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STERN-AKTION: Klassentreffen

Sie schwärmten für dasselbe Mädchen, schwänzten gemeinsam Mathe. Jahre später treffen sie sich wieder - um zu protzen, abzurechnen und Bilanz zu ziehen.

»Patschi!« - »Frettchen!« - »Du siehst klasse aus - ich dachte, das wird 'ne Zerfallenenparty.« Hinten kreischt Claudia eins, schrill wie immer, Claudia zwei hat Tränen in den Augen, Birtes Backen glühen. Fast alle sind da, außer Irina, genannt »Urina« - kein Wunder bei dem Spitznamen.

Klassentreffen. Warum tun wir uns das an? Warum mutieren wir nach all den Jahren wieder zu Patschi und Quietschi, reisen Hunderte von Kilometern, nur um uns mit irgendwelchen Typen zu unterhalten, mit denen uns außer ein paar Jahren Zweckgemeinschaft nichts verbindet? Aus purer Neugier? Aus Voyeurismus? Menschen, Sensationen: Jan, der bei der Abi-Party noch mit Marie geknutscht hat, ist jetzt schwul. Michael hat fünf Kinder - Rekord! Einige sehen ganz anders aus, sind nur noch an Stimme und Gesten zu erkennen. Und ein paar von den Männern sind richtig rund geworden.

Biografie als Erfolgmodell

Das Klassentreffen ist als soziales Ritual so beliebt, weil wir uns mit den Menschen vergleichen wollen, mit denen wir mal auf einer ähnlichen Startposition waren, meint Sighard Neckel, Soziologieprofessor an der Universität Gießen. Die Schulzeit eint und macht alle gleich. Danach ist jeder für sich selbst verantwortlich. »Auf Klassentreffen versucht jeder, die eigene Biografie als Erfolgsmodell darzustellen. Gerade weil es in unserer Gesellschaft Tausende Möglichkeiten gibt zu scheitern, will niemand als Opfer dastehen«, sagt Neckel. Nicht jeder hält den Vergleich mit den Altersgenossen aus. Martin berichtet von seinem Klassentreffen im Westerwald: »Der hässliche Außenseiter kam auf einmal mit dem Porsche an. Der Sonnyboy des Jahrgangs hatte dagegen seit dem Abi nur Pech gehabt - im Job, in der Liebe. Irgendwann ist er dann rausgegangen und hat dem anderen auf den Porsche gepinkelt. Danach ging's ihm besser.«

Porsche, Pool oder die Aussteiger-Biografie - auf jedem Klassentreffen zählen andere Statussymbole. Als sich die Abiturienten des Berliner Beethoven-Gymnasiums nach zehn Jahren wieder auf dem Schulhof treffen, bezeichnet sich Arne selbst als »schwarzes Schaf«: »Ich bin Betriebswirt bei VW.« Ein Job beim Großkonzern - wie uncool. In ihrem Jahrgang war es schick, links zu sein, man war in der Antifa und sang »Keine Macht für niemand«. Es gab Tschernobyl und das Ozonloch, und spätestens seit der Bruder von Rebekka, einer der Beliebtesten im Jahrgang, an Aids gestorben war, musste man auch beim Sex ans Risiko denken.

Popper, die sorgenfreien Markenfetischisten, gab es nicht, »die Klasse unter uns war so tennismäßig drauf, aber wir waren cool, wir waren asslig, vor allem die im Rauchereck. Viele Jungs hatten Haare bis zum Po und Kopfschmerzen vom vielen Headbangen«, erzählt Jan Heiko, der wie Arne das Fach Politik im Leistungskurs hatte. Zwei Politik-Leistungskurse gab es, bei Herrn Riegel und Frau Tomczak, Alt-68ern, die von allen nur Jörg und Annegret genannt wurden.

Jetzt sitzen die Ex-Schüler mit Jörg und Annegret im ehemaligen Klassenraum und gucken, was sie damals in die Tische geritzt haben. »Eric, nicht auf den Tisch kritzeln!«, ruft Frau Tomczak. Es ist, als seien sie alle in eine Zeitmaschine gesetzt worden: zehn Jahre zurück, bitte. Sofort wird wieder diskutiert, über Politik natürlich. »Hey, Jörg, ich bau 'nen Joint«, ruft Klassenkasper Quietschi.

»Ein toller Jahrgang«

Ein Joint geht rum im Klassenzimmer, dazu gibt?s das Fladenbrot, das sich Quietschi als Bierbauch-Imitat umgebunden hatte. Herr Riegel erzählt davon, wie es jetzt an der Schule ist, dass die nächste Generation unpolitischer sei, desinteressierter. Es wird ganz still, der Lehrer spricht. Jörg Riegel hat sich auf dieses Klassentreffen sehr gefreut, »mehr als auf mein eigenes. Das war ein toller Jahrgang.«

Alle haben ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen: Archäologin Gesa kommt gerade vom Skelette-Waschen. Rahel, die Jahrgangsschlechteste, hat eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin gemacht - »mit Superabschluss«. Der schöne Thorsten ist ein Star, zumindest haben ihm das heute ungefähr 50 Leute ungefähr 50-mal gesagt, und dann wird es wohl stimmen. In der Teenie-Soap »Unter uns« war er Kai Flemming, bei Dieter Bohlens Retortenband »Blue System« hat er mitgespielt, jetzt ist er auf dem Sprung ins ernste Fach. Auch wenn vieles, was er gemacht habe, »jenseits von cool« war - Thorsten glaubt: »Entweder du machst Kompromisse, oder du spielst ewig im Keller.«

Quietschi macht keine Kompromisse. Der ehemalige Sprayer, der nach dem Abi nackt, nur mit einer Socke überm Schniedel, durch die Schule lief, ist jetzt 3D-Designer und seit kurzem arbeitslos. »Ich bin Künstler«, sagt er. »Wir haben alle Angst vorm bürgerlichen Mittelmaß, vor Nine-to-five-Job und Reihenhaus - deswegen studieren auch noch so viele.« Julia fragt sich seit heute, ob es nicht mal losgehen könnte mit der Bürgerlichkeit. So viele Klassenkameradinnen mit Kind und Mann - und sie? Die Freundinnen kichern: »Bald ist Schluss mit Eisprung.«

»Beim zehnjährigen Klassentreffen ist noch alles offen, beim 20-jährigen wird der Spielraum schon enger, und beim 30-jährigen war?s das dann: Manche entschuldigen sich regelrecht für ihr Leben«, sagt der Psychologe Jürgen Hesse. Beim Klassentreffen des Abi-Jahrgangs 82 im Alten Gymnasium in Flensburg muss sich niemand entschuldigen: Oliver ist Banker - heute New York, morgen Shanghai. Er trägt Anzug, auf der Krawatte tummeln sich Golfschläger. Eine Klassenkameradin ist in Südafrika verheiratet, »mit dem Sohn von Dieter Thomas Heck«! Jürgen, Informatiker, hat den Job gewechselt, als er eines Morgens plötzlich keine Treppe mehr hochkam: »Burn-out - mit 37! Ich habe echt viel gearbeitet!«

Wenn Träume verloren gehen

Jürgen hatte seine Lebenskrise schon, bei vielen kommt es beim Klassentreffen zum großen Frust. Es wird Bilanz gezogen: Bin ich eigentlich stolz auf mich, auf mein Leben? Wer wäre ich jetzt, wenn ich nicht nach Berlin gegangen, sondern in Lüdenscheid geblieben wäre? Bin ich mir treu geblieben? »Wenn ich den Kerl treffen würde, der ich vor 20 Jahren war - ich weiß nicht, ob wir uns verstehen würden«, sagt Hasi auf seinem Abi-Treffen in Lehrte, einer Kleinstadt bei Hannover. Hasi war der Anarcho der Klasse, immer mit Parka und Palästinensertuch, immer gegen alles. Später hat er als Nachtwächter in der Psychiatrie gearbeitet, eine Gärtnerlehre gemacht, war mehrmals arbeitslos. Jetzt ist er Angestellter im Öffentlichen Dienst, arbeitet im Lehrter Umweltamt und wird von der Lokalpresse schon mal als »Baummörder« beschimpft - er, der einstige Umweltaktivist. Abi-Mottos heißen »Lebe wild und gefährlich«, Abi-Songs lauten »I Can?t Get No Satisfaction« oder »You May Say I'm A Dreamer But I'm Not The Only One...«. Was ist aus den Träumen geworden?

Aufgeweichte Fronten

Andres Veiels Klasse hatte keinen Abi-Song. Zu unversöhnlich waren die Fronten: »Wir sind 1979 in gegenseitiger Verachtung auseinander gegangen«, erzählt der Dokumentarfilmer. Der ein armige Lehrer bekam einen Expander und ein Ruderboot zum Abschied. »Zynisch war das«, sagt Veiel. Ein Klassentreffen war nicht geplant. Bis sie erfuhren, dass drei der 18 aus der Jungsklasse von Stuttgart-Möhringen tot waren: Selbstmord. Da trafen sich die restlichen 15, um gemeinsam zu verstehen, was die ehemaligen Klassenkameraden in die Verzweiflung getrieben hatte. Sie stellten das alte Abschlussfoto nach, mit drei Lücken.

»Die Überlebenden« nannte Veiel den Film, den er über seine Klasse drehte: »Wir waren alle tief verunsichert. Warum die und nicht wir?, fragten wir uns. Wer ist der Nächste?« Die alten Fronten waren plötzlich absurd geworden, über die früheren Verletzungen konnten sie erstmals reden. Viele aus seiner Klasse habe er erst in dieser Krise richtig kennen gelernt, meint Veiel: »Zur Schulzeit hatte ich ihnen keine Chance gegeben. Wer CDU wählt, ist ein Depp, so schablonenhaft habe ich damals gedacht. Erst mussten drei sterben, damit wir wieder zusammenkommen.« Heute treffen sie sich regelmäßig.

Bekannte neu entdecken

Ein Klassentreffen wird dann richtig spannend, wenn es nicht bei der Leistungsschau bleibt und auch nicht beim rituellen »Weißt du noch?«, glaubt Veiel: »Es gelingt, wenn wir einen neugierigen Blick auf Menschen werfen, die wir in- und auswendig zu kennen glauben und die doch nicht mehr dieselben sind. Wenn der Klassendepp die Chance hat, aus seiner Rolle auszubrechen, und die anderen ihm auf einmal richtig zuhören.«

Solche Momente allerdings sind selten, vor allem bei Jahrgangstreffen, bei denen über 50 Leute zusammenkommen. Dann steht man entweder mit der alten Clique herum oder läuft hechelnd von einem zum anderen, beantwortet im Fünf-Minuten-Takt die Frage »Und was machst du?«. Und auf manche Leute hat man einfach keine Lust: Langweiler bleibt Langweiler, und Tussi bleibt Tussi. Am schlimmsten sind die, die nur kommen, um sich zu produzieren: Auf einem Münchner Klassentreffen knutscht Elmar, der früher wegen seiner Außenzahnspange nie eine abbekommen hat, den ganzen Abend demonstrativ mit einer Blondine, die bestimmt noch kein Abitur hat. Dabei lautet die Grundregel jedes Klassentreffens: Der Partner muss zu Hause bleiben, er stört nur.

Die, die gelitten haben in ihrer Schulzeit, kommen oft gar nicht zu den Treffen. Martina ist extra hingegangen - um abzurechnen. Ihre Lehrerin hatte sie jahrelang als Idiotin hingestellt, ihren Eltern gesagt, dieses Kind werde nie das Abitur schaffen. Martina hat um den Abschluss gekämpft, heute ist sie Hochschuldozentin für Sozialwissenschaft. Als sie ihre Lehrerin beim Klassentreffen wiedersah, waren ihre Hände auf einmal wieder schweißnass, ihre Knie zittrig. »Erinnern Sie sich an mich? Sie haben mir gesagt, ich schaffe nie das Abi, jetzt lehre ich an der Uni.« Die Lehrerin schüttelte den Kopf: »Tut mir leid, ich erinnere mich nicht.«

Liebesbrief auf Latein

»Ich kam mir so doof vor, es war alles andere als der Triumph, von dem ich geträumt hatte«, sagt Martina. Auch Arzthelferin Birte ist enttäuscht: Der Junge, für den sie zu Schulzeiten jahrelang geschwärmt hat und der nie was von ihr wissen wollte, ist nicht da: »Ich hatte so gehofft, er kommt und ist alt und hässlich und ich freue mich, dass nix aus uns geworden ist«, sagt sie leise. Thomas wollte nicht abrechnen, nur etwas nachholen. Erst beim Klassentreffen in Flensburg konnte er Annette sagen, dass er früher in sie verliebt war: »Ich hatte einen 20-seitigen Liebesbrief an sie geschrieben, auf Latein. Leider habe ich ihn nie abgeschickt.«

Beim Zehnjährigen in Berlin fällt Quietschi am Ende zu Boden, so besoffen ist er. Früher wäre das lustig gewesen, jetzt ist es traurig. Das Partygirl von einst, inzwischen fest liiert und verbeamtet, flirtet mit dem Freund von damals. Heimat, sagt ein ehemaliger Schüler, sei kein Ort, sondern ein Gefühl von Jugend und Ausgelassenheit, das man auf Klassentreffen suche, zusammen mit den Leuten, mit denen man erwachsen geworden sei. Manchmal finde man es, manchmal spüre man nur, dass man etwas verloren habe. Wird er wieder hingehen, in fünf Jahren, selbe Zeit, selber Ort? Keine Frage.

Nikola Sellmair

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