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"Haus aus Sand und Nebel": Der amerikanische Albtraum

Eine Einwandererfamilie kämpft mit einer zu unrecht Enteigneten um ein Haus am Meer. Der Zusammenprall der Außenseiter steuert auf eine Katastrophe zu.

Es ist ein Kampf um einen Traum. Der Traum vom Aufstieg in der nordamerikanischen Gesellschaft, von ein wenig Wohlstand, von Ansehen. Der ehemalige persische Luftwaffenoberst Massoud Amir Behrani träumt von seinem alten Leben in Teheran. Nach der Revolution unter Khomeini musste er mit seiner Familie in die USA fliehen. Dort werden sie aufgenommen, aber nicht willkommen geheißen. Behrani schuftet am Tag als Straßenbauarbeiter und nachts als Verkäufer einer Tankstelle. Seiner Familie spielt er das Leben eines Geschäftsmannes vor: Bevor Behrani nach Hause fährt, wäscht er den Staub und die Demütigungen ab, tauscht den Blaumann gegen einen feinen Anzug. Doch die Hochzeit seiner Tochter zehrt alle finanziellen Reserven auf.

Kathy Nicolos Vater hat sich seinen Traum erfüllt. Er arbeitete hart und legte genug Geld beiseite um ein kleines Haus am Meer zu bauen. Doch nach seinem Tod gerät das Leben von Kathy aus den Fugen. Ihr Mann verlässt sie, ihre besten Freunde werden Jack Daniel's, Jim Beam und andere Hochprozenter. Doch es kommt noch schlimmer. Gefangen in ihren Ausflüchten, verliert Kathy den Bezug zur Realität. Die ungeöffneten Mahnbriefe stapeln sich unter dem Briefschlitz wie die ungewaschenen Teller in der Küche. Als Kathy auf eine Mahnung der Kommune nicht reagiert, wird ihr Haus zwangsversteigert. Doch alles ist ein Verwaltungsfehler: Kathy soll zu Unrecht Gewerbesteuer nachzahlen. Erst als alles zu spät ist, beginnt sie zu kämpfen.

Haus unter Marktpreis

Behrani entdeckt währenddessen auf den Immobilienseiten der Zeitung ein Haus direkt am Meer, das deutlich unter dem Marktpreis zu haben ist. Er kratzt den letzten Rest Geld zusammen und kauft das Haus, Kathys Haus. Dann gibt er eine Verkaufsanzeige auf und verlangt ein Vielfaches seines Kaufpreises. Bald melden sich die ersten Interessenten. Behrani kündigt seine Jobs und zieht mit seiner Familie vorübergehend in das Haus ein.

Kathy ist völlig pleite. Sie arbeitet tagsüber als Putzfrau und nachts fährt sie zu ihrem Haus und beobachtet die neuen Bewohner. Die Kommune, von der Behrani das Haus gekauft hat, bittet ihn, wieder auszuziehen und bietet eine großzügige Entschädigung an. Doch er will das große Geschäft machen.

Kathy rechnet mit dem Schlimmsten

Der Polizist Lester Burdon (Ron Eldard) bietet Kathy seine Schulter zum Anlehnen und verlässt für sie Frau und Kinder. Er nimmt das Gesetzt nun selbst in die Hand: Für ihn zählt seine Moral, nicht Paragraphen. Er setzt Behrani unter Druck, indem er seiner Familie mit Abschiebung droht. Doch Behrani, längst US-Bürger, bleibt ruhig. Er beschwert sich beim Polizeichef und bewirkt, dass Lester vom Dienst suspendiert wird. Während Lester, der von seinen Vorgesetzten verhört wird, erwartet ihn Kathy daheim und vermutet, dass er zu seiner Familie zurückgekehrt sei. Im Suff entdeckt sie die Dienstwaffe von Burdon und entschließt sich zu einer radikalen Tat...

Regisseur Vadim Perelman erzählt in seinem Spielfilmdebüt eine tragische, traurige Geschichte von verzweifelten Menschen, die fast alles verloren haben. Dies gelingt ihm, ohne ins Kitschige abzugleiten. Seine Schauspieler, vor allem die Oscar-Preisträger Ben Kingsley (Behrani) und Jennifer Connelly (Kathy), spielen den bitteren Kampf zweier Außenseiter überzeugend. Kingsley erhielt für seine Darstellung eine Oscar-Nominierung.

Beeindruckend sind die melancholischen Bilder aus dem nebeligen Kalifornien, das längst nicht für alle Einwohner ein Sonnenstaat ist. Der ehemalige Werbefilmer Perelman setzt auf visuell stimmungsvolle Bilder, verzichtet aber auf Effekthascherei. Wie es ist, aus einem Land zu fliehen und in der neuen Heimat nicht anzukommen, hatte Perelman als Kind selbst erlebt. Ähnlich der iranischen Einwandererfamilie musste er sich einer fremden, neuen Kultur anpassen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb es ihm gelang, die Geschichte derart lebensnah zu verfilmen.

Hauke Friederichs
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