge und Einflugschneisen für den neuen Flughafen bis zu Fragen der Verteilungsgerechtigkeit. Doch darunter gibt es auch ein generelles politisches Unbehagen. Das ist heute aber viel schwerer zu formulieren als in den 60er Jahren, weil die Welt viel komplexer geworden ist. Doch es gibt viele Fragen, die jeden einzelnen vor die Situation stellen: finde ich mich damit ab oder sage ich, hier ist jetzt Schluss. Es geht auch um die Frage: In welchem System leben wir, das so anfällig ist für Krisen?"

Was kann man tun?

Veiel: "Fragen stellen! Ich sehe mich ja als Diagnostiker, der mit dem scheinbaren Umweg eines historischen Stoffes die Gegenwart befragt. In "Wer wenn nicht wir" kann man in ganz vielen Punkten Antworten für die Gegenwart finden."

In Ihrem nächsten Filmprojekt soll es um die Finanzkrise geben. Wird es ein Spiel- oder ein Dokumentarfilm?

Veiel: "Das hängt von der Recherche ab. Ich würde auch gerne wieder einen Dokumentarfilm machen."

Elke Vogel, DPA / DPA