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"Happy-Go-Lucky": Durchgeknallt in London

Lehrerin Poppy lässt sich vom miesen Wetter in London nicht beeindrucken. Die Filmheldin von "Happy-Go-Lucky" ist so penetrant gut gelaunt, dass der Zuschauer schon fast schlechte Laune bekommt.

Poppy geht nämlich stets vergnügt, hilfsbereit und mit ungekünstelt offener Neugier durchs Leben. Die zierliche Frau, die den Mann fürs Leben noch nicht gefunden hat, ist Grundschullehrerin im Norden der britischen Metropole, vor allem aber ist sie die Hauptfigur in Mike Leighs neuem Film "Happy-Go-Lucky".

Leigh ist seit vielen Jahren als Meister des realistischen Films bekannt. Er will das Leben und die Menschen zeigen, wie sie sind. Dafür hat der 65-jährige Filmemacher, der in der Regel ohne ausgefeiltes Drehbuch seine Projekte verwirklicht, schon viele Auszeichnungen bekommen, darunter zweimal den Hauptpreis des Festivals von Cannes sowie fünf Oscar-Nominierungen für sein 1996 aufgeführtes Meisterwerk "Lügen & Geheimnisse". Noch nie jedoch hat der bärtige Brite einen so heiteren Film wie "Happy-Go-Lucky" in Szene gesetzt.

Mit Sally Hawkins als Poppy hat Leigh dafür die ideale Darstellertin ausgewählt. Hawkins ist gewiss keine perfekte Schönheit, aber voller Vitalität und Spielfreude. Ihr nimmt der Zuschauer jede Sekunde den Gute-Laune-Typ ab, den sie verkörpert. Zu den Höhepunkten des Films, der mit 118 Minuten Laufzeit einige Kürzungen gut vertragen hätte, gehören die Fahrstunden-Szenen von Poppy. Denn der mürrische, vom Leben restlos verdrossene Fahrlehrer Scott, der ihr das Rüstzeug für den Führerschein geben soll, ist das genaue Gegenteil der stets zum Lachen aufgelegten Pädagogin. Es ist sehr vergnüglich zu sehen, wie Poppy und Scott sich im Auto in den Haaren liegen und was sich sonst noch zwischen den beiden tut.

So sympathisch, aber auch ein wenig nervig

Scott ist aber nicht der einzige Mann, der die lustige Poppy interessant findet. Denn da gibt es auch noch den sensiblen Sozialarbeiter Tim, der sich um einen schwierigen Jungen in der Klasse der Lehrerin kümmert. Bald landen Tim und Poppy gemeinsam im Bett. Aber mindestens ebenso gerne ist sie mit ihren Freundinnen zusammen, besonders mit Zoe, die nicht nur Poppys Kollegin, sondern auch Mitbewohnerin ist. Eine andere Kollegin, die blonde Heather, animiert sie zur Teilnahme an einem Flamenco-Kurs. Auch die sich daraus ergebenden Szenen sind witzig, wozu auch die eitle Kursleiterin Rosita aus Sevilla beiträgt. Es ist wahrlich sehr schwer, diese warmherzige Londonerin nicht ins Herz zu schließen. Aber es ist auch nicht ganz einfach, fast zwei Stunden mit einer unerschütterlich gut gelaunten Hauptfigur zu verbringen, denn irgendwann nervt das ein wenig.

Regisseur Leigh, dem in seinem bisherigen Werk die düsteren, grauen Seiten der Realität keineswegs fremd gewesen sind, zeigt mit dieser Poppy einen schon demonstrativ heiteren Gegenentwurf zu all den Miesmachern, Egoisten, Verzweifelten und Pessimisten, die unsere Städte so zahlreich bevölkern. Vielleicht war das einfach mal fällig. Bei den Berliner Filmfestspielen im Februar hat die Poppy-Darstellerin Sally Hawkins unter großem Beifall den Darstellerpreis gewonnen. Als sie ihren Silbernen Bären überreicht bekam, strahlte sie so mitreißend, dass in der winterlichen Hauptstadt für einen schönen Moment die Sonne aufging. Wer mehr von diesem Strahlen will, sollte unbedingt in eine Eintrittskarte von "Happy-Go-Lucky" investieren.

Wolfgang Hübner/AP / AP
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