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"Hero": Ein Land sieht rot

Der erfolgreichste Film Chinas kommt nach Deutschland: Zhang Yimous ebenso prächtiges wie umstrittenes Kung-Fu-Epos "Hero".

Es gibt nicht viele Filmemacher, die ein paar Dutzend Bauern anstellen, um tagelang und säckeweise Pappelblätter zu putzen, irgendwo am Rande der Steppe. Zhang Yimou, Chinas bekanntester Filmemacher, ist so einer - einer, den das kleinste Staubkorn zur Verzweiflung treibt.

Bei den Dreharbeiten für sein Kung-Fu-Epos "Hero" in der inneren Mongolei muss ein Späher zwei Wochen warten, bis das Laub goldgelb glänzt. Dann erst bricht der Regisseur mit seinem 300-Leute-Tross auf, lässt "Mond" durch die Luft zischen, gespielt von Zhang Ziyi, die er vor Jahren bei einem Casting für Shampoo-Werbung entdeckt hatte und die weltweit berühmt geworden war als Kämpferin in "Tiger & Dragon". Sie hängt an einem fingerdicken Seil, wird getragen von einem Kran, in der Hand ein martialisches Schwert. "Mond" wird verfolgt von "Fallender Schnee" (Maggie Cheung).

Tausende Blätter wirbeln umher, bewegt durch eine Windmaschine. Wenn das Sonnenlicht nicht reicht, lässt sie Zhang Yimou mit 6000-Watt-Scheinwerfern anstrahlen. "Wir mussten die Sequenz ein Dutzend Mal drehen. Jedes Mal waren die Blätter staubig, jedes Mal mussten sie geputzt werden", erzählt Wang Bin, Drehbuchschreiber und Freund des Regisseurs. Zhang Yimou war immer noch nicht zufrieden. Er teilt die Blätter in Güteklassen ein. "A" für perfekte Blätter, die direkt vor den Gesichtern der Schauspieler aufgenommen werden dürfen, "B" für jene, die am Bildrand wehen, "C" für Laub am Boden.

Mit seinem ausdrucksstarken, rasierten Schädel sieht Zhang aus, wie sich Europäer einen buddhistischen Mönch vorstellen. Der 51-Jährige spricht wenig und behandelt Schauspieler mit ausgesuchter Höflichkeit. In seiner 20-jährigen Karriere verlor er nur einmal die Beherrschung am Set. Für den preisgekrönten Film "Leben" (1994), der in China verboten wurde, weil er die Grausamkeiten der Mao-Zeit schilderte, musste die Hauptdarstellerin Maos "Rotes Buch" in der Hand halten. Zhang starrte auf die Szene, etwas stimmte nicht. Das Buch war eine federleichte Attrappe, dem Frauenarm fehlte die Spannung. "Verdammt", fluchte Zhang, "könnt ihr nicht mal eine Mao-Bibel auftreiben?"

"Bei ihm zu Hause hat jedes Paar Socken seinen Platz", erzählt Wang Bin. "Yimou ist eben Perfektionist." Für den 30 Millionen Dollar teuren Film "Hero" inszenierte er dramatische Schwertkampfszenen im Stil eines Balletts - und beinahe ohne Blut. Sie sind ebenso schön anzusehen wie die monumentalen Aufnahmen der Kaiserarmee und die spektakulären Wüsten- und Seelandschaften. Deshalb werden nicht nur Kampfsport-Fans den Film mögen. Virtuos spielt Zhang mit klassischer chinesischer Kultur wie der Kunst des Schönschreibens und der Zithermusik. Seine Themen aber sind zeit- und staatenlos: Liebe und Tod, Eifersucht und Ehre, Opfermut und Freiheit.

"Hero" erzählt eine 2000 Jahre alte Geschichte: Der erste chinesische Kaiser, der laut Überlieferung schon mal einige hundert Gelehrte lebendig begraben ließ, eint das Reich in vielen Kriegen. Seit Jahren gibt es Pläne, ihn zu beseitigen. "Namenlos", den Tyrannenmord im Herzen und glänzend gespielt vom Kung-Fu-Star Jet Li, tötet drei Verschwörer, um so das Vertrauen des Kaisers zu erwerben. Er ist nur zehn Schritte vom Herrscher entfernt, da übermannen "Namenlos" Zweifel. Der Kaiser soll leben, nur er kann den Frieden nach so vielen Jahren des Krieges garantieren. "Namenlos" wird am Ende bestraft, der Kaiser verdrückt eine Träne.

Die Botschaft, dass "das Leid des Einzelnen nichts zählt gegenüber dem eines ganzen Volkes" und dass Gewalt nötig sein kann, um Frieden zu schaffen, hat Kritik hervorgerufen, international vor dem Hintergrund des Irak-Kriegs, aber auch in China. Zwar ist "Hero" der kommerziell erfolgreichste Film, der je in der Volksrepublik produziert wurde. Intellektuelle aber werfen Zhang vor, mit dem Spielfilm auch das Massaker von 1989 zu rechtfertigen, als die kommunistische Führung den Aufruhr protestierender Studenten auf dem "Platz des Himmlischen Friedens" blutig niederschlagen ließ.

Zhang Yimou, Sohn eines Offiziers, der gegen Mao kämpfte, hat unter den Kommunisten gelitten. Sie haben ihn zur Zwangsarbeit aufs Land geschickt. Er hat sie in seinen Filmen angeklagt, manchmal so feinsinnig, dass es selbst die Zensoren nicht merkten. "Er ist kein politischer Regisseur", sagt sein Freund Wang Bin, "Zhang Yimou ist einfach ein Geschichtenerzähler."

Matthias Schepp / print