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"Die Tiefseetaucher": Moby Dick im Retro-Look

Der Tiefenforscher Steve Zissou will nicht nur den seltenen Jaguar-Hai jagen, sondern auch Geschichte schreiben. Dabei warten jede Menge Überraschungen auf ihn.

Von Jens Lubbadeh

Was passiert, wenn man eine so illustre Besetzung wie Bill Murray, Cate Blanchett, Willem Dafoe und Anjelica Huston versammelt und einen Film auf einem Schiff dreht? Entweder, so möchte man meinen, kommt dabei ein knallharter Thriller heraus - mit Willem Dafoe als völlig durchgeknalltem Psychopathen und Bill Murray als Kalauer-Klopper, der die kreischenden Frauen mit schlechten Witzen bei Laune hält. Oder aber ein Film so schräg wie der Torpfosten auf dem Fußballplatz einer Kleinstadt-Grundschule.

Ist "Die Tiefseetaucher" ein schräger Film? Zuerst liegt der Verdacht nahe, hatte doch Regisseur Wes Anderson zuvor mit "Die Royal Tenenbaums" einen herrlich verschrobenen Film vorgelegt. Leider entpuppen sich "Die Tiefseetaucher" nach und nach als mehr schief denn schräg. Windschief. Die erfrischende "Tenenbaum"-Unkonventionalität ist zwar auch bei den "Tauchern" zu finden, überdeutlich sogar. Dennoch hat hier etwas nicht funktioniert. Nur was, so fragt man sich verzweifelt, kann eigentlich noch schief gehen, wenn Bill Murray, Willem Dafoe, Cate Blanchett, Anjelica Huston und sogar noch Jeff Goldblum mit an Bord sind?

Moby Dick lässt grüßen

"Die Tiefseetaucher" beginnen wie eine saftige Moby-Dick-Parodie: Steve Zissou, hoffnungslos verstaubter Naturforscher und -filmer, verliert bei einem Abenteuer seinen langjährigen Partner und Freund. Ein Jaguarhai hat ihn gefressen, so zumindest scheint es. Zissou schwört Rache und macht sich mit seinem Team auf die Jagd nach dem Untier.

So beginnt der Plot und man reibt sich innerlich die Hände und freut sich schon auf ein 118-minütiges Fest für die Grinsmuskeln, während man Murray beim Warmlaufen zusieht. So bleibt die Freude auch etwa das erste Viertel des Films lang ungetrübt. Doch leider wird die Captain-Ahab-Nummer nicht durchgezogen. Eher schien Regisseur Wes Anderson die humoristische Verfremdung von Familienkonflikten am Herzen zu liegen. Wie auch bei den "Tenenbaums" ist die Findung einer Beziehung zwischen Vater und Sohn (gespielt von Owen Wilson) ein zentrales Thema des Films.

Ermüdende Themen-Troika

Leider zündet es bei den "Tiefseetauchern" nicht so richtig. Stattdessen hat man eher das Gefühl, dass es hier gewollt in den Vordergrund geschubst wird. Diese Unentschlossenheit der Schwerpunktsetzung wird zu allem Überfluss noch bereichert von dem Topos des von Selbstzweifeln geplagten alterndenden Forschers. Und so findet man sich in einer Themen-Troika wieder, die auf Dauer ermüdet. Streckenweise wird der Film einfach langweilig. Schade ist das. Man verspürt förmlich Mitleid während man den exzellenten Schauspielern dabei zusieht, wie sie ihr Pulver in einem dahinplätschernden Plot verschießen.

Dennoch: der Film hat auch seine Qualitäten. Es scheint ein Naturgesetz zu geben, das da heißt: Es kann keinen schlechten Film mit Bill Murray in der Hauptrolle geben. Denn wenn er das Murray-Gesicht aufsetzt, ist das automatisch schon mindestens ein Grund, sich den Film anzusehen. Und in "Die Tiefseetaucher" setzt Murray das Murray-Gesicht auf. Oft sogar. Cate Blanchett? Unnötig zu sagen, dass es stets eine Freude ist, dieser Augenschmeichlerin beim Schauspielern zuzusehen. Sie nun in "Die Tiefseetaucher" als nervöse, Kaugummi kauende Journalistin zu erleben, bereichert das Blanchett-Erlebnis um eine weitere Facette.

Willem Dafoe schwäbelt

Der Kracher jedoch ist Willem Dafoe. Mr. Breitmaul haben wir schon als so ziemlich alles gesehen, vom Jesus bis zum grünen Kobold, aber bestimmt noch nie als eifersüchtigen deutschen Ingenieur Klaus Daimler in Shorts und mit Strickmützchen. Nur schade, dass irgendwer es für eine besonders witzige Idee hielt, Willem Dafoes Part in der deutschen Synchronisation brachial schwäbeln zu lassen. Das vergockelt "Die Tiefseetaucher" leider völlig zu Unrecht auf Bully-Niveau. Aber Synchronisationen sind ohnehin ein Problem für sich...

Doch neben Murray-Gesicht, Blanchett-Faktor und Dafoe-Überraschung gibt es einen ganz gewaltigen Grund, sich trotz aller Hängepartien die "Tiefseetaucher" anzusehen. Das ist die phänomenale Optik des Films. Sei es das 70er-Jahre-Super-8-Flair der Dokumentationsfilme, die schrillen Taucheranzüge, die wie aus einer Sparversion eines 60er-Jahre-James-Bonds entsprungen zu sein scheinen, bis hin zu dem allgegenwärtigen Buchstaben Z. Der gesamte Film scheint mit dem herrlich schlechten Zissou-Logo zugepflastert worden zu sein. Einfach zu köstlich, wenn wie in einer Jever-Werbung die Umrisse von Murray und Co. bei Dämmerung in abgewetzten schwarzen Sweatshirts in Großaufnahme zu sehen sind und knallweiß zwei billig aufgestickte Zs auf der Leinwand hin- und herwackeln. Mindestens ebenso herrlich ist auch das Flower-Power-Seepferdchen, nur noch übertrumpft von dem Neon-Jaguarhai.

Möchte man zu all dem noch alte David-Bowie-Songs auf Portugiesisch hören? Dann empfiehlt sich in der Tat der Tauchgang mit den "Tiefseetauchern".