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"Leben im Gutshaus": Als die Welt noch oben und unten war

Weder Strom noch fließend Wasser, dafür klare Standesregeln: Nach dem "Schwarzwaldhaus" hat die ARD nun das "Leben im Gutshaus" verfilmt. Als Diener dabei: stern-Mitarbeiter Matthias Schmidt.

Von Matthias Schmidt und David Baltzer (Fotos)

Das Schlimmste zuerst. Das Schlimmste war der Vatermörder. Nicht die pausenlose Plackerei, die Blasen an den Händen und Füßen. Nicht das umständliche Bügeln, bei dem man vorsichtig ein glühend heißes Eisen aus der Ofenglut fischt, das dann nur wenige Minuten lang richtig warm ist. Nicht das Plumpsklo, nicht die fehlende Wasserspülung, für die es eine Schaufel Torf richten musste. Auch nicht die herzzerreißende Szene, in der das Hausmädchen Svenja am Mittagstisch in Tränen ausbricht, weil ihr vorgeworfen wird, die Schuhe der jungen Herren nicht ordentlich zu putzen.

Nein, das Schlimmste war der Vatermörder. Für die Jüngeren: Das ist ein extrem steifer, hoher Hemdkragen, eine Art Korsett für den Hals. Und den spürte ich bei jeder Bewegung. Wer 13 Stunden schuftet, Stühle schleppt, Silber putzt, Zimt reibt, Staubzucker mahlt, Tische ein- und wieder abdeckt und dabei treppauf, treppab durch die drei Stockwerke eines ausladenden Gutshauses wetzt, bekommt bald einen dicken Hals.

Ich wurde für einen Tag als Zugehdiener in einem preußischen Gutshaus angeheuert. Entscheidendes Detail: ein Gutshaus im Jahre 1906. Kein Strom, kein fließendes Wasser, kein Handy. Die anderen Bewohner waren schon seit acht Wochen dort. Eingezwängt in ein Korsett aus Konventionen und Standesregeln. Für das Personal galt die 100-Stunden-Woche, die bei jedem Gewerkschafter von heute sofortigen Herzstillstand auslösen würde. Freizeit, ein Wort aus einer anderen Galaxis. Alle zwei Wochen gab's am Sonntagnachmittag frei. Wenn nicht gerade was Besseres zu tun war.Warum der Aufwand? Nach dem Quoten- und Grimme-Preis-Erfolg seines Vierteilers "Schwarzwaldhaus 1902" hat Regisseur Volker Heise für die ARD eine neue Idee realisiert: Menschen von heute in einem Gutshaus in der Gründerzeit, Zweiklassensystem inklusive. Dafür suchte man normale Bürger, keine Schauspieler. Man fand ein Chirurgenehepaar mit sechs Söhnen als Gutsfamilie, einen Realschullehrer als Diener, eine Business-Frau mit drei eigenen Restaurants und Cateringservice als Mamsell, einen Gärtnermeister als Kutscher, eine Gymnasiastin als Hausmädchen und eine Bäckerin als Küchenmädchen. Insgesamt: elf oben im Salon, neun unten in der Küche.

Zwei Kamerateams waren immer dabei. Sie agierten unauffällig, trugen Schwarz, flüsterten und griffen nie ins Geschehen ein. Es ging nicht um "Big Brother"-Voyeurismus, sondern um das Abenteuer Alltag, ein Stück deutscher Kulturhistorie und, nicht zuletzt, ein soziologisches Experiment. Heise: "Beim Schwarzwaldhaus hieß es Mensch gegen Natur, jetzt Schwein oder Sein."

Herausgekommen ist ein sehenswerter 16-teiliger Dokumentarfilm (ab 9. November, Dienstag bis Freitag um 18.50 Uhr im Ersten). Ohne Drehbuch, dafür mit viel Seifenoper. Denn klar: Wenn man so viele unterschiedliche Persönlichkeiten unter ein Dach steckt, spielen sich irgendwann kleinere und größere Dramen ab. Es wurde hinter den Kulissen geschimpft, gelästert, geflirtet und auch gezüchtigt: Hauslehrer Moseler, auch im echten Leben Pädagoge, wusste mit den Söhnen der Gutsherren manchmal nicht mehr anders weiter: "Ich hätte es gern öfter getan."

Stallbursche Sebastian stibitzte

sogar: Eine Flasche guten Rotweins warf er aus dem Küchenfenster ins nahe Gebüsch, rettete sie später unbeobachtet und leerte sie mit dem Hausburschen. Warum nicht mit dem Stubenmädchen? Sebastian: "Zu viel zu tun. Wir hatten keine Zeit für Techtelmechtel."

Erstaunlicherweise blieben alle in ihrer Rolle, wenn die Kameras abgeschaltet waren. Svenja: "Es hieß nicht: Die Kamera ist weg. Sondern höchstens: Die Mamsell ist weg." Die hatte Geschmack an dem Zeitsprung gefunden: "Alles selbst zuzubereiten, Nudeln, Brot, Marmelade, Wurst, das ist ein viel größerer Genuss als kaufen und aufschneiden." Doch der Preis war hoch. "Ich war sehr einsam. Teile meines Gesindes haben mich sicherlich gehasst. Zu Recht." Ihre Machtfülle ("Kutscher, du sollst nicht denken, sondern arbeiten!") war ihr unangenehm, niemand war da, der sie kontrollieren konnte: "Ich habe meine Rolle extremer und strenger interpretiert als die anderen, weil ich ihnen das Geschenk der Zeitreise machen wollte. Ich habe nie mit der Sympathie der TV-Zuschauer kokettiert."

Für das Hausmädchen Svenja war es am schlimmsten, fremde Unterhosen zu waschen. Am Anfang der Dreharbeiten hatte sie jeden Tag geweint: "Man wird untergebuttert, handelt nur auf Befehl und kann nie die Klappe aufreißen. Das wird wohl später im Berufsleben ähnlich sein." Auch Gutsherr und Gutsfrau waren hinterher nicht komplett zufrieden: "Das Nichtstun ist auf Dauer langweilig. Man ist nie alleine, sondern wird ständig umsorgt. Der eine holt den Toiletteneimer, die andere wedelt Staub. So hat man weniger Intimsphäre als ein Dienstbote." Aber, so Gutsherrin Weber, "schon schön, wenn man nicht alles selber machen muss".

An meinem Tag sollte abends

ein großer Ball steigen. Mit Tanz, mehrgängigem Menü, reichlich Gästen und Getränken. Jeder Helfer, jede zusätzliche Hand herzlich willkommen. Und da ein Diener eine Art lebende Visitenkarte für so ein preußisches Herrenhaus darstellt, war mein gepflegtes Vatermörder-Outfit Pflicht. Was ich sonst noch alles musste: fleißig sein, schweigsam und treu. Anweisungen sofort und ohne Widerspruch erledigen. Und immer in Hörweite bleiben, falls die Herrschaft mit der kleinen Glocke läutet.

Mein größtes Problem: die komplizierte Etikette. Wem muss ich Platz machen, wer mir? Wen darf ich mit Vornamen ankumpeln, wen muss ich siezen? Mein Chef war eine Frau, die strenge Mamsell, verantwortlich für die Organisation des Haushalts und zugleich Köchin. Der Diener Arndt, der mich einwies - ich scheiterte schon beim Mustergedeck -, erhielt dagegen seine Order direkt vom Hausherrn. Den, so Arndt, sollte ich am besten nie direkt anschauen. Nur reden, wenn gefragt. Sehr wohl, gnädiger Herr; ich werde mich sofort darum kümmern, gnädige Frau.

Natürlich ging beim Ball einiges in die Hose: Die Garderobe der Gäste wurde munter verwechselt, eine der zusätzlich eingestellten Küchenhilfen schmiss vorzeitig hin. Acht Stunden Geschirrspülen fast ohne Pause waren ihr zu viel. Und der Weißwein landete schon mal im Rotweinglas. Dafür war das Essen großartig: Rinderfilet, Salat, Vanilleeis mit Pfefferminzlikör. Vorher hatte man sich tagelang nur von Pökelfleisch in allen Varianten ernährt, weil in der zu feuchten Vorratskammer viele Lebensmittel verschimmelt waren.

Die Gutsbesitzer habe ich an dem langen Arbeitstag kaum gesehen. Den Hausherr, wie er - überm Schreibtisch versunken - Korrespondenz erledigt. Die Hausherrin bei der Polonaise durch einen Spalt der Schwingtüren. Der Lohn von der Mamsell: 1,60 Mark; ein Küchenmädchen musste dafür zwei Wochen schuften. Ein schriftliches Zeugnis bescheinigte mir "Geschick und Eifer", man würde mich als Hilfsdiener jederzeit und sofort wieder einstellen.

Was haben wir gelernt? Die Hackordnung reichte damals bis in die Badewanne. Da heißes Wasser kostbar war, saß die Dienerschaft nacheinander in derselben Brühe. Die Religion wiederum hatte was richtig Gutes. Diener Arndt: "Der Kirchgang am Sonntag war der einzige Moment zum Durchatmen. Es gab Musik für alle, eine Ahnung von Freiheit jenseits aller Hierarchien." Und Gesundheit war Luxus: "Eine Vorsorge fand damals nicht statt. Fauler Zahn? Wenn du Glück hast, überlebst du."

Und ich? Ich kann jetzt vier volle Teller auf einmal tragen und eine festliche Tafel vorschriftsmäßig decken. Mit ein wenig Übung könnte vielleicht ein passabler Butler aus mir werden. Aber, bitte, ohne Vatermörder.

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