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"Falco - Verdammt, wir leben noch!": Ein österreichischer Extremfall

Sein Leben liest sich wie das Drehbuch zu einer Soap: Auf seine berauschenden Höhenflüge folgten brutale Abstürze, künstlerisch wie privat. Regisseur Thomas Roth hat nun das Leben von Falco verfilmt - und zeigt seinen Fall als symptomatisches Künstlerschicksal.

Von Carsten Heidböhmer

Falco auf dem Höhepunkt seiner Karriere: "Rock me Amadeus" bescherte dem Österreicher einen Nr.-1-Hit in den USA

Falco auf dem Höhepunkt seiner Karriere: "Rock me Amadeus" bescherte dem Österreicher einen Nr.-1-Hit in den USA

Erstes Bild: Der Moderator einer großen US-Fernsehshow kündigt den Auftritt des österreichischen Künstlers an, der gerade die zweite Woche in Folge die Spitze der US-Charts belegt. Der Künstler betritt die Bühne, Applaus brandet auf. Er befindet sich in diesem Moment auf dem Zenit seiner Karriere. Zweites Bild: Ein völlig zugedröhnter Mann sitzt im Auto, dreht den Zündschlüssel, fährt los - und kollidiert mit einem heranbrausenden Lastwagen. So schmucklos endet das Leben von Österreichs größtem Popstar.

Mit diesen beiden Szenen beginnt der Film "Falco - Verdammt, wir leben noch!", ein Bio-Pic über den Popstar Falco. Wie unterm Brennglas verdichtet Regisseur Thomas Roth hier Glanz und Elend dieses hochbegabten Künstlers - auf den extremen Erfolg folgt der lange, unaufhaltsame Fall, der mit dem Tod im Alter von 40 Jahren endet.

Keine Freude über den Triumph

Kein anderer hat besser gespürt, wie nah Triumph und Abstieg beieinander liegen, als der Künstler selbst. Als er davon erfährt, dass er mit "Rock me Amadeus" die erste deutschsprachige Nummer eins in der US-Musikgeschichte gelandet hat, kann er sich nicht freuen. Während seine Freunde mit Sekt anstoßen und feiern, zieht sich Falco in seine Wohnung zurück und verfällt in tiefe Depression. Er spürt, dass es fortan nur noch bergab gehen kann: "Ich weiß, dass man mich in Zukunft immer daran messen wird. ... Und vielleicht kann ich das nie mehr wiederholen".

Es gehört zu den Stärken des Films, dass er nicht Falcos Leben von Anfang bis Ende nacherzählt, sondern sich auf entscheidende Stationen und Wendepunkte konzentriert, vor allem an seinem Fall exemplarisch die Tragik einer Künstlerpersönlichkeit herausarbeitet. Mit der Kunstfigur "Falco" hatte sich der Wiener Hans Hölzel ein prägnantes Alter Ego geschaffen, das ihm ermöglichte, seine Macken obsessiv auszuleben und seine Manierismen zu kultivieren - der exzessive Alkoholkomsum, das Kokettieren mit dem Koks, das arrogante Gebaren. So offensiv Falco der Öffentlichkeit gegenüber auftrat, so zerbrechlich, von Selbstzweifeln geschüttelt und harmoniebedürftig war die Privatperson Hölzel.

Der Popstar wütet im Privaten

Der Film legt nun nahe, dass die Kunstfigur mit dem echten Charakter zunehmend verschmolz, "dass er manchmal Hölzel, manchmal Falco war", wie Regisseur und Drehbuchautor Thomas Roth im stern.de-Interview sagte. Immer wieder sieht man den Popstar, wie er im Privaten wütet. Obwohl er in Jacky (Patricia Aulitzky) seine große Liebe gefunden hat, erniedrigt und schlägt sie, lärmt und feiert Partys bis tief in die Nacht, während sie mit das gemeinsamen Baby beruhigen muss - bis sie ihn schließlich verlässt. Hans Hölzel wünscht sich nichts sehnlicher als Ruhe und Geborgenheit im Kreise seiner Familie - und doch bricht immer wieder der Exzentriker Falco in ihm durch und vergrault die Menschen, die ihn am meisten lieben.

Dies ist die eine Seite des Films: das Drama eines Künstlers, der mit dem schnellen Ruhm nicht klarkommt. Der eigentlich nur Liebe will - doch unfähig ist, sie zu geben.

"Falco - Verdammt, wir leben noch!" funktioniert aber auch auf einer anderen Ebene: Es ist erzählte Popgeschichte. Der Film schildert die Anfänge von Falcos Karriere ausgehend von der Wiener Post-Punk-Szene der frühen 80er Jahre, legt die Mechanismen der Musikindustrie dieser Jahre offen, mit allen Tricks, wie ein gewiefter Manager seinen Schützling ins Radio drückt. Der Zuschauer wird Zeuge von Falcos frühem Ruhm mit seinem NDW-Hit "Der Kommissar" und der anschließenden künstlerischen Schaffeskrise, die der Erwartungsdruck der Plattenfirma bei ihm auslöst, einen weiteren Hit zu schreiben.

Der große Triumph mit "Rock me Amadeus"

Nachdem seine Karriere schon am Boden ist, gelingt dann schließlich der ganz große Triumph: "Rock me Amadeus", "Vienna Calling", "Jeanny": Mitte der 80er Jahre ist Falco die dominierende Figur in der deutsch-österreichischen Musikszene, mit Erfolgen sogar in Übersee. Immer wieder sind auch seine Drogenabstürze zu sehen, die zunehmende Vereinsamung des Künstlers. Dann der persönliche Schicksalsschlag, als er erfährt, dass seine heiß geliebte Tochter nicht von ihm ist. Schließlich die Übersiedlung in die Dominikanische Republik und der viel zu frühe Tod, der ihn getreu seines Mottos ereilt: "Ich lebe nur einmal. Und so, wie ich lebe, ist einmal auch genug."

Leider nimmt sich der Film etwas viel vor. Falcos Leben, eine Popgeschichte der 80er Jahre, Künstlerproblematik im Allgemeinen - das alles passt unmöglich in einen Film. Statt eines schlanken 90-Minüters wird "Falco - Verdammt, wir leben noch!" auf zwei Stunden aufgeblasen. Weniger wäre mehr gewesen.

Manuel Rubey brilliert als Falco

Bleibt die Entdeckung dieses Films: Nachdem der ursprünglich vorgesehene Robert Stadlober die Rolle des Falco ablehnte, sprang Manuel Rubey ein. Ursprünglich als Kabarettist und Sänger bekannt geworden, offenbart der 29-jährige Wiener in seiner ersten Kinohauptrolle ungeheures Potenzial. Auch von Patricia Aulitzky in der Rolle von Falcos großer Liebe Jacky wird man sicher noch hören.

In Falcos Heimat lief der Film bereits erfolgreich in den Kinos - mit mehr als 140.000 Zuschauern ist er der erfolgreichste österreichische Film in österreichischen Kinos seit dem Dokumentarfilm "We feed the world" von 2006. Offenbar hat Falco recht behalten, als er prophezeite: "Mich werden sie erst wieder ganz liebhaben, wenn ich ganz tot bin".

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