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Dokumentarfilme: Mehr Wahrhaftigkeit wagen

"Bowling for Columbine", "Sommermärchen" oder die aktuelle Ebay-Doku "Trader's Dream" - jeder fünfte Streifen, der derzeit ins Kino kommt, ist ein Dokumentarfilm. Aber ist Quantität gleich Qualität? stern.de-Autorin Christa Pfafferott hat diesen Boom und seine Auswirkungen analysiert.

"Mit Spielfilmen kann man es zu einem Swimmingpool bringen, mit Dokumentarfilm nicht", schreibt Harun Farocki ("Nicht ohne Risiko"), einer der bedeutendsten deutschen Dokumentarfilmer, in der Jubiläumsschrift eines Filmfestivals. Es geht weiter mit: "Auch ich bin am Spielfilm gescheitert und musste Dokumentarfilmer werden." Sätze, die kokett klingen, beachte man, wie viel Ansehen Farocki mit seinen Dokumentarfilmen erlangt hat; und die die Divergenz zwischen Spiel- und Dokumentarfilm doch treffend beschreiben.

In beiden Genres geht es um Träume, Konflikte, um das Scheitern und Erreichen von Lebenszielen - im Spielfilm wird dies mit viel Licht, Kulisse und Geld inszeniert, der klassische Dokumentarfilm hat derlei Hilfsmittel nicht nötig - und wird trotzdem oder gerade deswegen weniger beachtet.

Doch warum? Weil Menschen sich auf der Leinwand nicht mit Alltag beschäftigen, sondern ihrem eigenen entfliehen wollen. Weil dem Dokumentarfilm der Glamour fehlt und die großen Einstellungen, die Kraft des Visuellen, die es begründet, einen Film im Kino zu sehen - so lauten zumindest gängige Argumentationsversuche.

Doch Vorsicht Verwechslungsgefahr! Solche Antworten passen vielleicht auf journalistische Dokumentationen und Reportagen, wie sie im Fernsehen laufen, die jedoch mit dem echten Dokumentarfilm, einer vollkommen eigenen Gattung, nichts gemeinsam haben. Der Dokumentarfilm in seiner Integrität bedeutet die unformatierte, künstlerische Umsetzung von Realität. Er ist in seinem Genre, seiner Form und seinen Inhalten genauso, wenn nicht sogar experimenteller als der Spielfilm. Es sind Filme meist ohne erklärende Erzählerstimme, mit einer starken Psychologie der Figuren, die in Bild und Tongestaltung einer eigenen Handschrift folgen. Filme wie die von Andres Veiel ("Black Box BRD, "Die Überlebenden", "Die Spielwütigen") oder "Prinzessinnenbad" von Bettina Blümner, der seit seiner Berlinale-Premiere in diesem Jahr durchstartet.

Der Dokumentarfilm ist massenkompatibel geworden

Filme, die auf einmal so beliebt zu sein scheinen, dass schon seit einiger Zeit allerorts vom "Boom des Dokumentarfilms" die Rede ist: Allein 2006 liefen 94 Dokumentarfilme im Kino. Fast jeder fünfte Film, der heute im Kino startet, ist ein Dokumentarfilm. Seit Filmen wie "Bowling für Columbine" oder aktuell "Deutschland. Ein Sommermärchen", dem WM Film von Sönke Wortmann, den rund viereinhalb Millionen Deutsche im Kino schauten, soll der Dokumentarfilm endlich massenkompatibel geworden sein.

Als sich vor ein paar Tagen im schwäbischen Ludwigsburg zu "Dokville" dem jährlichen "Branchentreff des Dokumentarfilms" die Dokumentarfilmer des Landes trafen, wurde diskutiert und analysiert, warum der Dokumentarfilm auf einmal so erfolgreich zu sein scheint und wie er noch erfolgreicher werden kann.

Grund ist Digitalisierung des Films

Ein Grund - er wird meist immer an erster Stelle genannt - ist die Digitalisierung des Films. Seit Technik billig, leicht zu heben und zu bedienen geworden ist, können auch Laien ohne große Ausbildung Dokumentarfilme machen. Sönke Wortmann, der zugibt an der Münchner Filmhochschule ständig durch die Technikprüfung gefallen zu sein, hat das "Sommermärchen" in Personalunion als Kameramann, Tonmann und Regisseur mit einer kleinen Mini DV Kamera gedreht und meint: "Wenn ich die Technik für so einen Film beherrsche, schafft das jeder andere auch!"

Auch die Filmreihe "Delicatessen", die seit März 2005 in insgesamt mehr als 40 beteiligten Kinos in Deutschland zeigt, bietet besonders für viele Nachwuchsfilmemacher neue Möglichkeiten, ihre Filme auch ohne teure analoge Kinokopien an die Öffentlichkeit zu bringen. Parallel dazu hat sich der Dokumentarfilm verändert, rechnet sich seine Zielgruppen gezielter aus orientiert sich an Spielfilm-Ästhetiken, kann mittlerweile teuer und aufwändig produziertes Hochglanzkino sein.

"Vorläufer-Effekt" ist Teil des Erfolgsgeheimnisses

Ein mögliches Erfolgsgeheimnis für Filme ist unter anderem auch der so genannte "Vorläufer-Effekt". So ist Wim Wenders "Buena Vista Social Club" die Kuba-Welle vorausgegangen, dem "Sommermärchen" die WM. Seit der Wende haben Naturthemen Auftrieb, besonders publikumsstark sind heute Filme wie etwa "March of the Penguins", "Nomaden der Lüfte" oder "Deep Blue". Doch wird dieser "Boom" damit nicht von Filmen getragen, die das Ideal des Dokumentarischen im eigentlichen Sinne verfehlen? Vielleicht ist eine konkrete Genrebezeichnung mittlerweile obsolet. Doch beachte man die Maxime, dass der Dokumentarfilm ein Stück Wahrhaftigkeit darstellen sollte, stellt sich doch die Frage, ob Filme wie "March of the Penguins" oder die allzu polemischen Filme Michael Moores als Erfolgsbeispiele für das Selbstverständnis des Dokumentarfilms stehen können.

Ist der Dokumentarfilm-Boom überhaupt ein echter Boom?

94 Dokumentarfilme im Kino im Jahr 2006? Wer kann sich an 94 Dokumentarfilme im Kino erinnern? Oft ist, wegen mangelnder Vermarktung, einem kleinen Vorführzeitraum oder einer geringen Kopienzahl so mancher Dokumentarfilm schneller aus dem Kino wieder heraus, bevor man sich aufgerafft hineinzugehen. Schon beklagen Verleiher, dass mittlerweile so viele Dokumentarfilme auf dem Markt sind, dass die Konkurrenz auch durch Filme mit geringerer Qualität vergrößert wird. Und das Dokumentarfilmfestival in Leipzig gibt an, die hohe Zahl der Film-Einreichungen kaum noch bewältigen zu können, die Qualität der Filme jedoch nicht mit der steigenden Masse mitwachse.

Betrachtet man die Anzahl der Sendeplätze für den Dokumentarfilm im deutschen Fernsehen (auch hierbei sind nicht Doku-Soaps oder so genannte Begleitreportagen gemeint) stellt man fest, dass es noch einige viele Dokumentarfilm-Minuten mehr braucht, bis man von einem "Boom" sprechen kann. Wie schnell ein Boom, auch wieder vorbei sein kann, beschreibt der Dokumentarfilmer Harun Farocki: "Ich erlebte die Scheinblüte der Dokumentarfilme in den frühen 90er Jahren. Für eine kurze Zeit wurden viele sehr teure Dokumentarfilme gemacht, einfach, weil auch ein teurer Dokumentarfilm billiger ist als ein billiger Spielfilm. Dann kamen sie aber dahinter, dass es noch billiger ist, gar keine Dokumentarfilme in Auftrag zu geben."

Bleibt zu hoffen, dass es mit dem "Dokumentarfilm-Boom" des 21. Jahrhunderts anders läuft. Der Dokumentarfilm, der wirkliche Dokumentarfilm, hätte es verdient!

Die Autorin Christa Pfafferott, 24, Absolventin der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg, ist Dokumentarfilm-Studentin an der Filmakademie-Baden-Württemberg, sowie freie Autorin für diverse Zeitungen.